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"Die Bombe": Eine große Graphic Novel erzählt von Hiroshima | BR24

© Audio: Bayern 2; Bild: Editions Glénat 2020 by Alcante, LF Bollée & Denis Rodier © der deutschen Ausgabe Carlsen Verlag GmbH, Hamburg 2020

Am 6. August 1945 wurde über Hiroshima die erste Atombombe gezündet. Didier Alcante, Laurent-Frederic Bollée und Denis Rodier haben eine Graphic Novel über die Geschichte der entsetzlichen Katastrophe geschrieben und gezeichnet.

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"Die Bombe": Eine große Graphic Novel erzählt von Hiroshima

Am 6. August 1945 wurde über der japanischen Hafenstadt Hiroshima die erste Atombombe gezündet. Didier Alcante, Laurent-Frederic Bollée und Denis Rodier haben in ihrem Comic die Geschichte dieser entsetzlichen Katastrophe rekonstruiert.

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Der dunkle Fleck ist zutiefst verstörend. Er erstreckt sich über zwei Treppenstufen aus Stein, die man im "Peace Memorial Museum" im japanischen Hiroshima besichtigen kann. Der Fleck ist ein Schatten – und alles, was geblieben ist von einem Menschen, der die Explosion der ersten Atombombe am 6. August 1945 aus nächster Nähe erlebte. Er ist eine "in Stein gebrannte Erinnerung", wie Didier Alcante, Laurent-Frédéric Bollée und Denis Rodier in ihrer Graphic Novel "Die Bombe" schreiben und zeigen. Ein Bild dieses Schattens steht am Ende ihrer großen Geschichte über die Entwicklung einer Massenvernichtungswaffe. Zugleich steht es am Anfang, erzählt Didier Alcante, Comic-Szenarist aus Brüssel. In der Kindheit lernte er einen Jungen aus Japan kennen, freundete sich an mit ihm. Als er zwölf Jahre alt war, folgte er einer Einladung nach Japan und sah dort auch die Treppenstufen von Hiroshima.

"Alles, was man im Buch sieht, ist wirklich geschehen", sagt Didier Alcante. "Die Menschen sind bei lebendigem Leib verbrannt. Ihr Haar wurde durch die elektrische Energie in der Luft aufgeladen, ihre Haut ist geschmolzen. Das war so schrecklich. Aber das ist die Realität. Man kann die direkten Folgen des Atombomben-Abwurfs nicht wirklich verstehen. Man fühlt sie viel mehr. Die Zeichnungen von Denis bewirken, dass man den Horror dieser Waffe spürt. Genau das wollten wir."

© Editions Glénat 2020 by Alcante, LF Bollée & Denis Rodier © der deutschen Ausgabe Carlsen Verlag GmbH, Hamburg 2020

Hiroshima am 6. August 1945: Die erste Atombombe explodiert über der japanischen Stadt.

Eine globale Geschichte der Atombombe

Insgesamt vier Jahre haben Didier Alcante, Laurent-Frédéric Bollée und Denis Rodier an der umfangreichen Dokumentation gearbeitet: Ihr Comic-Buch "Die Bombe" entstand im fortwährenden Austausch zwischen Belgien, Frankreich und Kanada. Das Autoren-Trio erzählt die Geschichte in einer globalen und vielschichtigen Perspektive: Hier der Uran-Abbau im belgischen Kongo, dort das Manhattan- und das Los Alamos-Projekt der Amerikaner, da Stalins Befehle im Kreml – und viele andere Schauplätze mehr. Immer wieder führt der Comic, der im Frühjahr 1933 beginnt, nach Deutschland, in den Terrorstaat der Nationalsozialisten. Das "Dritte Reich" spielte eine zentrale, treibende Rolle beim internationalen Wettlauf um den Besitz Atombombe.

