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Kirchentags-Podium: Corona-Pandemie als Spirituelle Herausforderung

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    Die Kirchen und die Corona-Pandemie – lehrt Not beten?

    Digitale Gottesdienste, Ausgangssperren an Feiertagen: Corona hat die Kirchen vor große Herausforderungen gestellt. Beim Kirchentag wurde diskutiert, welche Lehren aus der Pandemie gezogen werden können - und wie die Zukunft des Glaubens aussieht.

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    Von
    • Sabine Winter
    • Martin Jarde

    Europa geschlossen, plötzlich ging gar nichts mehr. So erlebte Pilgerpastor Bernd Lohse den Beginn der Pandemie: "Wenn Pilger nicht unterwegs sein können, dann können sie auch schwer Pilger sein." Lohse ist einer der Gäste beim Podium "Die Corona-Pandemie als spirituelle Herausforderung" beim Ökumenischen Kirchentag (ÖKT). Er und andere Gäste erzählen, wie Corona sich auf ihre kirchliche Arbeit ausgewirkt haben.

    Corona-Pandemie: Viele Menschen sind auf Sinnsuche

    So auch Kerstin Söderblom, Hochschulpfarrerin in Mainz. Sie steht Studierenden zur Seite, die die Uni seit drei Semestern nur digital erleben: "Es gibt Studierende, die kennen die Uni von innen nicht! Vereinsamung: Viel Arbeit für uns Seelsorger." Und Religions- und Tanzpädagogin Claudia Schimmer hat Kontakt zu Tänzerinnen und Tänzern, die in eine tiefe Sinnkrise gestürzt sind.

    Heftige Monate. Das gewohnte Leben wurde erschüttert. Und diese Erschütterung hatte eine Folge, die auch in anderen Krisen zu beobachten ist: Viele Menschen sind auf Sinnsuche; Spiritualität war so gefragt wie lange nicht – das hat auch Frank Hofmann, Chefredakteur des Vereins "Andere Zeiten", festgestellt.

    Krise als Chance für spirituelle Angebote

    Wenn der Alltag die Menschen im Griff habe und alles nach Plan laufe, dann bestehe die Gefahr, dass man nicht nach links oder rechts schaue - in den Mühlen dieses Alltags gefangen ist. Sobald jedoch eine "Erschütterung diese Zahnräder auseinanderbringt und wir mit neuen Fragen konfrontiert werden, auch mit neuen Deutungen und mit einem neuen Selbst- und Weltbild, dann entsteht eine Chance für spirituelle Angebote."

    In der Pandemie hat Hofmann drei Typen von Spiritualität ausgemacht:

    • Typ Nummer 1: Die "Trotzdem-Spiritualität" von religiös geübten Menschen, die sich neue religiösen Praxen suchen mussten. "Diese Trotzdem-Spiritualität hat zu kreativen Angeboten, gerade im Umfeld der Kirchen geführt"
    • Typ Nummer 2: Die "Experimentier-Spiritualität", oft von Leuten, die nicht religiös geübt sind. Sie nutzten den pandemiebedingten Zeitgewinn, um etwas Meditatives oder Religiöses auszuprobieren.
    • Und Typ Nummer 3: Die "Hiob-Spiritualität" von Menschen, die sich intensiv mit dem Glauben und der Frage auseinandersetzten, was uns Gott mit der Pandemie sagen will. "Das ist sicher eine ganz hohe Form von Spiritualität, dass man zwar das Leid nicht gemindert und keine Antwort auf die Fragen bekommt, aber in dem Fragen dann doch eine Stimme aus der Transzendenz hört", erklärt Hofmann.

    Die Bibel als Krisen- und Hoffnungsliteratur wiederentdeckt

    Oft waren es digitale Lösungen, die für die Sinnsuche und die Auseinandersetzung mit Fragen, die den Kern der eigenen Existenz berühren, zur Verfügung standen.

    Katrin Brockmöller, Direktorin des Katholischen Bibelwerks in Stuttgart, hat Ostern 2020 zum ersten Mal an einem digitalen Bibel-Kreis teilgenommen und fand das Format überzeugend: Der Kreis schaltet sich bis heute alle zwei Wochen zusammen. Die Bibel ist Krisen- und Hoffnungsliteratur gleichzeitig, sagt Brockmöller, "weil eigentlich alle Texte Erfahrungen von Krisen, von traumatischen Situationen beschreiben, aber immer im Rückblick deuten. Und dadurch wird es am Ende gut."

    Gott neu entdecken durch digitale Formate

    Die Bibel-Expertin ist sich sicher: Corona hat die Art und Weise, sich mit Gott auseinanderzusetzen, verändert, nicht nur durch neue, digitale Formate, sondern vor allem auch inhaltlich. So nehme etwa die Klage, die in der Bibel eine breite Tradition habe, mehr Raum ein: "Also all das auszusprechen, was uns verletzt, was uns verwundert hat, woran wir leiden."

    Viele Menschen haben in der Krise die Bibel neu entdeckt. Und sie haben gemerkt, dass sie ihren Glauben gemeinschaftlich mit anderen teilen können - auch außerhalb einer verfassten Kirche. Katrin Brockmöller ist sich sicher, dass daher die Erkenntnis bleibt, "dass es sehr hilfreich ist, was die Kirche uns anbietet als Raum und auch an Professionalität in der Begleitung. Aber dass im Endeffekt alle Menschen ihre ganz individuellen Wege mit Gott finden. Und ich glaube, das wird uns auch in den Kirchen verändern."

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