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Die Kirchen 1989: Gebete, Mauerfall – und dann? | BR24

© dpa-Zentralbild

Ein Schweigemarsch mit Kerzen findet am 9. November 1989 von der Nikolaikirche beginnend durch Leipzig statt.

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    Die Kirchen 1989: Gebete, Mauerfall – und dann?

    Als Orte der wöchentlichen Friedensgebete haben die Kirchen in der DDR wesentlich zur friedlichen Revolution beigetragen, die dann zum Mauerfall führte. Doch was passierte danach? Wie ging es weiter mit den ostdeutschen Christen und ihren Gemeinden?

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    Vielen sind die Bilder noch im Kopf: die Friedensgebete in der Nikolaikirche in Leipzig und in vielen anderen Kirchen in der DDR. Im Anschluss dann die Montagsdemonstrationen und Lichterketten. Die Kirchen hatten wesentlich Anteil an der friedlichen Revolution, obwohl Christen mit vielen Nachteilen und Repressalien unter dem DDR-Regime leben mussten.

    Kirchen spielen vor Wende wichtige Rolle - danach weniger

    Bei den ersten freien Wahlen in der DDR kandidieren, zum Beispiel mit dem "Neuen Forum", viele Bürgerrechtler, die die Revolution getragen haben. Sie erzielen einen Achtungserfolg, mehr aber auch nicht: Währungsunion und Wiedervereinigung sind den meisten Bürgern wichtiger.

    Wie die DDR-Bürger so sind auch die Kirchengemeinden nach der Wende von massiven Änderungsprozessen betroffen. Viele Gemeinden bluten regelrecht aus, weil ihre Mitglieder abwandern oder, oft im Zuge der Einführung der Kirchensteuer, aus der Kirche austreten. Es bleiben unzählige Kirchenbauten mit unüberschaubarem Sanierungsbedarf. Gleichzeitig stellt sich heraus, dass diese Gebäude nicht nur den Kirchengemeinden ein Herzensanliegen sind. Die Gründung von Kirchbauvereinen ist die Konsequenz.

    Beispiel: Bad Salzelmen nahe Magdeburg. Im Herzen des Kurstädtchens steht die überraschend große St. Johanniskirche. Sie zeugt vom Wohlstand der Salzsieder, die hier Pfänner heißen.

    DDR: Christen waren Exoten

    Die gotische St. Johanniskirche wurde in der Barockzeit überreich ausgestattet, mit persönlichen "Familienstühlen", den besonderen geschlossenen Sitzbänken der wohlhabenden Pfänner, mit Wappen und Putten und Schnitzereien. Doch 1980 war die Kirche in einem erbärmlichen Zustand, erzählt Wolf-Michael Feldbach, Mitglied im Pfarrgemeinderat und einer der Gründer des Kirchbauvereins: "Also Riesenlöcher im Dach, Fenster kaputt. Es regnete rein, Steine fielen von den Türmen, die Straße ringsherum war halbseitig gesperrt, wegen der Steine und der Dachsteine, die runterfielen."

    Ein kleiner harter Kern von Kirchenmitgliedern rettet, was zu retten ist: Sie tauschen, nutzen Beziehungen, improvisieren. Der gesamte Kirchenkreis verzichtet vier Jahre lang auf Holz, damit die Salzelmener ihr Kirchendach reparieren können. Und dabei sind sie als Christen Exoten, eine seltene Spezies, nicht gut gelitten, sagt Feldbach:

    "Es gab einen harten Kern, der auch mehr zusammenhielt, als das vielleicht heute so ist. Das war eine wirkliche Gemeinde, man hat nicht unbedingt Vorteile gehabt, wenn man in der Kirche mitgemacht hat, und die, die sich dann wirklich dazu bekannt haben, die haben's nicht gemacht, weil sie Karriere machen wollten oder sonst was, sondern weil sie den Glauben hatten und so eine Gemeinschaft haben wollten." Wolf-Michael Feldbach

    40 Jahre im Ort - aber noch nie in der Kirche

    Doch nach der Revolution kommen plötzlich Menschen in die Kirche, die noch nie da waren. "Viele Leute von Salzelmen haben gesagt, wir sind das erste Mal hier in der Kirche. Wir wohnen hier 30, 40 Jahre, haben uns nicht rein gewagt", erzählt Feldbach. Um die Kirche baulich wieder auf Vordermann zu bringen, wird beschlossen einen Kirchenbauverein zu gründen. Handwerker aus der Gegend identifizieren sich mit dem Projekt, Sponsoren sind – zumindest in den ersten Jahren – zahlreich.

