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Die Basis bebt: Wie der Vatikan Laien ausbremst | BR24

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Seit Jahren kämpfen engagierte Katholiken in Deutschland für Reformen in ihrer Kirche. In einer Zeit sinkender Priesterzahlen fordern sie mehr Kompetenzen für Laien. Gegenwind kommt aus dem Vatikan.

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Die Basis bebt: Wie der Vatikan Laien ausbremst

Seit Jahren kämpfen viele engagierte Katholiken für Reformen in ihrer Kirche. Sie fordern mehr Kompetenzen für sogenannte Laien, also Nicht-Priester. Am Montag kam aus dem Vatikan ein Schreiben, das das Engagement von Laien in die Schranken weist.

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Das Schreiben der Kleruskongregation trägt den wenig spannenden Titel: "Die pastorale Umkehr der Pfarrgemeinde im Dienst an der missionarischen Sendung der Kirche". Der darunter folgende Text hat es jedoch in sich. Er stärkt die Macht des Priesters und schwächt die Position der sogenannten Laien.

"Vielleicht hilft nur der Kirchenaustritt"

Hiltrud Schönheit, Vorsitzende des Münchner Katholikenrates, ist fassungslos: "Die Stimmung ist entsetzlich. Ich höre von ganz vielen: Vielleicht hilft nur noch der Austritt!" Mitten im Sommer veröffentlicht der Vatikan eine rund 30 Seiten lange "Instruktion", ohne Vorankündigung, ohne weitere Erklärung. Das Schreiben aus dem Vatikan verbietet Leitungsmodelle, in denen Priester und Nicht-Priester gleichberechtigt zusammenarbeiten. Für die Kleruskongregation ist der Priester alleiniger Leiter einer Gemeinde, die Laien sollen ihn in dieser Funktion lediglich unterstützen.

Für viele Katholiken ist der Text eine Provokation, erklärt Hiltrud Schönheit: "Es gibt in Deutschland eine jahrzehntelange Entwicklung der Gemeindearbeit zusammen mit den Laien und das wird einfach mal so mit einem Federstrich weggeworfen."

"Eine Gleichung, die nicht aufgeht"

Es gibt zwei Entwicklungen, die die Kirchenlandschaft in Bayern in den letzten Jahrzehnten nachhaltig verändert haben. Auf der einen Seite der Priestermangel, auf der anderen Seite der Mitgliederschwund. Beides hat dazu geführt, dass Pfarreien zusammengelegt werden und zu großen Gemeindeverbünden verschmelzen - mit mehreren Kindergärten, vielen Angestellten, etlichen Immobilien.

Und die Priester werden immer mehr zu Managern, die Seelsorge bleibt oft auf der Strecke. Auch deshalb sei das Papier aus dem Vatikan nicht nur ärgerlich, sondern realitätsfern, sagt Christian Weisner aus Dachau, Sprecher der Kirchenvolksbewegung "Wir sind Kirche": "Wenn es in dieser Situation heißt, dass niemand anderes als der Priester eine Pfarrei leiten darf, dann ist das einfach eine Gleichung, die nicht aufgeht."

Deutsche Bischöfe waren nicht informiert

Die deutschen Bischöfe mussten das Schreiben aus Rom erstmal sacken lassen. Sie waren vorab nicht darüber informiert worden. Nach zwei Tagen äußerten sich die ersten zu den Weisungen aus dem Vatikan. Unter ihnen ist auch der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick. Er findet, dass Rom das Schreiben besser nicht veröffentlicht hätte. Die Instruktion bringe der Kirche mehr Schaden als Nutzen. "Das Problematische ist, dass es zu generell, zu allgemein ist", sagt Schick. "Das schafft bei verschiedenen Leuten Emotionen, Irritationen, es wird Leute unruhig machen, auch gegen Rom auf die Barrikaden bringen. All das hätte man sich ersparen können."

Der Augsburger Bischof Bertram Meier kann das Grummeln an der Basis verstehen. Ihn stört auch, dass der Text nicht mit den Bischöfen abgesprochen war. Den Inhalt selbst findet er aber nicht skandalös: "Wir sollten uns vor Überreaktionen hüten." In seiner Diözese fühlt sich Meier nicht reglementiert. "Es werden Rahmenbedingungen abgesteckt. Wir gehen weiterhin innerhalb dieses Rahmens fürs Bistum voran und darauf freue ich mich und dafür werbe ich."

Verheerende Signalwirkung für Reformen

Trotzdem: Die Signalwirkung des Textes sehen viele als verheerend an, in einer Zeit, in der sich die katholische Kirche in Deutschland im Umbau befindet. Auf einem Synodalen Weg beraten Bischöfe und Gläubige über Reformen. Auch da geht es um die Machtfrage: Wer soll, wer kann Gemeinden leiten?

Hiltrud Schönheit hofft, dass sich die Deutsche Bischofskonferenz und die Katholiken in Deutschland von dem Dokument aus Rom nicht einschüchtern lassen und ihren Weg der Reformen weiter gehen. "Was alle angeht, müssen auch alle miteinander überlegen, und auf diesem Weg waren wir eigentlich. Und ich hoffe und bete, dass wir auf diesem Weg bleiben, denn sonst sehe ich für Kirche hier keine Chance."

💡 Was ist der Synodale Weg?

Der Synodale Weg ist ein gemeinsamer, reformorientierter Gesprächsprozess der Deutschen Bischofskonferenz und des Zentralkomitees der deutschen Katholiken seit 1. Dezember 2019, angelegt auf zwei Jahre. Ziel ist es, das verlorene Vertrauen nach dem Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche wieder herzustellen. Die zentralen Themen werden von Laien und Bischöfen in vier Foren bearbeitet: "Macht, Partizipation und Gewaltenteilung" , "Sexualmoral", "Priesterliche Lebensform" und "Frauen in Diensten und Ämtern in der Kirche". Die dort erarbeiteten Beschlussvorlagen dienen der Synodalversammlung mit 230 Mitgliedern (Bischöfen und Laien) als Diskussionsgrundlage. Wegen der Corona-Pandemie finden im Herbst 2020 statt einer zentralen Synodalversammlung fünf Regionalkonferenzen statt. (Erklärt von Friederike Weede, Religion und Orientierung)

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