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Schorsch Kamerun über das neue Album der Goldenen Zitronen | BR24

© Frank Egel

Die Goldenen Zitronen

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Schorsch Kamerun über das neue Album der Goldenen Zitronen

Populismus, Nationalismus, Hass: Die Goldenen Zitronen wagen auf "More Than a Feeling" eine kritische Bestandsaufnahme der Lage der Nation. Sänger Schorsch Kamerun erzählt, wie das neue Album entstanden ist – und was er an der alten BRD vermisst.

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Die Goldenen Zitronen haben auf der "Welcome to Hell"-Demo während des G20-Gipfels in Hamburg 2017 gespielt, sind aber mittlerweile genauso zu Hause im Theater. Die Hamburger Band war einst Wegbegleiter der Toten Hosen, hat allerdings Anfang der 90er-Jahre deren Pfade, die Richtung Stadionrock gingen, verlassen. Spätestens seitdem sind die Goldies ein verlässlicher Seismograph gesellschaftlicher Zustände in Deutschland. Auch auf ihrem 13. Studioalbum "More Than a Feeling" messen sie wieder die Erschütterungen in Deutschland und der Welt. Hardy Funk hat mit Sänger Schorsch über klare Feindbilder, die alte BRD und G20 gesprochen.

Hardy Funk: Schorsch Kamerun, wann zuletzt befand sich die Welt in einer so desolaten Lage wie heute?

Schorsch Kamerun: Ich glaube, dass sich die Welt ständig in desolaten Lagen befindet. Seit der Mensch den Baum verlassen hat, gibt es Schwierigkeiten. Das liegt irgendwie an der besonderen Ausrichtung des Menschen, was gewisse Vormachtstellungen angeht. Zurzeit gibt es eine besondere Lage, die mit besonderen Ängsten zu tun hat. Und darauf reagieren bestimmte Gruppierungen, die dann sagen: hier die Angst, da das Rezept. Und trotzdem haben wir schon Situationen gehabt, sagen wir mal in Europa, wo es möglicherweise noch düsterer aussah. Dafür haben wir die Probleme ein Stück weit nach außen verlagert und haben woanders Kriege. Und das sind möglicherweise Kriege, die doch durchaus mit uns zu tun haben, weil sie bestimmte Begehrlichkeiten unterstützen und so weiter.

Ist es als Band einfacher, in einer Zeit wie dieser Songs zu schreiben – weil zumindest die Feindbilder wieder klarer sind?

Wir haben festgestellt: Wir treffen uns im Studio und bringen Texte mit, die von sehr ähnlichen Themen handeln: Mauern und Begrenzungen, Ausgrenzungen, Zäune oder auch das Volk. Und da reflektieren wir und erfinden dann Zuspitzungen wie: Baut doch mal die Mauer! Mal sehen, wie es da drin aussieht! Aber uns fällt es nicht unbedingt leichter. Wir berichten ja nicht nur über diese Dinge, sondern auch weiterhin über den Kapitalismus, wie der sich zuspitzt und neu erfindet. Und auch wir leben in einer Subjektivierung und in einer Geschäftsführung des Selbst. Es ist gar nicht so leicht, dabei eine Lockerheit zu bewahren. Das gelingt mal mehr, mal weniger.

Wie sind die Songs denn entstanden – gemeinsam im Studio?

Ja, die Musik entsteht absolut kollektiv. Wir sind da wie in einem kleinen Hippie-Raum, jeder hat was in der Hand und man fängt so an, vor sich hin zu nudeln. Das klappt wirklich ziemlich gut, weil wir wissen, was wir nicht wollen. Es wird schnell auch mal eine Tür zu gemacht und gesagt: Das hier bitte nicht, diese Orgel kannst du nicht bringen. Wir gucken, was dann übrig bleibt und daraus bauen wir Tracks. Und dann kommen erst die Texte dazu.

Im Song "Das war unsere BRD" singt Ihr von der alten BRD – allerdings von eher negativen Dingen, ohne die sonst übliche Nostalgie…

Ich finde den Song ambivalent. Auch wenn der Text ein bisschen spöttisch ist, spürt man – fast untypisch für die Goldenen Zitronen – so eine kleine Verklärung. Ich finde, dass sich das schon nostalgisch anhört. Weil wir eben auch bestimmte Dinge vermissen, vielleicht auch Klarheiten. Natürlich hat es da Feindbilder gegeben, die vielleicht noch polternder, ablehnungswürdiger und autoritärer waren – was möglicherweise gerade zurückkommt. Aber auf der anderen Seite hatte man da auch ein einfacheres Gemeinsames. Wir fühlten uns sicherer in unserem Zusammensein und unserer Ablehnung.

