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Die Ordnung des Dschungels: So klingt "Hermeto's Universe" | BR24

© Audio: BR / Bild: pa, dpa

Jazzmusiker Hermeto Pascoal hat ein neues Album veröffentlicht

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Die Ordnung des Dschungels: So klingt "Hermeto's Universe"

Nicht gerade der nächste Weg führt von Brasilien nach Norwegen, und doch widmet sich das älteste Bläser-Ensemble des hohen Nordens auf dem neuen Album der Musik des wegweisenden Jazzers und Avantgardisten Hermeto Pascoal – mit viel "Fernweh".

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"Rebulico" heißt das Stück, das ist brasilianisches Portugiesisch und meint, mit einem Augenzwinkern, so viel wie Unordnung , Getümmel, Durcheinander, Tohuwabohu. Dazu meint Steffen Schorn vom "Norwegian Wind Ensemble": "Es gibt wahnsinnig viel gleichzeitig, aber in einer Ordnung, die wir vielleicht noch nicht verstehen. Das erinnert mich an den Dschungel, wo auch irrsinnig viel gleichzeitig passiert. Andere Stücke, die diese wahnsinnig langen Melodiebögen haben, die haben für mich was Ozeanisches, also Dschungel und Ozean, das sind so für mich die beiden Pole und beides hat natürlich einen exotischen Charakter und bei mir so ein Fernweh entfacht."

Musik als Lebensform mit Tiefgang

Steffen Schorn, Jahrgang 1967, ist Saxophonist und Musik-Hochschuldozent unter anderem in Nürnberg, und das nicht nur für Jazz , sondern für Musik als Lebensform mit spirituellem Tiefgang, wie etwa die Musik des brasilianischen Multi-Instrumentalisten und Komponisten Hermeto Pascoal. Vor wenigen Tagen erst feierte Hermeto seinen 84. Geburtstag und passend dazu ist Schorns Würdigung dieses Großmeisters seiner Zunft erschienen: "Hermeto’s Universe".

© Lasse Valentin Brown/Promo

Norwegian Wind Orchester

"Rainha da Pedra Azul", "Blaue Königin Petra", das musikalische und damit spirituelle Lebensuniversum des Hermeto Pascoal ist vielgestaltig, vieldeutig, vielschichtig: Rhythmen überlagern einander, pulsieren gegenläufig, beschleunigen oder verlangsamen einen beständigen Fluss von Klängen, die scheinbar unaufhörlich einfach sind, existieren, und Hermeto’s Botschaft ist dabei offenbar: Rede nicht so viel, sondern höre, tauche ein, spüre, lass dich drauf ein. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen: "Nem da pra dizer".

"Wie ein rüpelhafter Teenager"

Steffen Schorn hingegen hat noch einiges zu ergänzen: "Ich kenne ihn nun wirklich schon lange, seit 1992, und das Einzige, was ich letztlich mit ihm an Worten gewechselt habe, ist: Wie geht’s der Familie? Und letztlich phonetischen Nonsens. Also auch die Ebene, dass ich jetzt seine Musik adaptiert habe, das lief nicht über Noten, sondern mein Anliegen war, alles rauszuhören. Aber er hat natürlich eine extrem verinnerlichte Beziehung zur Natur. Er kommuniziert auch mit ihr, und mit Tieren, das weiß man ja, und wenn man ihn nicht kennt, dann sieht er ein bisschen aus wie Nikolaus mit diesem weißen Rauschebart und diesen wilden Haaren. Er ist Albino, sieht extrem schlecht, ist aber der intuitivste Mensch, den ich kenne. Er ist ein bisschen wie ein Kind, er spielt mit allem, was ihm unterkommt, oder wie ein rüpelhafter Teenager, der viel Quatsch im Kopf hat und eben nichts anderes zu tun hat, als bislang ungefähr 8.000 Kompositionen zu komponieren."

© Promo

Cover des Albums

Hermeto Pascoal lebt und arbeitet mit seiner "Grupo" in der Nähe von Rio de Janeiro auf dem Land und ist nicht, wie Steffen Schorn, hier und dort mit verschiedenen Projekten unterwegs. Die Arbeit der Grupo ist auf zahlreichen Platten dokumentiert, die ein akustisches Schlaglicht werfen auf die Entwicklung der modernen brasilianischen Musik, die ohne Hermeto Pascoal schlicht nicht denkbar ist. Vieles an dieser einzigartigen Musik wirkt auf ein unvorbereitetes Publikum wild und ungestüm, etwas durcheinander zuweilen, eben "rebulico", während sie in den Arrangements Steffen Schorns ein wenig zur weisen alten, zur "Grande Dame" gewandelt ist. Die Tempi sind nicht mehr ganz so rasend wild, die Melismen eher nordisch kühl, was kein Wunder ist, denn das "Norwegian Wind Ensemble", das älteste Blasensemble Norwegens, hat, logisch, eine andere Haltung zum Ozeanischen, oder zum dschungelähnlichen Ambitus dieser Musik, als heißblütige brasilianische Interpreten.

Ja, diese Musik spricht , wenn man so will, in Zungen zu uns, und Steffen Schorn ist mit seiner Adaption durchaus auf einer richtigen Spur, die uns womöglich tatsächlich zum heiligen Gral der brasilianischen Musik führt, wie sie im Universum Hermeto Pascoals erklingt. Dazu aber braucht's einen klaren Geist: "Una mente clara".

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