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Die Kirche und die Antibabypille: Eine schwierige Beziehung | BR24

© picture alliance/KEYSTONE

Eine Frau nimmt die Anti-Babypille.

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    Die Kirche und die Antibabypille: Eine schwierige Beziehung

    Die Pille wird 60. Inzwischen ist es die dritte und vierte Generation von Frauen, die sie schluckt. Widerstand kam und kommt bis heute von der katholischen Kirche. Die evangelische Kirche hat weniger Probleme damit.

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    Auch wenn sie wegen ihrer Nebenwirkungen damals wie heute medizinisch umstritten ist: Als 1960 in den USA und ein Jahr später dann auch in Deutschland die erste Verhütungs-Pille auf den Markt kam, empfanden das viele Frauen als Befreiung, sagt die Historikerin Eva Maria Silies von der Universität Oldenburg. Sie hat ein Buch über die Geschichte der Pille geschrieben.

    Sex war für Frauen tabu, für Männer kein Problem

    Denn während für unverheiratete Männer Sex kein Problem war, war der für unverheiratete Frauen tabu. Frauen, die vor der Ehe schwanger wurden, galten als liederlich, zügellos – als gefallene Mädchen. Ihren vermeintlichen Fehltritt hatten sie möglichst schnell durch eine Hochzeit auszugleichen. Alles andere war Unmoral, Schande. Die Pille änderte das. Ab Mitte der 60er Jahre stieg die Zahl der Frauen, die die Pille einnahmen, drastisch an. In der BRD wurde sie als Antibabypille, in der DDR als Wunschkindpille vermarktet. So oder so - die Pille wurde hüben wie drüben zur beliebten Verhütungsmethode – auch unter katholischen Frauen. Verheirateten wohlgemerkt.

    Eva-Maria Silies sagt: "Die vorherrschende Diskussion auch in der Laienschaft war erstmal die Verhütung in der Ehe. Ehepaare hatten ein großes Bedürfnis nach einer sicheren Familienplanung. Weil sie tatsächlich viele Kinder hatten, die sie gar nicht mehr adäquat versorgen konnten. Man wünschte sich eine verbindliche Lehrmeinung zur sicheren Familienplanung. Und da war eben diese Pille das aussagekräftigste Symbol, was diese sichere Familienplanung garantierte."

    Der Wandel, den die Pille im Bereich der Sexualität bewirkte, lief parallel zu einem Wandel innerhalb der katholischen Kirche. Als Frauen begannen, die Pille zu nehmen, tagten katholische Geistliche und Theologen aus aller Welt in Rom und überlegten auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil, wie sie die Lehre der Kirche ins Heute übersetzen könnten. Viele gläubige Paare hofften dabei auch auf eine Öffnung der Sexualethik. Doch es kam anders: Im Juli 1968 veröffentlichte Papst Paul VI. sein Schreiben Humanae Vitae, "über die Weitergabe des Lebens".

    Der große Ungehorsam

    Die Reaktionen darauf waren "Schockstarre und Empörung", sagt die Theologin Kahtarina Ebner von der Universität Würzburg. Das werde vor allem beim Blick in die Presse vom Sommer 1968 deutlich. "Der große Ungehorsam hat begonnen", fasste der Spiegel die Reaktionen auf die Pillenenzyklika auch unter Katholikinnen zusammen.

    Für den katholischen Theologen Hans Küng war das Dogma von der päpstlichen Unfehlbarkeit nicht mehr haltbar. Und auch die deutschen Bischöfe gingen mit ihrer Königssteiner Erklärung im August 1968 auf Distanz zu Humanae Vitae. Bereits im Vorfeld hatten sie sich für die künstliche Empfängisverhütung ausgesprochen, allen voran der Erzbischof von München und Freising, Kardinal Julius Döpfner, und zwar in Berufung auf das neue Eheverständnis seit dem Konzil.

    Katharina Ebner sagt: "Ehe wurde nun als Lebens- und Liebesgemeinschaft eines Paares verstanden, die zwar auch auf die Zeugung von Kindern ausgerichtet ist, aber auch kinderlos sein kann und dadurch nicht an Wert verliert. Außerdem wird der Begriff der verantworteten Elternschaft betont. Damit meint man, dass der Zeitpunkt und die Anzahl der Kinder von den Eltern gemäß ihrer eigenen Lebenssituation verantwortet werden kann."

    Humanae Vitae

    Vor allem die Laien-Reformbewegung "Kritischer Katholizismus", auch Kapo, also katholische außerparlamentarische Opposition, macht deshalb mobil gegen die Enzyklia. Unterdrückte Sexualität hänge mit Autoritätshörigkeit zusammen, kritisierten Anhänger auf dem Essener Katholikentag im September 1968. Im Verlauf des Katholikentags verabschiedeten die Teilnehmer eine Resolution: Den päpstlichen Forderungen in puncto Empfängnisverhütung könnten sie nicht gehorchen.

    Und sie forderten eine grundsätzliche Revision der päpstlichen Lehre in diesem Punkt. Für die Historikerin Eva-Maria Silies markiert Humanae Vitae einen Wendepunkt, einen point of no return, an dem das kirchliche Lehramt seine Glaubwürdigkeit im Hinblick auf sexualethische Fragen, unumkehrbar eingebüßt hat.

    In der evangelischen Kirche hat die Antibabypille keine vergleichbaren Debatten ausgelöst, sagt der evangelische Theologe Reiner Anselm. Die Entscheidung, Kinder zu bekommen oder nicht, wurde schon länger als Frage der persönlichen Freiheit gesehen: "Die Möglichkeit, die eigene Schwangerschaft und Reproduktionen zum Gegenstand einer bewussten Entscheidung zu machen, wurde auch in diesen Bereich der verantworteten Lebensführung hineingenommen. Also in dieser Perspektive hatte die evangelische Kirche mit der Geburtenregelung nie so ein ausgesprochenes Problem."

    Pille kein Problem für evangelische Kirche

    Die Antibabypille wurde also nicht, wie in der Katholischen Kirche, als Bedrohung christlicher Sexualmoral aufgefasst. Vielleicht auch deswegen, weil der Kirche klar wurde, dass sie doch keinen so großen Einfluss auf das hat, was im Schlafzimmer passiert, sagt Reiner Anselm: "Also ungeplante, uneheliche Kinder hat es immer gegeben. Und ich glaube, gerade von der Kirche sollte man das durchaus als Befreiung erleben, dass das gesellschaftliche Klima sich so gewandelt hat, dass es auch gar nicht besonders erwartet wird, dass die Kirche sich jetzt in diesen Bereich einmischt."

    Die Pille nehmen und mit seiner Kirche im Reinen sein. Für Protestanten geht das. In der Katholischen Kirche ist die Verhütung durch die Pille nach wie vor ein Widerspruch zur kirchlichen Lehre. Diesem Standpunkt bleibt auch Papst Franziskus treu.