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Charismatisch und widersprüchlich: Yilmaz Güney

Um diesen Regisseur ranken sich jede Menge Legenden. Manche seiner Fans behaupten sogar, der 1984 nach einem Magenkrebsleiden dahingeschiedene Yilmaz Güney lebe noch. Beerdigt wurde er als kurdischer Exilant auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise – sein Grab ist nach wie vor eines der blumenreichsten dort.

Der kurdische Jean-Paul Belmondo

Als Schauspieler war Güney in den 1960-Jahren so etwas wie der kurdische Jean-Paul Belmondo gewesen, ein schöner, sehr charismatischer Mann. Als Regisseur erlebte er seinen Durchbruch 1970 – ein paar Jahre später wurde er wegen Totschlags zu 18 Jahren Haft verurteilt. Er soll einen türkischen Richter umgebracht haben. Dieser hätte in einem Restaurant Güneys Ehefrau bedrängt, und im Streit habe der Filmemacher den Mann erschossen. Das konnte Güney nie endgültig nachgewiesen werden. Ins Gefängnis musste er trotzdem – und von dort hat er dann die Dreharbeiten zu "Yol – Der Weg" dirigiert, dem legendären Film über kurdische Strafgefangene, mit dem er 1982 nach seiner Flucht aus der Türkei auf dem Festival von Cannes die Goldene Palme gewann.

Versuch einer Spurensuche

Wer war dieser Yilmaz Güney? Diese Frage bewegt den jungen, ebenfalls kurdischen Filmemacher Hüseyin Tabak, in Deutschland geboren, aber der Kultur seiner Eltern verbunden. "Die Legende vom hässlichen König" ist eine bewegende dokumentarische Spurensuche, in der Tabak immer wieder selbst auftritt. Wenn er etwa mit seinen Dozenten an der Wiener Filmhochschule, Michael Haneke, über die mögliche Konzeption eines Porträts über Güney spricht. Dessen Rat: "Sie müssen sich darüber im Klaren sein, warum Sie diesen Stoff als Film erzählen wollen. Warum ist diese Figur Güney für Sie so wichtig?"

Wer Güney wirklich war, kann Tabak auch am Ende dieses filmischen Porträts nicht beantworten. Im Interview meint er: "Das große Ziel war immer, dass nach diesem Film jeder nach seinem eigenen Yilmaz Güney sucht. Denn dieser Mann hat sieben Leben auf einmal gelebt. Er hat so wild gelebt, in jede Richtung: Sei es die Beziehung, sei es politisch, sei es künstlerisch… Er hat sehr schnell gelebt."

Kino-Poet Yilmaz Güney

Kino-Poet Yilmaz Güney

Zwischen Filmpoesie und Politik

Als Yilmaz Güney starb war er erst 47. In über 100 Filmen hat er mitgespielt, einige selbst gedreht. Rund ein Drittel seines Lebens saß er im Gefängnis. Voller Sprünge ist diese Biographie, vielschichtig und widersprüchlich, so wie auch dieses dokumentarische Porträt erfreulich ambivalent bleibt, immer wieder zwischen Bewunderung und Irritation schwankend. Viele alte Weggefährten kommen zu Wort, zeichnen das Bild eines leidenschaftlichen Kino-Poeten genauso wie eines eifersüchtigen Machos sowie eines Regisseurs, der seine Darsteller gleichzeitig quälte und liebte. Güneys autoritärer Charakter und sein cholerisches Naturell kommen zur Sprache, aber auch intellektuelle und politische Widersprüche. Er kämpfte für die kurdische Souveränität, wurde politisch verfolgt – der Cannes-Preisträgerfilm "Yol – Der Weg" war das erste Werk in türkischer Sprache, in dem das Wort Kurdistan vorkam. So begann vor 35 Jahren das Zeitalter des kurdischen Kinos, das Hüseyin Tabak jetzt mit seiner biographischen Spurensuche fortsetzt.

Gegen Ende des sehenswerten Films ist eine Rede Güneys von 1983 mit Bildern aus Erdoğans aktueller Türkei zusammenmontiert. Die Aussage ist für Tabak eindeutig: "Wenn man als Kurde geboren wird, hat man keine Chance, man wird schon politisch geboren. Und dann treffen sich natürlich die Politik, die ich heute sehe, und die, die Güney damals gesehen hat. In dieser Hinsicht hat sich in der Türkei nicht viel geändert. Die politische Message ist eigentlich, dass dieser Kampf nicht aufgehört hat."

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