Ihr singt aber auch von der "heterosexuellen BRD" und von der "mono-deutschen BRD"…

Ja, das stimmt. Auf der einen Seite haben sich die Dinge entspannt. Man lebt ganz anders zusammen heute, viel diverser. Und trotzdem werden Ängste geschürt.

Es geht nochmal um Nostalgie auf dem Album: "Komm Joe, mach die Musik von damals nach" lautet eine Zeile in "Gebt doch endlich zu, euch fällt sonst nichts mehr ein". Ich musste bei der Zeile an andere Bands denken, an Feine Sahne Fischfilet etwa – oder auch an die Nerven. Trifft Eure Kritik an Retro auch solche Bands aus dem mehr oder weniger gleichen Lager?

Ich bin kein Fan von Ausgrenzung. Aber insgesamt muss man schon sagen, dass da sehr vintage-retro-artig weitergemacht wird. Man fragt sich ein Stück weit, warum man jetzt zum Beispiel an den aggressiven, schnell gespielten Rock'n'Roll-Song glaubt und meint, damit sei man schon "anders". Aber wir sind ja auch die Goldies, die ein bisschen extra fleißig nach Neuem suchen und auch eine Form finden wollen, die weiter irritiert. Was andere Kollegen angeht: Die Nerven zum Beispiel gefallen mir besonders gut. Wenn ich sie richtig verstehe, und ich kenne sie ja persönlich ganz gut, suchen die gar nicht unbedingt den Bezug von irgendjemand anderem, der jetzt Siebziger Punk oder was auch immer war.

Retro-Trends sind ja nicht nur in der Musik allgegenwärtig, sondern auch in der Kleidung, im Design, in der Einrichtung. Seht Ihr Retro, auch in der Musik, als Ausdruck einer Sehnsucht nach Sicherheit?

Ja, das scheint mir unbedingt der Wunsch zu sein, den ich auch sehr schwierig finde. Ich lebe auf Sankt Pauli und erlebe das mit voller Wucht. Alles, was dort erfunden wird, kommt zum Teil einfach nur wieder. Manchmal sind das sehr große Wünsche nach etwas Traditionellem. Wenn da Läden aufmachen, die dann "Vater und Sohn" heißen zum Beispiel. Oder auch das Pochen auf das Lokale. Was auch so eine Verwandtschaft hat mit dem Wunsch nach einer gemeinsamen Tradition. Man hat das Gefühl, dass dadurch eine eigentlich behauptete Diversität völlig kaputtgeht. Das kommt auch in unserem Song "Bleib bei mir" vor, wo es darum geht, dass jemand nach Teneriffa fährt, in die Fremde, aber trotzdem Angst hat vor Veränderung.

Was könnte man diesen Menschen denn stattdessen anbieten – und was bieten die Goldenen Zitronen vielleicht stattdessen an?

Wir bieten an, weiter zu experimentieren. Unsere Antwort auf Populismus ist kein Populismus. Einfache Lösungen sind nicht unsere Lösung. Wir sind da weiterhin auch für uns unbequem und versuchen Dinge zu machen, mit denen wir uns selbst nicht so gut auskennen. Deswegen werden wir es wahrscheinlich nie zu einem richtigen Stil schaffen.

In "Mauern bauen (testweise)" fragt Ihr euch ganz konkret, was mit "Volk" gemeint ist, was mit "Wir" gemeint ist. Die gleichen Nasen tragen, die gleichen Autos fahren, Schweine essen,… Da wird ja schnell klar: Das kann keiner wirklich wollen. Und trotzdem ist das für viele attraktiv.

