BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

Was uns die Bilder von der Erstürmung des Kapitols erzählen | BR24

© Audio: BR/ Bild dpa Bildfunk
Bildrechte: dpa/Buildfunk

Eine Ikonografie der Bilder von der Erstürmung des Kapitols durch den Mob in Washington von Wolfgang Ullrich

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Was uns die Bilder von der Erstürmung des Kapitols erzählen

Fahnen, Selfies in Büros und mit Geplündertem: Die Erstürmung des Kapitols war ein Re-Enactment der Fantasien der Trump-Anhänger, die sie schon vorher in den Sozialen Medien durchgespielt hatten. Das nächste Mal könnte es weniger glimpflich ausgehen.

Per Mail sharen
Von
  • Wolfgang Ullrich

Mit einem Protestschild in der einen Hand und dem Smartphone in der anderen – so stürmten viele der Trump-Anhänger am Mittwoch in das Kapitol in Washington. Dazu kamen oft noch Accessoires wie Kappen und Schals mit Parolen aus dem letzten Wahlkampf oder aggressivere Ausrüstungen als Wikinger oder mit der Südstaaten-Flagge oder antisemitischen T-Shirts. Man versucht eben, mit allen Mitteln Stoff für Bilder zu liefern – fotogen und provokant zu sein –, um selbst zum Medienereignis zu werden. Das ist gängige Praxis der Demonstrationskultur seit Jahrzehnten. Nur mit starken Bildern schafft man es, die eigenen Botschaften und Forderungen an ein großes Publikum zu bringen.

Mit Selfies bezeugen Trump-Anhänger ihr vor-Ort-Sein

Doch mit dem Smartphone selbst auch Bilder zu machen, während man hofft, dass andere Bilder von einem machen, das ist relativ neu. Es zeugt vor allem von der Bedeutung, die Soziale Medien mittlerweile haben. Denn die Bilder und Videos, die die Protestierenden aufnehmen, senden sie meist direkt an ihre Follower bei Twitter, YouTube, Facebook, Telegram oder dem hauptsächlich von Rechten genutzten sozialen Netzwerk Gab.

Dabei geht es ihnen allerdings weniger um Berichterstattung als darum, stolz unter Beweis zu stellen, direkt vor Ort zu sein – dort, wo Geschichte geschrieben wird. Und weil sie so sehr damit beschäftigt sind, die historischen Ereignisse einzufangen, die sie ja selbst gerade erst mitproduzieren wollen, kommt letzteres schnell zu kurz. Vor lauter Begeisterung darüber, bei einer Revolution dabei zu sein, ist man von Anfang an so eifrig mit ihrer Dokumentation und mit dem Sammeln von Erinnerungsstücken beschäftigt, dass diese Revolution letztlich gar nicht mehr richtig stattfindet. Die Leute nehmen die Haltung von Veteranen oder von Geschichtstouristen ein, noch bevor die eigentliche Schlacht geschlagen ist.

Re-Enactment der eigenen Fantasien

Zum Glück – möchte man sagen. Denn nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn die Kapitol-Stürmer voll und ganz als Putschisten gehandelt hätten, wenn sie sich gut organisiert und in kürzester Zeit strategisch wichtige Punkte des Gebäudes besetzt hätten. Welche Folgen hätte es gehabt, hätten sie in den Büros alle Computer zerstört, Aktenschränke in Brand gesetzt, gar die Abgeordneten, die sich versteckt hatten, gefunden und dann gelyncht? Dann wäre es eventuell wirklich zu der Revolution gekommen, die sie zu erleben glaubten.

© Annekathrin Kohout
Bildrechte: Annekathrin Kohout

Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich

Sofern sie sich in einem erhabenen Moment fühlten und daher mit Bildermachen abgelenkt waren, hat das aber sicher auch damit zu tun, dass das, was geschah, seinerseits vor allem in den Sozialen Medien bereits seit Monaten in Wort und Bild immer wieder durchgespielt, angedroht, ausgemalt worden war. So oft Donald Trump seit dem Wahltag davon sprach, ihm sei der Sieg gestohlen worden, so oft kündigten seine Anhänger die Erstürmung des Kapitols an, machten sich gegenseitig heiß und empfanden das Szenario mit jeder Wiederholungsschleife noch wirklicher. So spielten sie am Mittwoch lediglich in real life nach, was in ihren Köpfen bereits vielfach stattgefunden hatte. Sie wirkten bei einem Re-Enactment ihrer eigenen Fantasien mit.

Gefahr der Sozialen Medien

Daraus abzuleiten, die in den Sozialen Medien entfachte Gewalt würde letztlich immer verpuffen, wäre jedoch voreilig und höchst leichtsinnig. Es reicht aber auch nicht, Trump oder anderen Radikalen nun einfach die Accounts zu sperren. Leute mit Putsch-Absichten werden vielmehr genau studieren, was da gerade passiert ist. Sie werden darauf achten, dass bei einem nächsten Mal oder einem anderen Anlass vor Ort alles gut genug organisiert ist, um die vorhandenen Kräfte zu bündeln und um den online vorbereiteten Plot auch komplett umzusetzen.

Außerdem wird es schon bald mehr digital natives unter den Demonstranten geben, zu deren Alltag Plattformen wie TikTok gehören. Ihnen aber wird es keine Probleme mehr bereiten, gleichzeitig zu putschen und Bilder vom Putsch zu machen. Denn ihr Leben findet ohnehin fast durchwegs mit Kamera in der Hand statt. Was wir am Mittwoch gesehen haben, machte also nicht nur Angst, weil es ein Angriff auf eine der vermeintlich stabilsten Demokratien war, sondern weil es ahnen lässt, welche Gewalt möglich wird, wenn vornehmlich in den Sozialen Medien entwickelte Fantasien sich erst einmal ungehemmt Bahn brechen.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!

Aktuelle Debatten, neue Filme und Ausstellungen, aufregende Musik und Vorführungen... In unserem kulturWelt-Podcast sprechen wir täglich über das, was die Welt der Kultur bewegt. Hier abonnieren!