"Die Deutschen haben zuerst mit einem Atom-Programm begonnen", so Didier Alcante. "Die wichtige wissenschaftliche Entdeckung dafür war die Kernspaltung. Otto Hahn und Fritz Straßmann haben diese im Dezember 1938 gemacht. Im folgenden Frühjahr besetzten die Deutschen die noch unabhängigen Gebiete der Tschechoslowakei. Sie kamen damit auch in den Besitz der größten Uran-Mine Europas. Sie hatten also die wissenschaftliche Expertise. Und sie hatten Uran. Im April 1939 wurde das deutsche Atomprogramm offiziell gestartet – mit dem Ziel, eine Bombe zu entwickeln. Am Anfang waren die Forschungen sehr ehrgeizig. Seit dem Juni 1942 haben sie nachgelassen. Am Ende haben die Deutschen nicht viel erreicht."

© Editions Glénat 2020 by Alcante, LF Bollée & Denis Rodier © der deutschen Ausgabe Carlsen Verlag GmbH, Hamburg 2020

Die Besatzung des Flugzeugs mit der Tod bringenden Fracht, kurz vor dem Abwurf der Atombombe am 6. August 1945.

Die faszinierende Biographie von Leó Szilárd

Die Graphic Novel "Die Bombe" erzählt nicht nur von den politischen und militärischen Hintergründen, die zum Bau der Massenvernichtungswaffe führten oder diesen maßgeblich vorantrieben. Auch die physikalische Forschung zur Kernspaltung und zur Entwicklung der Atombombe wird eingehend beschrieben und gezeichnet. Alcante, Bollée und Rodier erzählen von dem in die USA emigrierten Nobelpreisträger Enrico Fermi, ebenso von Werner Heisenberg und seiner ambivalenten Rolle beim Atomprogramm der Nazis. Eine zentrale Figur im Comic ist der aus Ungarn stammende Physiker Leó Szilárd, ein Wissenschaftler, dessen Lebensgeschichte wenig bekannt ist. Er war Schüler und Freund von Albert Einstein, floh vor den Nazis aus Deutschland und spielte bei der Konstruktion der Bombe in den USA eine entscheidende Rolle. Leó Szilárd erkannte in der Waffe das Potenzial zur militärischen Abschreckung – insbesondere gegenüber Deutschland.

"Deutschland hat den Krieg verloren", sagt Didier Alcante. "Das Land war nicht mehr in der Lage, eine Atombombe zu bauen. Leó Szilárd versuchte daraufhin alles, was in seiner Macht stand, um die USA vor dem Einsatz der Waffe gegen Japan abzuhalten. Er wusste, dass ein Abwurf zum Tod von hunderttausenden Menschen führen würde. Und er befürchtete, dass damit ein atomares Wettrüsten beginnen würde, mit Russland und anderen Ländern. Leó Szilárd ist eine faszinierende Person. Er stieß das Manhattan-Projekt an, er begleitete die Bombe von Anfang an. Und dann hat er alles versucht, um ihren Einsatz zu verhindern."

© Editions Glénat 2020 by Alcante, LF Bollée & Denis Rodier © der deutschen Ausgabe Carlsen Verlag GmbH, Hamburg 2020

Zwei Physiker im amerikanischen Exil: Nobelpreisträger Enrico Fermi und sein Kollege Leó Szilárd (rechts im Bild).

Das Uran als Erzählstimme

Didier Alcante, Laurent-Frédéric Bollée und Denis Rodier erzählen auf der Grundlage vieler historischer Quellen. Das gilt auch für die Bilder, die nach intensiven Recherchen entstanden sind. Die – in klassischer Schwarz-Weiß-Ästhetik gestaltete – Graphic Novel ist, bei aller Authentizität, freilich mehr als eine reine Dokumentation. Das liegt zum einen an der Erzählstimme, die die vielen historischen Episoden immer wieder durchbricht. Das Uran – der Grundstoff der Bombe und "der Schöpfer des Nichts" – führt durch diese Geschichte, ein durchaus eigenwilliger dramaturgischer Griff.

"Die verschiedenen Teile der Geschichte spielen zwischen 1933 und 1945", sagt Didier Alcante. "Sie führen unter anderem in die USA, nach Deutschland, nach Norwegen, nach Japan, in den Kongo. Wir wollten gerne eine Erzählstimme haben, die all das miteinander verbinden kann, eine Figur, die an allen einzelnen Episoden teilhat. Das war allein das Uran. Wer eine Atombombe baut, der benötigt dafür Uran. Auf diese Weise war es überall. Und wir haben uns dazu entschieden, diese gewiss ungewöhnliche Figur zum Erzähler zu machen."