Das ist die Frage. Wenn all diese Forderungen durchgesetzt würden – was hätten wir denn dann eigentlich? Hätten wir dann den Versuch eines Dritten Reichs? Oder geht es um andere Sachen, wo man sagt: Ja, ich habe eigentlich Lust auf Zaziki, ich weiß aber nicht, ob ich das überhaupt in meiner Mauer haben will? Das klingt ja so, wie in dem Song überspitzt ausgedrückt: nach Werten, die nur meine eigenen sind. Vielleicht gibt es ja irgendwann eine Region, wo man eine monokulturelle Atmosphäre hat. Und wenn es das geben würde, könnten da diejenigen hingehen, die das Monokulturelle wollen. Und vielleicht könnte man sich dann aus dem Weg gehen. Ich hätte nichts dagegen!

© Frank Egel

Die Goldenen Zitronen

Seht Ihr das denn als reale Gefahr? Oder eher als letztes Aufbäumen des Nationalismus? Die Menschheit lebt ja jetzt schon so durchmischt, dass es da eigentlich kaum einen Weg zurück geben kann.

Ist das so? Bis jetzt ist Trump weder selbst gestürzt noch gestürzt worden. Und er hat eine Wählerschaft, die, wenn man den Umfragen glauben darf, sich weiterhin diese Trennung wünscht und bestimmte Sicherheiten und auch diese Mauern. Und auch in Europa gibt es solche Dinge: in Ungarn, in Polen. Aber auch in Deutschland oder Österreich.

In "Die alte Kaufmannsstadt, Juli 2017" beschreibt ihr die G20-Proteste als vorhersehbares Spiel, in dem jede Partei ihre festgeschriebenen Rollen spielt, um fristgerecht die immer gleichen Bilder zu liefern. Ihr wart selbst dabei, habt auf der "Welcome to Hell"-Demo gespielt und thematisiert das auch in dem Song. Wie kommt man denn raus aus dem Spiel mit verteilten Rollen?

G20 hat deswegen so gut geliefert, weil wir in einer sogenannten Erregungsgesellschaft leben und wir auch schon vorher wussten, welche Bilder wohl durchkommen. Dem auszuweichen, ist wirklich schwer. Wir bekennen uns trotzdem zu "Welcome to Hell", weil wir den Titel auch gut finden, der ambivalent ist: Welche Hölle ist eigentlich gemeint? Trotzdem gab es auch unendlich viele andere Dinge, die oft viel größer waren, viel gemeinsamer und viel lustiger und irritierender. Das wird aber anscheinend nicht gewünscht. Auch von meinungsmachenden Leuten, die wissen: Die Ware ist das Spektakel. Insofern hatten die Situationisten unbedingt Recht mit der Gesellschaft des Spektakels. Ich glaube trotzdem, dass es möglich ist, sich auch immer wieder anders zu präsentieren. G20 hat auch gerade in Hamburg die Szene eher nicht zerschlagen, sondern zum Teil auch vereint.

Ein anderer Song, in dem Ihr die Linke und auch Euch selbst kritisiert, ist "Es nervt": Latoya Manly-Spain aus Sierra Leone, Sängerin bei Schwabinggrad Ballett & Arrivati, einem Nebenprojekt deines Bandkollegen Ted Gaier, hält da Menschen, die Geflüchteten helfen, den Spiegel vor. Und sagt unter anderem, dass Geflüchtete von diesen helfenden Menschen zum Objekt gemacht werden. Dass sie nicht wirklich für Geflüchtete sprechen können. Habt Ihr selbst als Band aus weißen Männern auch das Problem, wie Ihr für andere sprechen könnt?

Ja, das ist eine Grundfrage gewesen beim Beginn der Platte: Inwieweit lässt sich überhaupt für andere sprechen oder sich für andere einsetzen, wenn man doch oft gar nicht so betroffen ist? Aber deswegen probieren wir das zu beschreiben. Oder aber wir geben mal das Mikrofon ab.

Albumkritik: "More Than a Feeling" von den Goldenen Zitronen

Krachig, krautig, technoid: So klingt das neue Album "More Than a Feeling" der Goldenen Zitronen. In den Texten nehmen sie sich den Mauern, dem Populismus und zunehmenden Nationalismus an – wie immer, ohne schlichte Parolen zu liefern.

© Bayern 2

Krachig, krautig, technoid: So klingt das neue Album "More Than a Feeling" der Goldenen Zitronen. In den Texten nehmen sie sich den Mauern, dem Populismus und zunehmenden Nationalismus an – wie immer, ohne schlichte Parolen zu liefern.

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