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Der Film "Die Maske" ist eine bissige Gesellschaftssatire | BR24

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In der Tragikomödie "Die Maske" erzählt Regisseurin Malgorzata Szumowska über die Provinz und einen Mann, der bei einem Unfall schwer verletzt wird. Auf der Berlinale wurde der Film mit dem Preis der Jury ausgezeichnet. Jetzt läuft er im Kino.

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Der Film "Die Maske" ist eine bissige Gesellschaftssatire

In der polnischen Tragikomödie "Die Maske" erzählt Regisseurin Malgorzata Szumowska über die Provinz und einen Mann, der bei einem Unfall schwer verletzt wird. Auf der Berlinale wurde der Film mit dem Preis der Jury ausgezeichnet.

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Die erste Szene ist phänomenal – und wer sie gesehen hat, wird sie nicht vergessen: Ein Textil-Discounter hat sich eine besondere Aktion ausgedacht. Auf einem Werbebanner ist zu lesen: "Weihnachtsschnäppchen für Nackedeis". Zur Öffnungszeit stehen rund einhundert Menschen vor dem Laden, dann werden sie hineingelassen, müssen sich aber bis auf die Unterwäsche ausziehen, um zu dem Paketberg in der Mitte des Geschäftes vordringen zu können. Zu Schnäppchenpreisen werden Großbildschirme verramscht. Nun sieht man, wie die Masse halbnackt durch die Regalreihen stürmt und sich um die Fernseher prügelt – und das alles in Zeitlupe.

So beginnt dieses böse Gesellschafts-Panorama, wild und in seinem Blick vernichtend: Geradezu körperlich ist die Gier zu spüren, der Geiz, die geistige Leere, die Regression hin zum Animalischen, auch die Formen sozialer Gewalt, die Regisseurin Malgorzata Szumowska in all‘ ihren Filmen untersucht und zum Thema macht.

Ein junger Mann unter Satanismus-Verdacht

Jacek, ein polnischer Heavy-Metal-Fan, hat einen der Fernseher aus dem Discounter erobert und fährt nun seine Beute mit dem Kleinwagen in die bäuerlich provinzielle Gegend, in der er zuhause ist. Viele Bewohner des Dorfes bekreuzigen sich, wenn sie dem jungen Mann mit seinen schulterlangen zotteligen Haaren und der zerschlissenen Jeans-Weste samt Totenkopf-Aufnäher begegnen. Im Wirtshaus steht er unter Satanismus-Verdacht. Das einzige, was für Jacek spricht, ist seine Mitarbeit an einem größenwahnsinnigen Gemeindeprojekt: dem Bau der weltgrößten Jesus-Statue, größer noch als das Exemplar von Rio de Janeiro. Dann kommt es zu einem schlimmen Unfall: Jacek stürzt bei der Arbeit am Kopf der Jesus-Statue in die Tiefe. Sein Gesicht ist nur mehr Brei – und wird durch eine Transplantation unter Verwendung von Haut und Knochen eines Verstorbenen ansatzweise wiederhergestellt. Es hat nun etwas unheimlich Maskenhaftes. Im polnischen Nationalfernsehen wird Jacek als Märtyrer und Beleg für ein Wunder gefeiert, aber die Dorfbewohner weichen noch entsetzter vor ihm zurück als früher. Sogar seine eigene Mutter will ihn nicht mehr umarmen. Schließlich bittet sie den Pfarrer um einen Exorzismus, weil sie glaubt, ihr Sohn wäre vom Teufel besessen.

Bitterböse Abrechnung mit Polens Fremdenfeindlichkeit

Malgorzata Szumowska inszeniert ein bildgewaltiges Lehrstück, das wild hin- und herspringt zwischen fast dokumentarischen Aufnahmen und surreal bizarren Momenten. Ihr Kameramann Michal Englert entwirft dazu weite Landschaftstableaus, die das Majestätische der Schöpfung feiern, um dann wieder auf die Engstirnigkeit der Menschen zu fokussieren, mit Bildern, die an den Rändern starke Unschärfen aufweisen und so das Gefangensein der Polen in ihrer moralischen Begrenztheit visualisieren. Jacek erlebt in seiner Außenseiterrolle die ganze Fremdenfeindlichkeit der polnischen Gesellschaft. 36 Meter ist die Christusstatue am Ende hoch – sie gibt es wirklich, in der Nähe von Swiebodzin. Anderthalb Millionen Euro hat sie gekostet, fünf Jahre wurde an ihr gebaut, 21.000 Menschen haben für sie gespendet. "Die Maske" ist eine wütende Abrechnung mit Bigotterie und Materialismus, ein beeindruckender Film, der den Polen unmissverständlich den Spiegel vorhält.

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