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Wessen Bücher muss man gelesen haben? Nicht nur Werke von Männern, sondern auch Bücher von Frauen, mahnt das Projekt "Die Kanon".
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Wessen Bücher muss man gelesen haben? Nicht nur Werke von Männern, sondern auch Bücher von Frauen, mahnt das Projekt "Die Kanon".

"Die Welt ist in Unordnung. Wie verständigt sich eine Gesellschaft in Aufruhr? Durch einen gemeinsamen Fundus an Wissen": Unter dieser Leitidee versammelte die Wochenzeitung Die Zeit letzten Sommer hundert kulturelle Produkte, die man angeblich kennen sollte, um sich orientieren zu können. Darunter Werke wie zum Beispiel die Nationalhymne, die "Mona Lisa", "Die Sendung mit der Maus". Wer genauer hinschaute, stellte fest: 91 dieser Kulturgüter stammten von Männern, sieben von Frauen und zwei von beiden zusammen. Das sorgte für Kritik. Mehrere Journalistinnen, Autorinnen und Wissenschaftlerinnen, darunter Sibylle Berg und Margarete Stokowski, begannen, ihrerseits einen Kanon zusammenzustellen: die bedeutendsten Werke nur von Frauen. Nun steht "Die Kanon", wie dieses Projekt genannt wird, online. Joana Ortmann hat mit einer der Initiatorinnen, der Berliner Filmemacherin Theresia Reinhold, gesprochen.

Joana Ortmann: Wie ist denn dieser weibliche Kanon zustande gekommen?

Theresia Reinhold: Nachdem Herr Kerstan in der Zeit die Liste mit 100 Namen veröffentlichte, hat Frau Berg uns neun Frauen aktiviert, um einfach einen Gegenentwurf zu erstellen. Weil wir das nicht unkommentiert lassen wollten, dass in diesem Kanon eben nur wenige Werke von Frauen sind. Denn wir glauben, dass, wenn der Zugang von bestimmten Gruppen zu Bildung, aber auch zur Erschaffung von relevanten Werken versperrt wird, dann ist es ja auch kein Wunder, dass so viele von diesen Bildungskanons weiß und männlich dominiert sind. Daraufhin haben wir uns an einem Wochenende hingesetzt, 148 Frauen haben es dann in den vorerst endgültigen Kanon geschafft. Aber wir hatten ursprünglich weit mehr als 300 schon gesammelt, und das waren nur Frauen, die wir kannten.

Und warum haben Sie dann "nur" 148 – das sage ich mal provokativ – in den Kanon aufgenommen? In "die Kanon"?

Der Grund war einfach nur, dass wir die Leute, die das online sehen, weil wir das ja auch bei Spiegel Online und auf Watson in der Schweiz veröffentlicht haben, einfach nicht überfahren wollten und uns auch so ein bisschen an der Länge orientiert haben. Uns war aber von Anfang an klar, dass es nicht nur diese wenigen Namen bleiben können, weshalb die Idee, eine Website zu erstellen, direkt am Anfang auch dabei war.

Da sind ganz spannende Namen dabei, man sieht auch, dass es eine große Mischung ist: natürlich viele Schriftstellerinnen, aber auch zum Beispiel Ada Lovelace, die Computer-Pionierin, oder Michelle Obama. Ist der Kanon mit Absicht breit gestreut?

Der Kanon, die Kanon ist eigentlich auch noch nicht so breit gestreut, wie sie sein könnte. Wir haben sehr, sehr viele Rückmeldungen bekommen, über Twitter oder in den Kommentarspalten online, von Menschen, die einfach noch weitere Personen genannt haben, weshalb wir jetzt bei der schon recht großen Anzahl 678 sind. 678 Frauen aus verschiedenen Bereichen, aber wir sind noch lange nicht am Ende. Wir haben jetzt schon wieder neue Vorschläge bekommen und werden das immer weiter ausfächern und sammeln.

Filmemacherin und Fotografin Theresia Reinhold

Filmemacherin und Fotografin Theresia Reinhold

Können Sie denn auch die damalige These der Zeit entkräften, dass das halt so sei, weil nun mal in der Vergangenheit eher die Herren die Kultur geprägt haben? So hieß es ja im Sommer in der Zeit …

Ich glaube, keine von uns stimmt dieser These zu, weil es ja schon seit Jahrhunderten Frauen gibt, die Unfassbares geschaffen haben. Und das sind sogar nur die Frauen, die es überhaupt in den öffentlichen Blick geschafft haben. Und dann gibt es ja noch ganz, ganz viele Frauen, die im Alltäglichen die ganze Zeit fantastische Dinge vollbringen, aber niemals aus dem familiären oder Freundinnen-Umfeld oder beruflichen Umfeld herauskommen. Und deswegen: Ich unterstütze diese These nicht, denn ich glaube: Wenn ich nur Männer sehen möchte, dann sehe ich auch nur Männer. Wenn ich aber offen dafür bin, dass auch andere Personenkreise Großartiges vollbringen können und Wichtiges vollbracht haben, dann sehe ich auch die anderen.

Haben Sie vielleicht aus der Vergangenheit ein paar Beispiele, wo sie selber überrascht waren?

Eine der größten Überraschungen war zum Beispiel, dass eine Frau die Kreissäge erfunden hat – das wusste ich tatsächlich einfach nicht. Es ist aber auch total schön, dass uns Frauen genannt wurden wie Lucie Aubrac, die Widerstandskämpferin und Geschichtslehrerin war, und natürlich Margaret Atwood, die sich auch nicht in Herrn Kerstans Kanon findet, obwohl ihr großartiges Buch "Der Report der Magd" sogar verfilmt wurde.

Jetzt könnte man auch die These vertreten: Wenn man den Kanon als solchen eigentlich überhaupt hinterfragt, welchen Sinn macht dann ein weiblicher Kanon, wenn es sowieso etwas seltsam ist, in Kanons zu denken.

Das ist eine Frage, die wir uns auch gestellt haben, eher individuell, weil wir die Zeit für die Debatte gar nicht hatten in dieser kurzen Reaktionsphase. Aber es kann ja auch nicht die Lösung sein, einen Kanon wie den von Herrn Kerstan oder auch häufig genug Bildungskanons in Schulen unhinterfragt zu lassen. Ich glaube, dass allein die Anzahl von Frauen, die wir bereits gesammelt haben und weiterhin sammeln werden, eigentlich die Idee des Kanons an sich überwerfen wird. Der Kanon ist ja meistens relativ klein, er besteht aus 100 oder ein paar hundert Namen, manchmal sogar weniger. Aber zu zeigen: Es gibt da hunderte, tausende, zehntausende Personen, die man entdecken kann und dabei Neues lernen kann, zeigt eigentlich, dass Bildung an sich in diesem kanonischen Sinne viel breiter gefächert werden kann, als sie es momentan wird. Da geht es ja auch darum, die Neugier von Menschen wieder aufzuwecken und zu sagen: Schaut euch das einfach an, scrollt euch durch, lernt was Neues – mit dem Ziel, einfach das Weltbild zu erweitern.

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Autoren

Joana Ortmann

Sendung

kulturWelt vom 22.01.2019 - 08:30 Uhr