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Die "Isarautoren" kämpfen gegen Stereotype in Kinderbüchern | BR24

© Bayern 2

Münchner Kinder- und Jugendbuchautorinnen haben sich zusammengeschlossen, um ihren Themen eine breitere Öffentlichkeit zu verschaffen. Sie wollen sich für Geschichten einsetzen, die die Diversität unserer heutigen Gesellschaft widerspiegeln.

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Die "Isarautoren" kämpfen gegen Stereotype in Kinderbüchern

Münchner Kinder- und Jugendbuchautorinnen haben sich zusammengeschlossen, um ihren Themen eine breitere Öffentlichkeit zu verschaffen. Sie wollen sich für Geschichten einsetzen, die die Diversität unserer heutigen Gesellschaft widerspiegeln.

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Wer eine Buchhandlung betritt und sich in die Kinder- und Jugendbuchabteilung verirrt, dem fällt auf, wie klischeebeladen die Themen sind. Auf der einen Seite funkelt und glitzert es dem Besucher entgegen, Einhörner und Prinzessinnen tummeln sich auf den Titelbildern.

Auf der anderen Seite finden sich in hellblau gehaltene Bücher, von deren Covern Ritter und Drachen zum Kauf locken. "Es ist schade, dass immer die rosa Prinzessin ausgewählt wird, immer das Einhorn oder der Ritter mit dem leuchtenden Schwert“, sagt die Kinderbuchautorin Petra Breuer. Es gebe so viele andere Themen, die für Kinder interessant seien und diese förderten.

Alles ist rosa oder hellblau

Petra Breuer schreibt historische Bücher, um Jungen und Mädchen Geschichte näher zu bringen. Sie hat das Gefühl, eine Nische zu bedienen. Ihrer Kollegin Anja Janotta geht es genauso: "Viele gute Bücher gehen durch diese Stereotypisierung unter." Das sei schade, denn auch sie komme in Versuchung auf diese Weise zu schreiben. "Schreib` mal rosa und was für Mädchen, es muss wiehern und es muss Weihnachten drin sein" – das seien die Anforderungen. Abweichungen davon kämen bei den Verlagen nicht gut an: "Eine schräge Großmutter, die raucht, kann man vergessen."

© Petra Breuer

Petra Breuer schreibt Bücher über Münchner Stadtgeschichte

Kein Platz für schräge Großmütter

Doch bisher hat Anja Janotta diesem Druck standgehalten. In ihren Büchern gibt es immer noch Kinder mit Lese- und Rechtsschreibschwäche statt wiehernder Weihnachtsschimmel.

Um ihren Themen eine breitere Öffentlichkeit zu verschaffen, haben sich Anja Janotta und Petra Breuer mit anderen Münchner Kinder- und Jugendbuchautorinnen zusammengeschlossen, sie nennen sich "Isarautoren“. Zusammenschlüsse wie die Isarautoren gibt es in mehreren Städten, zum Beispiel die Elbautoren in Hamburg oder die Spreeautoren in Berlin.

Hier in München treffen sich die Mitglieder regelmäßig in einem Museum und tauschen sich über ihre Arbeitssituation und über Förderungen aus. Außerdem planen sie gemeinsame Lesungen und Aktionen. "Wir haben uns zusammengeschlossen, weil es miteinander einfacher ist, aufzutreten und auch als Gruppe gesehen zu werden," sagt Petra Breuer. Denn wirklich gesehen fühlen sich die Isarautoren nicht, wenn man mal vom Kreis ihrer kleinen Leserinnen und Leser absieht, sagt Anja Janotta:

Kinder in andere Welten tauchen lassen

"Wir fühlen uns nicht immer wertgeschätzt, auch von staatlicher oder von städtischer Seite." Oft sei es nötig, um Anerkennung zu kämpfen. "Wir müssen wirklich sagen: Hallo, wir sind die, die tolle Geschichten schreiben, die Kinder in andere Welten tauchen lassen, die Kinder auch emotional wachsen lassen".

Im Gegensatz zu Berlin und Hamburg unterstützt München Lesungen für Kinder und Jugendliche nicht. Dabei ist es gerade in sozialen Brennpunkten wichtig, Kindern vorzulesen, deren Leistungen laut der jüngsten PISA Studie immer weiter abnehmen.

© Anja Janotta

In Anja Janottas Büchern geht es um Kinder mit Lese- und Rechtschreibschwäche. Dabei erfindet sie ungewöhnliche Wortspiele

Die Geschichten sind wenig divers

Außerdem: Wenn der Staat nicht unterstützend eingreift in die Lese- und Autorenförderung und die Kinder- und Jugendbücher alleine dem Angebot und der Nachfrage des Marktes überlässt, dann spiegeln die Geschichten nicht die Diversität unserer heutigen Gesellschaft wider. Dabei existieren diese Geschichten schon längst in den Köpfen der Autorinnen. Anja Janotta berichtet, wie die Isarautoren sich einmal gegenseitig aus abgelehnten Manuskripten vorgelesen haben. Vorher habe keiner der Autorinnen und Autoren gewusst, was der jeweils andere vorlese. Dabei hätten die Schriftstellerinnen und Schriftsteller einen roten Faden bemerkt: "Es waren viele Geschichten, die mit Ausländern und Fremden zu tun hatten. Das sind Themen, vor denen die Verlage instinktiv zurückschrecken." Das sei traurig: "Wir als Kinderbuchautoren sind ja eigentlich die ersten, die eine offene, bunte Gesellschaft propagieren müssten."

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