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Eine Münchnerin ist Erfurts Stadtgoldschmiedin 2020 | BR24

© Alexandra Bahlmann

International das Rennen gemacht: Die in München lebende Alexandra Bahlmann zieht im Mai für drei Monate als Stadtgoldschmiedin nach Erfurt

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Eine Münchnerin ist Erfurts Stadtgoldschmiedin 2020

"Stadtschreiber" sind weithin bekannt. Erfurt leistet sich einen "Stadtgoldschmied". 2020 wurde für diesen glanzvollen Posten die Münchner Schmuckgestalterin Alexandra Bahlmann ausgewählt. Ihr Schmuck hat auch eine politische Komponente.

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Dass es schwierig sein würde, vom Schmuckmachen zu leben, war ihr von Anfang an klar, aber Trotz war Alexandra Bahlmann schon immer eine große Antriebskraft im Leben: "Mir hat das Angewandte gefallen, dass man für einen Zweck arbeitet. Damals war Dekoration ein Schimpfwort und ich hatte nun einfach mal ein Faible für das Dekorative. Ich konnte das nicht so laut sagen, das war tabu damals. Aber ich wusste es und ich finde auch bis heute nicht, dass das Dekorative Inhalte ausschließt."

Schmuck-Ausstellungen im Köfferchen

Und so machte die 1961 in Düsseldorf geborene Bahlmann auch gegen alle Widerstände eine Goldschmiedelehre. Es folgte ein Schmuckstudium an der Gerrit Rietveld Academie in Amsterdam, später wechselte sie an die Akademie für Bildende Künste in München, wo sie bis heute arbeitet. Alexandra Bahlmann macht vor allem Halsketten, aber auch Ohrringe und Armbänder, meist aus Silber und oft mit kleinen Edelsteinperlen: "Ich habe natürlich alles ausprobiert, Kunststoff, Papier,... Und habe dann festgestellt, dass ich eine Affinität zu Metall habe: der Widerstand des Metalls, das Feuer. Ich habe auch gemerkt, dass es mich nervt, große Sachen zu machen, weil man dann Lagerräume braucht und große Werkstätten. Ich fand das immer super – mit einer Schmuckausstellung im kleinen Köfferchen!"

© Alexandra Bahlmann

Lustvoll, farbenfroh, opulent: Alexandra Bahlmanns Armbänder aus Natursteinen sind echte Hingucker

Es ist ein lustvoller Schmuck, ohne Angst vor Schnörkeln. Historische Formen werden zitiert und variiert, mal verspielt, mal geometrisch, mal ironisch, alles darf sein. Ihre "Begierde nach Farbe", wie sie es nennt, sättigt Bahlmann mit winzigen Edelsteinperlen: schwarzer Spinell, grüner Amazonit, Karneol oder Granat in Rot, Lavendelquarz in hellem Lila und Grau. Natursteine in ihrer beschränkten, aber eben auch ausgewogenen Farbigkeit.

Tragbare und bezahlbare Hingucker

Alexandra Bahlmanns Schmuck ist opulent, ohne gleich nach Aufmerksamkeit zu schreien. Er ist unkonventionell ohne zu provozieren, ein Hingucker, der auf den ersten Blick pure Gestaltungsfreude erkennen lässt. Auf den zweiten Blick zeigt sich, wie extrem gut durchdacht und konstruiert die Sachen sind. Absolut tragbar, nicht nur in formaler, sondern auch in sozialer Hinsicht, betont die Schmuckkünstlerin: "Ich versuche immer, Schmuck zu machen, der bezahlbar ist. Das ist in gewisser Weise auch ein politischer Ansatz. Dadurch entsteht eben eine Serie – oder Kleinserie in meinem Fall. Wo man sehr gut plant und rationell arbeitet, es aber trotzdem prachtvoll ist." Wenn es nicht gerade um Gold geht, bleiben die Stücke im dreistelligen Euro-Bereich. Bei den Juroren für das Amt des Erfurter Stadtgoldschmieds kamen dieses Konzept und die Ästhetik der Arbeiten gut an.

© Alexandra Bahlmann

Vom Schmuckmachen leben können: Alexandra Bahlmann hat dafür das richtige Konzept und damit auch die Jury in Erfurt überzeugt

Schmuck spielt in der Erfurter Kulturszene eine wichtige Rolle. Bereits seit 1984 findet hier ein Internationales Schmuck-Symposium statt. Alle zwei Jahre im Herbst kommen zehn Schmuckkünstler aus aller Welt zusammen: Von Australien bis Amerika, von Korea bis Estland reisen sie an, hören Fachvorträgen zu, tauschen sich über Techniken aus, diskutieren theoretische Überlegungen, essen und arbeiten miteinander. Zusätzlich wurde 1994 das symbolische Amt des Stadtgoldschmieds bzw. -Schmiedin eingeführt.

Felix Lindner, Mitglied der diesjährigen Jury, ist selbst ehemaliger Erfurter Stadtgoldschmied und schwärmt von der guten Infrastruktur: "Der Stadtgoldschmied bekommt eine kleine Wohnung und eine Werkstatt in den städtischen Künstlerwerkstätten. Das ist ein relativ großes Atelier, das wirklich viele Möglichkeiten bietet. Aber der Stadtgoldschmied ist auch angehalten seine Umgebung zu erkunden. Also das ist eine Entdeckungsreise – und eigentlich auch ein Geben und Nehmen."

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