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"Die europäischste Bewerbung, die ich seit Langem gesehen habe" | BR24

© Miller Filme /Stadt Nürnberg

Kulturwissenschafter Gottfried Wagner in Nürnberg

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    "Die europäischste Bewerbung, die ich seit Langem gesehen habe"

    Der Kulturwissenschaftler Gottfried Wagner analysiert die Nürnberger Bewerbung. Der Österreicher war Generalsekretär der Europäischen Kulturstiftung und saß mehrfach in der Jury, die die Kulturhauptstadt Europas bestimmt.

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    Am Tag vor der großen Entscheidung für oder gegen Nürnberg als Kulturhauptstadt spricht Gottfried Wagner über die Bewerbung der Stadt. Der Kulturwissenschaftler, der in Österreich lebt, gehörte jahrelang der Jury zur Kulturhauptstadt-Bewerbung an. Er hat als Leiter der Europäischen Kulturstiftung reichlich Erfahrung mit den verschiedensten Bewerbungen.

    BR24: Alle schauen gebannt auf die Entscheidung der Jury. Was passiert denn da im Vorfeld?

    Gottfried Wagner: "Die zwölf Juroren haben eine große Verantwortung. Sie müssen innerhalb einer relativ kurzen Zeit Projekte beurteilen, in denen unglaublich viel Arbeit steckt. Aber auch unglaublich viele Erwartungen von vielen Menschen. Es geht um Geld und um eine Reputation für die Stadt, für das Land, für Europa. Es konzentriert sich in diesen eineinhalb Stunden alles auf ein Ja oder ein Nein."

    BR24: Wie strittig waren die Entscheidungen, die Sie erlebt haben?

    Gottfried Wagner: "Ich habe alles erlebt. Ich habe Jury-Entscheidungen erlebt, die ziemlich einstimmig und sehr schnell gefallen sind. Ich habe aber auch ausgesprochene Patt-Situationen erlebt, wo dann alles vom Leiter der Jury abhängt. Der gibt dann entweder die entscheidende Stimme ab oder er sagt: 'Gehen wir zurück in die Diskussion. Vielleicht gibt es Entwicklungen, die man sich in einer Jury noch einmal anschauen muss."

    BR24: Kurz zusammengefasst, was macht eine gute Bewerbung aus?

    Gottfried Wagner: "Zunächst einmal ist das die Leistung, die bei der Erstellung des Bid Books, also des Bewerbungsbuchs, erbracht wurde. Entspricht das den Standards und Kriterien? Kann man erwarten, dass da wirklich etwas Außergewöhnliches passiert in dieser Stadt, das auch nachhaltig ist?"

    BR24: Was sind entscheidende Kriterien?

    Gottfried Wagner: "Am Ende geht es aber auch um die Menschen, die hinter dieser Bewerbung stehen und um deren Glaubwürdigkeit, Ernsthaftigkeit und Klugheit. Spürt man genug Energie und traut man ihnen zu, das alles in die Wirklichkeit umzusetzen? Und wie immer bei Entscheidungen, an denen Menschen beteiligt sind, geht's letztlich auch um die Authentizität der Bewerbung, die Echtheit. Die spürt man am besten über die Personen, die die Bewerbung präsentieren."

    BR24: Was halten Sie denn von der Nürnberger Bewerbung?

    Gottfried Wagner: "Ich habe als Berater ein bisschen mitgewirkt. Deswegen fällt es mir schwer, das jetzt zu sagen. Aber ich glaube schon, dass es eine ganz außergewöhnliche Bewerbung ist. Schon lange hat keine Stadt mehr diesen Wettbewerb so ernst genommen und hat sich so unglaublich vielfältig, ernsthaft und witzig mit der Frage beschäftigt, was soll eigentlich Stadt in Europa heutzutage und in Zukunft können? Was sind die größten Herausforderungen? Nürnberg ist eine enorm komplexe Stadt, mit vielen Ups und Downs in der Vergangenheit – mit diesen schrecklichen und wunderbaren Episoden und Zeiten. Fast die Hälfte der Menschen in Nürnberg sind zugewandert und es gibt strukturelle Wandel."

    BR24: Was ist das Plus der Nürnberger Bewerbung?

    Gottfried Wagner: "Also die Stadt hat sich wirklich ungemein ins Zeug gelegt. Ich glaube, es ist die internationalste, europäischste Bewerbung, die ich seit Langem gesehen habe. Es ist eine sehr solide und künstlerisch ganz außergewöhnliche Bewerbung. Und ich glaube am Schluss, im Jahr 2025, wird Nürnberg fast nicht mehr die alte Stadt sein. Sondern Nürnberg wird eine attraktive neue Metropole sein, in der viele Dinge vereinbart werden, die für europäische Städte wichtig sind."

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