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Schluffiger Adorno-Pop von Die Höchste Eisenbahn | BR24

© Britta Pedersen/dpa

"Die Höchste Eisenbahn" legt los

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Schluffiger Adorno-Pop von Die Höchste Eisenbahn

Liebe, Vaterschaft, Kapitalismus: "Die Höchste Eisenbahn" spricht auf ihrem neuen Album viele Themen an – eher poetisch als echt politisch. "Ich Glaub Dir Alles" ist Pop im besten Sinne. Doch der wirkt 2019 irgendwie aus der Zeit gefallen.

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Es geht direkt los mit den Widersprüchen. „Alles ist verloren“, heißt es im Eröffnungsstück der Platte. Und dann: „Quatsch, alles ist in Ordnung“. Das ist bester Adorno-Pop. Es geht um das entfremdete Subjekt im alternativlos gewordenen Kapitalismus. Die Höchste Eisenbahn versuchen sich an einer Zustandsbeschreibung der Gegenwart. „Alles funkelt und glänzt“, heißt es an anderer Stelle. Da steht jemand vor den Produkten der Postmoderne und ist verwirrt. Kann Konsum wirklich glücklich machen? Im Stück „So Siehst Du Nicht Aus“ wird diese Frage negativ beantwortet. Am Ende sind es eben immer doch wieder nur leere Versprechen.

Musik für Mittvierziger

„Ich Glaub Dir Alles“ heißt die Platte, schon der Albumtitel wirkt naiv. Wem glaubt man wirklich alles? Wem vertraut man überhaupt noch? Die Höchste Eisenbahn hangeln sich auf ihrem dritten Album von Motivkreis zu Motivkreis: Kapitalismuskritik, Liebe, Vaterschaft. Die Themen sind häufig nur angedeutet. Die Texte intuitiv zusammengesetzt. Der Klang der Worte ist wichtiger als eindeutig politische Messages. Das sind schluffig-poetische Popsongs für Mittvierziger.

© Britta Pedersen/dpa

Bei einem Songtext von "Die Höchste Eisenbahn" ist der Klang der Worte wichtiger als ihre Aussage.

Moritz Krämer und Franscesco Wilking, die Hauptfiguren von Die Höchste Eisenbahn, singen im Dialog. Sie sind nicht immer einer Meinung. „Ich Glaub Dir Alles“ ist die Vertonung eines Zwiegesprächs. Krämer und Wilking suchen nach den Bruchstücken des Richtigen im Falschen. Am Ende sprechen sie mit einer Stimme: „Ich weiß nicht mehr, wer was geschrieben hat“, sagt Wilking über den Schreibprozess. Die Platte habe ihre Identitäten aufgefressen.

Dadaismus mit "roten Luftballons"

Es macht Spaß, Wilking und Krämer bei ihren poetischen Alltagsbeschreibungen zuzuhören. Die Musik schreibt fort, was Bands der „Hamburger Schule“ begonnen haben: intellektuelle, manchmal etwas verkopfte Popmusik. Die Höchste Eisenbahn grenzen sich aber ab von Bands wie Blumfeld oder Tocotronic. Sie nehmen nicht alles ganz so ernst. Sie wirken wie Kinder, die spielen, und ihr Spiel ist die Musik. Heraus kommt eine Art klingender Dadaismus wie im Song „Rote Luftballons“. Auch nach mehrmaligem Hören hat man keine Ahnung, worum es eigentlich geht.

Kunst als Selbstzweck. Eigentlich ist „Ich Glaub Dir Alles“ Pop im besten Sinne: Es ist, schon im Titel, das Versprechen, dass da jemand für dich da ist. Die Höchste Eisenbahn geben sich wie gute Kumpels. Leider ist die Musik dazu nicht besonders einfallsreich. Die Rhythmen sind wenig innovativ, fast immer dudelt ein Keyboard im Hintergrund, und dem Album fehlt ein roter Faden. Singer-Songwriter-Pop wirkt im Jahr 2019 irgendwie aus der Zeit gefallen.

© Tapete Records

Das Album "Ich glaub dir alles" von "Die Höchste Eisenbahn" ist bei Tapete Records erschienen.

Bayerische Tour-Daten: 27. Oktober München (Technikum), 1. Dezember Regensburg (Alte Mälzerei)

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