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Die Gondel ist sicher: "Drei Männer im Schnee" in München | BR24

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Theaterkritik: "Drei Männer im Schnee"

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Die Gondel ist sicher: "Drei Männer im Schnee" in München

Millionär spielt im Grand Hotel den armen Mann: Erich Kästners satirischer Roman als Vorlage für eine betont nostalgische Revue-Operette im UFA-Stil. Das Publikum war begeistert, die Sänger überzeugten als Schauspieler - trotzdem Geschmackssache.

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Übertreibt es das Münchener Gärtnerplatztheater mit der Nostalgie? Aber wie! Jetzt fühlen sich dort schon die Uraufführungen achtzig Jahre älter an, als sie sind. Und das Verblüffende daran: Die Zuschauer bekommen deshalb keine grauen Haare, sondern gute Laune. Der Sänger, Texter und Komponist Thomas Pigor, geboren in Alzey, aufgewachsen in Unterfranken, hielt es für eine gute Idee, eine Revue-Operette konsequent im Stil der 1930er Jahre zu schreiben. Da war die Vorlage schnell gefunden: Erich Kästners populärer Roman "Drei Männer im Schnee" wurde nach dem Erscheinen 1934 fünf Mal verfilmt und zigmal übersetzt, und es kommen darin Berge, Millionäre, Skifahrer, ein Grandhotel und Liebespaare vor. Das reichte Thomas Pigor vollkommen aus, zumal Erich Kästner jede Menge witzige Sprüche parat hatte und Verwechslungskomödien auf der Bühne fast immer funktionieren.

© Christian POGO Zach/Gärtnerplatztheater

Stepptanz auf Skiern

Nazis bringen diese Märchenwelt nicht zum Einsturz

Die Musik dazu schrieben und arrangierten neben Pigor selbst Konrad Koselleck, Christoph Israel und Benedikt Eichhorn: Teamarbeit also, das war schon vor achtzig Jahren im kommerziellen Unterhaltungstheater nicht ungewöhnlich. Heraus kam tatsächlich ein Abend, der nostalgisch klingt und (sehr) nostalgisch aussieht. Intendant und Regisseur Josef Köpplinger versteht sich auf solche Art mehrheitsfähige Retro-Operetten, lässt sie flott abschnurren und bunt bebildern (Ausstattung Rainer Sinell und Dagmar Morell). Das da zwischendurch auch mal ein paar Nazis auftauchen und zwei Schwule vom Berliner Nollendorfplatz träumen, darunter der fesche Skilehrer, bringt die Märchenwelt nicht zum Einsturz. Die Seilbahn-Gondel ist ein Faradayscher Käfig und somit vor Blitzschlägen sicher, wissen die Insassen. Fragt sich nur, ob das auch für einen politischen Wettersturz gilt.

© Christian POGO Zach/Gärtnerplatztheater

Silvesterfeier 1932

Optik eines UFA-Films

Das alles ist Geschmackssache, denn handwerklich ist auch diese Uraufführung zweifellos professionell gemacht: Der Wortwitz stimmt, die rasanten Umbauten und Auftritte sind bestens geprobt - alle Mitwirkenden spielen herrlich authentisch, allen voran Erwin Windegger als millionenschwerer Fabrikant, der die Grand-Hotel-Welt mal von unten sehen will und Sigrid Hauser als liebestolle Halbweltdame, die pünktlich zum Dritten Reich erblondet. Stimmlich bleiben bei manchen Kollegen Wünsche offen, schauspielerisch nicht. Trotzdem, nicht jeder fühlt sich wohl mit einer Uraufführung von heute in der Optik eines UFA-Films, schon gar nicht, wenn die Handlung explizit Silvester 1932 spielt.

© Christian POGO Zach/Gärtnerplatztheater

Gute Wünsche für 1933

Herz erwärmend und familienfreundlich

Da werden Neujahrswünsche für 1933 ausgetauscht, unter den Kostümierten findet sich neben einem SS-Standartenführer und ein paar SA-Braunhemden ein Sensenmann. Ein Winter-Gewitter blitzt und donnert, das Liebespaar stellt sich vor, wie schön das Leben in zehn Jahren, also 1943, wohl sein wird. Das alles bleibt bei einem derart harmlosen Regiekonzept allerdings rein dekorativ. Dazu gibt´s reichlich Tango-Rhythmen, einen akrobatischen Stepptanz auf Skiern, langsamen Walzer und Spurenelemente von Jazz, durchweg nichts Aufregendes. Für Kästner-Fans, und das sind heutzutage deutlich weniger als vor ein paar Jahrzehnten, ist das sicherlich dennoch eine Herz erwärmende, vor allem auch familientaugliche Produktion.

© Christian POGO Zach/Gärtnerplatztheater

Schneemann Kasimir

Da ist der Kalender durcheinander geraten

Der quirlige Kinderchor könnte gleich in "La Bohème" oder im "Werther" weitermachen, wo ja auch immer jeweils ein paar niedliche Pudelmützen gebraucht werden, um sentimentale Weihnachtsstimmung zu verbreiten. Dirigent Andreas Kowalewitz machte das Beste draus: Wenig eleganter Swing, viel heiteres Geschunkel, sogar in der Seilbahn-Gondel, sehr zum Vergnügen des Publikums. Ja, diese Uraufführung ist ein Erfolg, aber nach knapp drei Stunden empfiehlt sich weniger der Blick auf die Uhr als auf den Kalender: Es stimmt, wir haben tatsächlich 2019 - das Gärtnerplatztheater hat wohl ein paar Schalt-Tage übersehen.

Wieder am 2., 3. und 9. Februar, weitere Termine.