BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite
© BR
Bildrechte: BR

Kardinal Reinhard Marx bei der Firmung in St. Peter, Gündlkofen, Niederbayern

Per Mail sharen

    Die katholische Kirche am toten Punkt?

    Kardinal Reinhard Marx hat seinen Rücktritt angeboten. Papst Franziskus hat das Gesuch abgelehnt. Und jetzt? Die Reaktionen reichen von Überraschung über Enttäuschung bis zu Erleichterung.

    Per Mail sharen
    Von
    • Elisabeth Möst

    Kardinal Marx muss die Entscheidung des Papstes erst sacken lassen und überlegen, wie er das Erzbistum München-Freising künftig führen will. So wie bisher auf jeden Fall nicht. Konkret äußern will er sich im Moment nicht, er absolviert weiterhin seine Termine als Erzbischof, wie vergangenes Wochenende die Firmung in der Pfarrkirche St. Peter in Gündlkofen. Auch die Kirchgänger dort beschäftigt das Thema, wie es mit der katholischen Kirche weitergehen soll. Vor allem die schleppende Aufarbeitung des Missbrauchs wird kritisiert, aber auch der Widerstand gegen homosexuelle Partnerschaften, die hierarchische Männerkirche und Rolle der Frauen.

    Enttäuschung bei den Betroffenen

    Viele Missbrauchsopfer sind enttäuscht, dass der Papst das Rücktrittsangebot von Kardinal Marx nicht angenommen hat. Das wäre ein sichtbares Zeichen gewesen, dass endlich ein Würdenträger Verantwortung übernehme, und zwar für die Institution, die vertuscht hat und immer noch keine befriedigenden Entschädigungen an die Opfer zahlt.

    Matthias Katsch, Sprecher der Opfer-Initiative "Eckiger Tisch" sieht die Ablehnung des Papstes als Entwertung dieses "starken Statements". Kardinal Marx habe mit seiner Analyse Recht, dass die Kirche einen toten Punkt erreicht habe, die in dem bestehenden Koordinatensystem nicht mehr weiterkomme und auch keine Lösung habe. Viele Opfer warten noch immer auf Unterstützung und rückhaltlose Aufklärung.

    "Wie sieht es aus mit der Entschädigungsfrage? Die Kirche drückt sich immer noch um diesen Punkt herum. Und auch in diesem Feld war die Erklärung von Kardinal Marx sehr wichtig, weil er klargemacht hat, wir können uns als Institution aus unserer Verantwortung nicht davonstehlen und so tun, als hätten wir nur Einzeltäter. Wir müssen auch als Institution für unser Versagen einstehen.“ Matthias Katsch, Sprecher der Opfer-Initiative "Eckiger Tisch"

    Frauen hoffen weiterhin auf Reformen

    Ulrike Leininger ist Gemeindereferentin in einer Münchner Pfarrei, im Rahmen der Frauen-Gottesdienste in St. Michael steht sie auch am Ambo und predigt. Ihre Berufung wäre Diakonin und sie leidet darunter, dass ihr diese Weihe versagt bleibt – weil sie eine Frau ist. Sie sieht in Marx einen Reformer und interpretiert den toten Punkt auch als Chance für einen Wendepunkt. Im Moment sei der Apparat aber festgefahren und die Kirche in einer Zerreißprobe.

    Katholische Kirche in der Sackgasse

    Wer Kardinal Marx in den letzten Monaten und Jahren beobachtet hatte, konnte Frustration und Unzufriedenheit spüren. Auch ihm gehen Reformen zu langsam. Die deutschen Bischöfe haben 2019 unter seinem Vorsitz den Synodalen Weg angestoßen, einen Gesprächsprozess, der heiße Eisen in der Kirche diskutieren und Reformvorschläge einbringen soll. Gudrun Lux wurde für das Zentralkomitee der deutschen Katholiken in die Synodalversammlung gesandt. Sie ist überzeugt, dass die Kirche in Deutschland ein klares Bekenntnis ablegen müsse zu dieser Zeit und Welt, in der wir leben. Kirche werde überhaupt nicht mehr verstanden. "Wir haben eine tolle Botschaft anzubieten. Doch in diesen altbackenen Strukturen, mit diesem verkrampften Festhalten an Regeln, die sich Menschen vor Hunderten von Jahren ausgedacht haben, kann man unsere Botschaft nicht mehr hören."

    Für viele Katholikinnen und Katholiken ist dieser tote Punkt eine Chance zum Aufbruch. Doch die Spannung zwischen Traditionalisten und Reformern ist immens. Ein Konsens für die brennenden Fragen – Zölibat, Priestertum der Frau, Aufarbeitung des Missbrauchs, Sexualmoral – ist nicht zu erkennen. Papst Franziskus hat Reinhard Marx eine schwere Bürde aufgeladen.

    "Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!