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Wie ein Priester in Süditalien gegen die Mafia kämpft | BR24

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Die Madonna del Carmine wird bei einer Prozession durch den Ort getragen.

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    Wie ein Priester in Süditalien gegen die Mafia kämpft

    Der kleine Wallfahrtsort Polsi liegt versteckt in den Bergen des Aspromonte in Süditalien. Über viele Jahre hat die kalabrische Mafia, die 'Ndrangheta, dort ihre Treffen abgehalten und die Madonna geehrt. Jetzt wehrt sich die Kirche.

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    Die Madonna von Polsi in den kalabrischen Bergen in Süditalien gilt als die "Madonna der Mafia". Lange Zeit kamen am zweiten September, ihrem Festtag, hunderte Mafiosi hierher, um den Chef der kalabrischen Mafia, der 'Ndrangheta zu ernennen. "Die Madonna wird von der 'Ndrangheta als ihre Beschützerin angesehen", sagt Staatsanwalt Nicola Gratteri. "Sie gehen in die Kirche, glauben an Gott, an die Madonna, die Heiligen. Bevor sie töten, bitten sie die Madonna um Schutz."

    Mörder beten zur Muttergottes

    Die Mafiosi zeigen sich als Gläubige – jede Mafia hat ihren Heiligen. Zum Aufnahme-Ritual der kalabrischen Mafia gehört es etwa, ein Bild des Erzengels Michael zu verbrennen. Als eine Art Taufe, so verstehen es die Mafiosi. Bei Prozessionen, bei denen Mafiosi gerne die Madonna tragen, oder zumindest in der Nähe des Priester laufen, kommt es bis heute vor, dass sie am Haus des Mafia-Bosses kurz anhalten und sich verbeugen.

    Mit Betrug, Drogenhandel oder Prostitution verdient die 'Ndrangheta Milliarden. Durch die Morde von Duisburg 2007 wurde die Vereinigung auch in Deutschland sichtbar. Damals wurden vor einer Pizzeria sechs Männer erschossen.

    Doch in Süditalien bietet die Kirche der Mafia inzwischen die Stirn. Der Priester Don Tonino Saraco aus der Gemeinde Ardore Marina ist verantwortlich für den Wallfahrtsort Polsi und er treibt Reformen an: Polsi soll wieder den Gläubigen gehören und nicht den Mafiosi. Als er die Gemeinde übernommen hat, feierte man ihn als den "Anti-Mafia-Priester", doch der will Don Tonino gar nicht sein. Er will ein Priester sein, der gegen das Böse ist. Die Macht der Mafia liegt wie eine unsichtbare Decke über der Region. Alle wissen, wer hier das Sagen hat, aber nur wenige sprechen darüber. Es herrscht die Omertà, die Schweigepflicht.

    Kultur des Schweigens

    Don Tonino, Priester der Gemeinde Ardore Marina kennt diese Kultur des Schweigens, die bis in die letzten Poren der Gesellschaft gedrungen ist. Nicht wenige Orte müssen hier immer wieder kommissarisch regiert werden, weil gegen Bürgermeister wegen Mafiazugehörigkeit ermittelt wird. "Auch wenn man nicht darüber redet, ist das Thema präsent", sagt Don Tonino. "Wenn eine Gemeinde wegen Mafiainfiltration aufgelöst wird, dann ist es für alle schwer, generell Vertrauen in solche Behörden zu haben. Und das wirft uns zurück."

    Don Tonino weiß, auch im Bistum will man den Kampf gegen die Kriminellen gewinnen. Denn nicht nur gegen Bürgermeister wird ermittelt, auch gegen Priester, wie seinen Vorgänger, der wegen des Vorwurfs der Mafiazugehörigkeit freigestellt wurde. Doch Don Tonino sieht Chancen, als Priester etwas verändern zu können, gerade weil in Süditalien der Glaube konservativ gelebt wird. "Gott sei Dank ist der Priester wichtig auf den Dörfern, ein Bezugspunkt. Noch!" Don Tonino will aber nicht belehren, sondern Angebote machen. Angebote, zurück auf den guten Weg zu kommen – in ein Leben in Legalität.

    "Hier fehlt es an Politik, an Staat, an Behörden. Die Leute haben das Vertrauen verloren, ein wenig auch in die Kirche. Sie brauchen jemanden, der zuhört, denn heute hört niemand mehr zu. Das ist unsere Rolle." Don Tonino, Priester

    Leben in ständiger Gefahr

    Polsi ist nur in den Sommermonaten zu erreichen – ansonsten sind die Straßen dorthin nicht befahrbar. Das war lange Zeit Teil der Strategie der Mafia, Polsi sollte ein rechtsfreier Raum sein. Wer sich der Mafia auch als Priester in den Weg stellte, musste schon mal mit seinem Leben bezahlen. Don Tonino wird von der Polizei beobachtet, weil seine Wirkungsstätte nicht ungefährlich ist. "Wenn ich anfangen würde darüber nachzudenken, dass die 'Ndrangheta eventuell etwas gegen mich unternehmen könnte, dann würde ich mein Priesteramt abgeben und etwas anders machen", sagt Don Tonino. "Ich denke einfach nicht dran."

    Don Tonino plant Projekte für Jugendliche, um ihnen eine Alternative zu bieten, abseits des kriminellen Lebens. Nicht einfach, denn die jungen Menschen wissen, als Mafioso lässt sich schnell viel Geld verdienen. Und auch im gläubigen Kalabrien finden Jugendliche andere Dinge spannender als den Gottesdienst.

    In Polsi hat sich die Situation zumindest ein bisschen verbessert. Mittlerweile haben die Carabinieri ein Büro vor Ort. Als Rektor hat Don Tonino bereits die Vergabe der Schlafplätze für das Fest der Madonna neu organisiert. Früher hatte jeder Mafia-Clan automatisch seinen Bereich. Der Priester will auf seine Art alles dafür tun, die Mafia zu schwächen. Aber er braucht dafür den Staat, Schulen, die Gesellschaft eben. Er weiß: alleine wird er den Kampf für die Legalität, für das Gute, für die Zukunft Kalabriens und gegen die Mafia wohl verlieren.

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