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Sokrates war ein antiker Stenz – Kant ein Leben lang Jungfrau. Ein neues Buch erzählt von Philosophen und deren kompliziertes Verhältnis zur erotischen Liebe.

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Die Lust und das Denken: Wie große Philosophen liebten

"Fleischeslust" und Denken gelten in der Tradition nicht gerade als Verbündete. Warum eigentlich? Und was bedeutete die theoretische Trennung von Körper und Geist für das Liebeslieben der Philosophen? Darüber hat Manfred Geier ein Buch geschrieben.

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Von
  • Julian Ignatowitsch

War Sokrates ein guter Liebhaber? Besonders schön im klassischen Sinn war er jedenfalls nicht, mit seinem fülligen Bauch, dem kahlen Schädel und der platten Nase, wenn man den Beschreibungen Platons Glauben schenken darf. Viel mehr ein Beispiel dafür, dass auch das geistreiche Diskutieren sexy sein kann. Wie die meisten seiner Zeitgenossen hatte er neben seiner Frau Xanthippe außereheliche Beziehungen, zu Frauen und Männern.

Leidenschaftliches Philosophieren

So jedenfalls überliefern es poetische Quellen, der historische Sokrates ist freilich schwer zu fassen. Sicher ist aber: Ehe und sexuelle Lust – das waren im antiken Athen zwei Paar Schuhe. "In diesem Zusammenhang spielt Eros, der Gott der Liebe eine zentrale Rolle", erklärt Autor Manfred Geier, der den Eros in den Mittelpunkt seines aktuellen Buches stellt: "Ein Gott, der in die Libido, in die Begierde eingreift, der sie bestimmt, aber der zugleich auch sublimiert wird als 'eros philosophos', als die Triebenergie, die einen Philosophen zum Philosophieren treibt."

Philosophiert haben sie alle leidenschaftlich, von Sokrates bis Foucault in gut 2.000 Jahren Philosophiegeschichte. Geliebt mal mehr, mal weniger leidenschaftlich: Die Amplituden der Lust reichen vom immer geilen Marquis de Sade, der es überall und mit jedem trieb, wegen seines amoralischen Lebensstils mehrmals ins Gefängnis musste und nach dem später der Sadismus benannt wurde, bis hin zum asexuellen Immanuel Kant, der zum Geschlechtstrieb eine eher verklemmte Haltung hatte und höchstwahrscheinlich jungfräulich starb.

Die Trennung von Körper und Geist

Interessanterweise werde der Riss zwischen körperlicher Erfahrung und geistiger Arbeit ja selbst von Philosophen gemacht, sagt Manfred Geier: "Diese strikte Trennung von Körper und Geist ist eine philosophische Konzeption, und deswegen unterliegen die Philosophen dieser Spannung besonders, die sie selbst oft nicht aushalten oder zu lösen versuchen." Eine Trennung also, die für das reale Leben der Denker oft eine viel höhere Bedeutung habe, als es im alltäglichen Leben eigentlich nötig wäre, so Geier.

Auffällig ist: Extreme sind im Liebesleben der Philosophen fast schon die Norm, das Scheitern ist die Grundkonstante. Vielen gilt das Verlangen als schlecht, als sündig. Eine Einschätzung, die unter anderem der christliche Denker Augustinus begründete, der sich selbst vom Saulus zum Paulus wandelte: vom ausschweifenden Lebemann zum gläubigen Diener Gottes: "Die augustinische Umkehr war die größte und nachhaltigste Sublimierung des menschlichen Geschlechtstriebs in der europäischen Kulturgeschichte", schreibt Manfred Geier in seinem Buch. "Das Lustprinzip des Augustinus war von der sexuellen Libido in eine theologische Glückseligkeitslehre umgeleitet worden, mit deren Körperlosigkeit er gläubigen Christen bis heute eine schwer zu ertragende Erbschaft hinterlassen hat."

"Anständig leben, kein Schwein sein!"

Das Dilemma der "fleischlichen Lust" besteht bis in die Moderne, zu Ludwig Wittgensteins Wahlspruch: "Anständig leben, kein Schwein sein!" Wie im Falle Sören Kierkegaards bricht sich unerfüllte Liebe manchmal in erfüllender Kreativität Bahn. Buchautor Geier: "Bei den Philosophen, mit denen ich mich beschäftigt habe, gab es große Liebesabenteuer und auch große Enttäuschungen, und eine Trennung kann dazu führen, dass ein ganzes weiteres Lebenswerk davon zehrt, was da erlebt worden ist und mit welcher Intensität es passiert ist."

Das Buch schafft es auf verständliche und aufschlussreiche Weise, die Verbindungen zwischen Werk und Leben der elf vorgestellten Philosophen aufzuzeigen. Es arbeitet mit Fußnoten und Literaturverweisen, einer analytischen und gleichzeitig stilsicheren Sprache, hat Erkenntnis- und Klatschwert. Der große Kritikpunkt ist sicherlich, dass es sich bei den Protagonisten ausnahmslos um Männer handelt, was der Autor damit begründet, dass er als Mann nicht über weibliche Sexualität sprechen möchte.

Hat heute keiner mehr Lust?

Was die Männer betrifft, hält das Buch in jedem Fall viele unterhaltsame Anekdoten bereit: von den exhibitionistischen Ausflügen des Jean-Jacques Rousseau bis hin zu den kalifornischen SM-Liebespraktiken von Michel Foucault samt LSD-Trip und "Flower Power". Manfred Geier: "Das ist ja heute auch entschärft. Man verliebt sich, sie kommen zusammen, man trennt sich nach ein paar Jahren wieder, und aus der Trennung entsteht eine neue Beziehung, aber ich habe nicht den Eindruck, dass das zu großen Dramen führt, die ein ganzes Lebenswerk antreiben."

Am Ende des Buches stellt Geier die provokante These auf, dass uns die Gender- und Identitätsdiskurse heutzutage zunehmend ent-sexualisieren: "Alle wollen Liebe, viele suchen nach ihren wahren Geschlechtsidentitäten, aber keine*r hat mehr Lust." In die Tiefe geht er hier aber nicht. Vielleicht Stoff für das nächste Buch, genauso wie die "Liebe der Philosophinnen", die mindestens genauso erzählenswert sein dürfte.

"Die Liebe der Philosophen. Von Sokrates bis Foucault" von Manfred Geier ist bei Rowohlt erschienen.

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Bildrechte: Rowohlt

Manfred Geier: "Die Liebe der Philosophen. Von Sokrates bis Foucault", Rowohlt 2020.

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