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Die Kunst der Provokation: Valie Export zum 80. Geburtstag | BR24

© Audio: BR / Foto: picture alliance/ZUMA Press

Ihren Künstlernamen hat sie von einer Zigarettenmarke abgeleitet: Valie Export

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Die Kunst der Provokation: Valie Export zum 80. Geburtstag

"Kunst muss aggressiv sein!" sagt die österreichische Skandal-Feministin Valie Export. Da gehört es fast zum gute Ton, auch mal wegen Pornographie vor Gericht zu stehen. Im Herbst widmet ihr die Tate Modern in London eine große Werkschau.

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Ein bisschen Provokation muss sein – an dieses Motto hat sich Valie Export zeitlebens gehalten, vor allem natürlich in ihren Sturm- und Drangjahren. 1967 sorgte die gebürtige Linzerin, die ihren "nom de plume" in Anlehnung an die österreichische Zigarettenmarke "Smart Export", gewählt hat, mit einem sogenannten "Menstruationsfilm" auf Super 8 für Aufsehen. "Gerade die Menstruation kann man als so etwas wie ein biologisches Statement sehen: das heißt Fruchtbarkeit, das heißt die Möglichkeit zu gebären. Und mit dem muss man ja auch umgehen lernen, weil man ja auch weiß: Das ist etwas, das nur temporär im Leben einer Frau existiert", erklärte die Künstlerin.

Passanten durften grabschen, der Partner kam an die Leine

Die Aktionen der Valie Export sind auch ein halbes Jahrhundert nach ihrer Realisierung immer noch unverzichtbarer Bestandteil der Ikonik der europäischen Avantgarde. Ob die Künstlerin ihren damaligen Partner Peter Weibel an einer Hundeleine Gassi durch die Wiener Innenstadt führte oder sich nackt über Glasscherben rollte. Ob sie die Massenmedien mit feministischen Statements angriffslustigen Charakters bediente oder sich ihr berühmtes "Tapp- und Tastkino" vor den Körper schnallte, um Passanten im Münchner Stadtzentrum jeweils 33 Sekunden lang ihre nackten Brüste berühren zu lassen: Valie Export liebte vor allem in jungen Jahren den Aufruhr und die subversive Provokation.

© Imagno Votava / picture alliance

Valie Export und Peter Weibel beim Prozess um Pornographie, 1971

Unvergessen auch die sogenannte "Aktionshose Genitalpanik", die sich die gelernte Textildesignerin Ende der 60er-Jahre schneidern ließ – ein damals schockierendes Beinkleid, im Schritt ausgeschnitten, so dass man das klaffende Genital der Künstlerin sehen konnte. Mit dieser "Aktionshose" sowie einer Maschinenpistole bewaffnet – so glaubt die Valie-Export-Mythologie zu wissen – soll die Künstlerin einmal ein Münchner Pornokino besucht haben, sodass die anwesenden Männer ihre Kleenex-Tücher eingepackt und panikartig die Flucht ergriffen hätten. Ganz so sei es nicht gewesen, erinnert sich Valie Export: "Das ist eine schöne Legende, dass ich in einem Pornokino war mit einer MP... nur würde ich dann nicht mehr hier sitzen. Weil, wäre ich in ein Pornokino mit einer MP und einer Genitalpanikhose hineingegangen, hätte der Besitzer zum Revolver in der Kasse gegriffen, weil er gedacht hätte, es ist ein Überfall. Das wäre nicht gegangen." Es sei ein KUNSTKINO gewesen, in dem sie die Aktionshose "Genitalpanik" vorgeführt habe. "Ich bin durch die Reihen gegangen – ohne MP – und das Publikum ist langsam aufgestanden und verschwunden, um nicht konfrontiert zu werden mit dem Bild."

"Genitalpanik" herrschte auch im Kunstkino

Es würde zu kurz greifen, würde man Valie Exports imponierendes Oeuvre auf ihre frühen Skandale reduzieren. Seit den aktionistischen Anfängen der Künstlerin sind aufsehenerregende Arbeiten wie die Fotoserie "Körperkonfigurationen" und Experimentalfilme wie "Raumsehen und Raumhören" oder "Syntagma" entstanden.

Valie Export hat sich, wie könnte es anders sein, stets als politische Künstlerin verstanden. Haben Frauen, ihrer Meinung nach, heute bessere Lebenschancen als in den Sechzigern? In bestimmten, privilegierten Schichten durchaus, meint die vielseitig Kreative. Aber dass in anderen Gruppen die Ausbeutung nach wie vor da ist, ist auch klar. "In der Industriearbeit oder im Supermarkt machen immer noch das meiste Frauen – Arbeit an der Kasse oder als Regalbetreuerin – das machen meistens Frauen. Und in diesen Branchen ist die Bezahlung immer noch minimal und ausbeuterisch."

80 Jahre sind ganz schön viel!

Ihr 80. Geburtstag vermag Valie Export – Corona hin oder her – nicht zu schrecken. Zwar spürt sie manche Einschränkung des Alters, aber irgendwie fühlt sie sich auch noch jung. "Und man denkt sich dann halt auch: 80 – das sind doch ganz schön viele Jahre, die man zusammengebracht hat und gewirtschaftet hat damit. Es ist ein bisschen zwiespältig. Aber ich fühl mich noch sehr agil, arbeitsfreudig. Energievoll."

Energien, die Valie Export in den nächsten Monaten gut gebrauchen können wird. Im Herbst wird ihr eine Werkschau in der "Tate Modern" gewidmet sein. Und auch die "Ars Electronica" in Linz wird der Jubilarin im September eine große Retrospektive widmen.

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