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Die Doku "Ex Libris" erzählt vom "Hunger auf Bildung" | BR24

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Er glaubt nicht, dass Filme die Welt "verändern" können und kann "Didaktik" nicht ausstehen: Der 89-jährige Dokumentarfilmer Frederik Wiseman würdigt in seiner neuen Arbeit die New Yorker Stadtbibliothek. Die wirbt "heiß und kreativ" um Geldgeber.

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Die Doku "Ex Libris" erzählt vom "Hunger auf Bildung"

Er glaubt nicht, dass Filme die Welt "verändern" können und kann "Didaktik" nicht ausstehen: Der 89-jährige Dokumentarfilmer Frederik Wiseman würdigt in seiner neuen Arbeit die New Yorker Stadtbibliothek. Die wirbt "heiß und kreativ" um Geldgeber.

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Frederick Wiseman hat vor rund 50 Jahren in Amerika das "Direct Cinema" mitbegründet, den beobachtenden Dokumentarfilm. Fast jedes Jahr präsentiert der leidenschaftliche Regisseur eine neue Arbeit. Vor zwei Jahren wurde er für sein Lebenswerk mit einem Ehren-Oscar ausgezeichnet – für Filme wie über "Das Ballett der Pariser Oper" oder über die Londoner "National Gallery". Heute, am Internationalen Tag der Bibliotheken, kommt sein 42. Dokumentarfilm in die Kinos. Titel: "Ex Libris – The New York Public Library".

"Verheerende Wirkung der Religion"

Frederick Wisemans Filme beginnen vollkommen unspektakulär. Es ist wie bei Romanen, die mit der nüchternen Schilderung eines Ortes einsteigen. Erst allmählich schält sich aus dem Alltäglichen das Besondere heraus. So sieht man bei "Ex Libris" zuerst das Hauptgebäude der New Yorker Public Library in Manhattan von außen, dann die hölzerne Drehtür, durch die man nach innen schwingt – und dann findet in der großen Eingangshalle gerade eine Veranstaltung des Evolutionsbiologen Richard Dawkins statt, der über die verheerende Wirkung von Religion in den USA spricht. Dass stattliche 20% der Amerikaner mit Religion überhaupt nichts am Hut hätten, würde weitgehend ignoriert.

© Koolman Film

Eingang der New Yorker Public Liberary

"Ich hasse Didaktik"

Schon sind wir mitten drin in diesem faszinierenden Tempel des Wissens, der mit über 51 Millionen Büchern und Dokumenten eine der größten Bibliotheken der Welt ist – und keineswegs von gestern. Das 1911 eröffnete Haus mit seinen rund 90 Zweigstellen in New York City erfindet sich gerade neu – als lebendiger Ort des Wissens, der Diskussion sowie des gemeinsamen Lernens. Von der Berufsberatung über Erwachsenenbildung bis zu Konzerten und Vorträgen ist die Public Library ein Ort – halb Gemeindezentrum, halb Volkshochschule – der Kultur zugänglich macht, vor allem für jene, die sich keine teuren Opernkarten oder einfach nur Bücher leisten können. Wiseman begreift den freien Zugang zu Wissen als menschliches Grundrecht: "Ich habe zu lesen begonnen, als ich fünf Jahre alt war. Ich liebte Bücher. Und später habe ich das, was mir an Gedichten, Theaterstücken oder Romanen gefiel, auf meine Art, Filme zu drehen, übertragen. Konkret heißt das: Ich hasse Didaktik. Ich versuche, nichts zu erklären. Ich mache Filme, indem ich Informationen zur Verfügung stelle, so dass jeder Zuschauer versteht, was da vor sich geht. Ich glaube nicht, dass Filme die Gesellschaft verändern können. Vielleicht ein paar wenige. Mir geht es vor allem darum, die Komplexität und die Widersprüchlichkeit der Welt zu zeigen, wie ich sie selbst erlebe."

"Heiß und kreativ" bei der Sponsorensuche

Wenn Frederick Wiseman einen Film macht, muss man sich das so vorstellen: Er bewegt sich rund drei Monate lang mit der Kamera durch eine Institution oder eine Stadt oder eine Firma. Dann sitzt er ein Dreivierteljahr im Schneideraum und destilliert aus 150 bis 200 Stunden Material einen rund dreistündigen Film. Er selbst begreift sich bisweilen mehr als Verhaltensforscher denn als Filmemacher. Es gehe darum, aus dem Material die Sequenzen auszuwählen und zu montieren, die eine Geschichte erzählen würden. In "Ex Libris" erlebt man etwa, wie heiß und kreativ im Verwaltungsgremium der privat-öffentlich aufgestellten Library die Gewinnung neuer Sponsoren diskutiert wird.

Frederick Wiseman entdeckt mit seiner Kamera einen Ort des demokratischen Austauschs. Ihm ist ein zutiefst berührender Film gelungen. Er zeigt, wie vor allem auch unterprivilegierte Menschen sich gegenseitig helfen, wie sie nicht aufgeben, was für ein Hunger auf Bildung sie antreibt – und das in einem Land, in dem Donald Trump als Präsident ganz andere Verhaltensweisen vorlebt: "Trump steht für eine total darwinistische Perspektive, einmal abgesehen davon, dass er vermutlich nicht weiß, wer Darwin war. Er ist ein Narzisst, dazu grausam und ohne Einfühlungsvermögen für andere Menschen. Die öffentliche Bibliothek verinnerlicht alles, was Donald Trump nicht ist – und funktioniert so als eine Art Gegenmittel zu ihm.“

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