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Zettel mit Wünschen

"Guten Morgen, Guten Abend, Guten Appetit." Das sind ritualisierte Worte, die wie ein Geländer wirken können für das Gehen durch die ganz gewöhnlichen Tage. . Der Philosoph Harry Frankfurt sieht es sogar als ein Zeichen der Vernunft, an dem sich nichts Geringeres als die Freiheit des menschlichen Willens zeigt.

Aus Wünschen wird Wirklichkeit

Wenn dir jemand Gutes will, wächst du in das Gute hinein. Vermeintlich Unabänderliches wird aufgebrochen. Vermeintlich Festgefügtes aufbrechen, verändern und verbessern wollen: Wohl kaum ein Philosoph hat diesen Gedanken so sehr verfolgt wie Ernst Bloch. Für ihn ist der Mensch und die ganze Welt nicht am Ende. Denn in allem steckt die Möglichkeit. "Das Prinzip Hoffnung" - so lautet der Titel von Blochs mehr als 1.500 Seiten großem Werk, der als Redewendung in den alltäglichen Sprachgebrauch eingegangen ist. Als der in Ludwigshafen geborene Jude und Marxist daran zu schreiben beginnt, befindet er sich im Exil in den USA. Als er es beendet, ist der Zweite Weltkrieg vorbei.

Das Werk überspielt nicht das Grauen, es ist ein kaum fassbar großes Kaleidoskop menschlicher Träume vom besseren Leben, von all dem, das noch nicht da ist, zu dem man sich aber hinbewegt – und zwar von Anfang an. Das Hoffen findet er in Mythen und Märchen:

"Es war einmal: das bedeutet märchenhaft nicht nur ein Vergangenes, sondern ein bunteres oder leichteres Anderswo. (…) Das Märchen wird zuletzt immer golden. Gerade die kleinen Helden und Armen gelangen hier dorthin, wo das Leben gut geworden ist." Ernst Bloch

Der Mangel als Ausgangspunkt für die Gestaltung der Zukunft

Ausgangspunkt des Hoffens ist ausgerechnet – der Mangel. In der Kälte baut man Hütten, der Hunger lehrt jagen. Der Mangel ist die wertvollste Eigenschaft des Menschen, in ihm zeichnet sich das Neue bereits ab. Der Mangel ist somit kein leeres Nichts, sondern in ihm liegt ein Entwurf zur Gestaltung der Zukunft.

Die Erwiderung auf Ernst Blochs Kritik an der Jenseitsvertröstung der Kirchen im "Prinzip Hoffnung" kommt vom Theologen Jürgen Moltmann. In seiner "Theologie der Hoffnung" beschreibt er das Reich Gottes nicht als die Hoffnung auf Auferstehung des Einzelnen nach dem Tod. Stattdessen breitet diese sich bereits in der Gegenwart aus, indem die Opfer nicht vergessen werden. Ein christlich inspiriertes Wünschen flieht die irdische Realität nicht, sondern gestaltet sie. Es ermutigt, bedrückende Zustände nicht zu verschleiern und zu erdulden.

Autoren

Georg Magirius

Sendung

Katholische Welt vom 19.08.2018 - 06:00 Uhr