    In den 90er Jahren wird die Kirche in die Liste der besonders erhaltenswerten Gebäude Deutschlands aufgenommen. Seitdem haben die Salzelmener etwa viereinhalb Millionen Euro verbauen können. Das Schwerste war, die nötigen Eigenmittel zusammenzubekommen. Und der Denkmalschutz bringt neue Zwänge mit sich. Wolf-Michael Feldbach kann so einige Geschichten erzählen: "Sie sehen 17 Fenster und zwei Fenster sind farbig. Und zwar sind das Fenster, die wir noch zu DDR-Zeiten haben fertigmachen können. Und das ist vor allen Dingen wertvolles Glas aus Weißwasser, was eigentlich nur in den Export ging und nur durch Beziehungen haben wir das hingekriegt. Und nach der Wende kamen dann die Vertreter der Denkmalpflege, haben gesagt, also, die Fenster müssen wieder raus. Sie passen farblich überhaupt nicht hinein. Haben wir gesagt, nur über unsere Leiche. Das ist für uns Geschichte. Wir haben die fertig und die sind sehr schön erhalten. Sind heute noch drin."

    Kirche und Geschichte werden bewahrt

    So bewahren die Leute vom Kirchbauverein St. Johannes nicht nur ihre Kirche, sondern auch ihre eigene Geschichte. Und natürlich haben sie noch Pläne. Wenn der originale Orgelprospekt rekonstruiert werden könnte, wäre das schön.

    Am 3. Oktober 1990 tritt die Deutsche Demokratische Republik der Bundesrepublik Deutschland bei. Die Kirchensteuer wird eingeführt und der Religionsunterricht an staatlichen Schulen: schwierige Punkte für viele Kirchenleute in den östlichen Bundesländern. Auch die Bedingungen der Militärseelsorge sind ein Streitpunkt.

    Kirchenbild: Vom Trendsetter zur "verschnarchten" Institution

    Nun wird auch innerhalb der Kirchen die Vielfalt der Meinungen und Möglichkeiten deutlich – ein radikaler Paradigmenwechsel gegenüber den Beschränkungen für die Kirche in der DDR. Die Christen müssen zudem feststellen, dass sich das Bild ihrer Kirche völlig verändert, erklärt Gregor Giele, katholischer Propst in Leipzig. Kirche sei in der DDR Trendsetter, Hoffnungsträger und modern gewesen "und wenige Monate nach der Wende hatten auch die ostdeutschen Christen das Gesamtimage der deutschen Kirchen an sich haften. Und das heißt bei der katholischen Kirche, machen wir uns nichts vor, eher altmodisch, ein wenig verschnarcht und von gestern. Und mit diesem neuen Image fremdeln wir bis heute."

    Minderheitskirche im Osten - Volkskirche im Westen

    Auch die evangelische Kirche tut sich schwer mit der Situation. Die Vereinigung der östlichen und westlichen Gliedkirchen in der EKD, der Evangelischen Kirche in Deutschland, 1991 ist eine Geschichte von Streit und Kompromissen. Erst jetzt wird deutlich, wie unterschiedlich sich die Kirchen in den beiden deutschen Staaten entwickelt haben. Auf der einen Seite eine dem Staat verdächtige Minderheitenkirche ohne Privilegien, auf der anderen Seite eine etablierte Volkskirche.

    Die Balance von Kirchenmitgliedern, Gemeindeanzahl und Personaldecke, von Kirchengebäuden, Spenden und Kirchensteueraufkommen, die bis dahin im Westen einigermaßen funktioniert, lässt sich auf die ostdeutschen Verhältnisse nicht übertragen.

    Kirche im Osten: Probieren, auf die Nase fallen, weiter versuchen

    Doch es gibt nicht nur Probleme, sondern auch viele Aufbrüche und neue Ideen. In die Leipziger Propsteikirche St. Trinitatis lädt die Gemeinde regelmäßig zum Abendlob ein. Verschiedenste Musiker, wie der Chor des Gewandhauses, gestalten die Feier mit – man vernetzt sich.

    Mit solchen niedrigschwelligen Angeboten will die Gemeinde in die Stadt hineinwirken, offen und einladend sein, auch in Dankbarkeit für den neuen Kirchenbau in der Leipziger Innenstadt. Demnächst gibt es eine "Feier des Erwachsenwerdens", eine Alternative zur Jugendweihe. So einen Ritus am Übergang zum Erwachsensein braucht der Mensch, sagt Gregor Giele. Sein Motto: "Suchen, fragen, probieren, auf die Nase fallen, aufstehen, weiter versuchen."