© Editions Glénat 2020 by Alcante, LF Bollée & Denis Rodier © der deutschen Ausgabe Carlsen Verlag GmbH, Hamburg 2020

Das Uran als "Schöpfer des Nichts". Das Element ist die Erzählstimme in der Graphic Novel "Die Bombe".

Eine fiktive japanische Familie

Neben der besonderen Perspektive – aus Sicht des Urans – gibt es einen einzigen fiktiven Erzählstrang in der gezeichneten Geschichte der Bombe. Er führt zu Naoki Morimoto, einem Familienvater aus Hiroshima. Morimoto steht stellvertretend für die 200.000 Menschen aus der japanischen Stadt, die der ersten Bombe mit dem Namen "Little Boy" zum Opfer gefallen sind, unmittelbar, durch die Explosion, wie auch in den fünf Jahren danach, an den Folgen der Verstrahlung. Naoki Morimoto ist der Mensch, von dessen Existenz nur noch der Schatten auf den Treppenstufen kündet.

"Wir wollten eine symbolische und universelle japanische Familie zeigen", so Szenarist Didier Alcante. "So haben wir sie erfunden. Der Vater ist Fabrikarbeiter. Seine beiden Söhne müssen zur Armee. Der Familienname – Morimoto – ist der meiner japanischen Freunde. Der japanische Junge, den ich mit acht Jahren kennenlernte, ist noch immer mein Freund. Er hat uns sehr geholfen bei den Szenen, die in Japan spielen. So haben wir der japanischen Figur in der Graphic Novel seinen Namen gegeben. Und ebenso sein Gesicht. Im Buch siehst du das Gesicht meines Freundes."

© Editions Glénat 2020 by Alcante, LF Bollée & Denis Rodier © der deutschen Ausgabe Carlsen Verlag GmbH, Hamburg 2020

Dieses Bauwerk in Hiroshima wurde als Ruine erhalten. Es erinnert heute an die entsetzliche Katastrophe vom 6. August 1945.

Viele bestürzende Schwarz-Weiß-Bilder

Man liest das voluminöse Comic-Buch von Didier Alcante, Laurent-Frédéric Bollée und Denis Rodier im Bewusstsein der Katastrophe, die sich mit den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki ereignet hat – man weiß um das Ende dieser Geschichte. Und dennoch ist der letzte Teil der Graphic Novel – der Abwurf vom 6. August 1945 – fordernd wie bestürzend. Alcante und Bollée haben weitgehend Text auf verzichtet, die Geschichte wird allein durch die schwarz-weißen Bilder von Denis Rodier bestimmt: die Explosion, die Hitze, der qualvolle Tod so vieler Menschen im Feuer, schließlich die Auslöschung einer ganzen Stadt. Wir werden in das Epizentrum einer entsetzlichen Katastrophe geführt. Es ist der einzige Weg, der möglich ist.

"Wir können uns glücklich schätzen, dass nach dem Zweiten Weltkrieg keine weitere Atombombe abgeworfen wurde", sagt Didier Alcante. "Wir sollten aber wissen, dass heute neun Länder im Besitz der Bombe sind – und dass es 15.000 Atomwaffen auf der Welt gibt. Sie haben eine viel größere Zerstörungskraft als die Bomben von Hiroshima und Nagasaki. Die Gefahr ist präsent, darüber sollte sich jeder von uns im Klaren sein. Und ein jeder kann auf seine Weise etwas dafür tun, dass sich unsere politischen Repräsentanten für die Eindämmung von Konflikten engagieren. Denn wenn ein Konflikt eskaliert, dann könnte – wir wissen es nicht – auch eine Atombombe zum Einsatz kommen. Hunderttausende Menschen würden sterben. Ich hoffe, dass das niemand will."

Die Graphic Novel "Die Bombe" von Didier Alcante, Laurent-Frédéric Bollée und Denis Rodier ist im Carlsen-Verlag erschienen, in der Übersetzung von Ulrich Pröfrock.

© Editions Glénat 2020 by Alcante, LF Bollée & Denis Rodier © der deutschen Ausgabe Carlsen Verlag GmbH, Hamburg 2020

Cover der Graphic Novel "Die Bombe"

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