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"Dickicht" von Nina Bußmann ist ein spätmoderner Großstadtroman | BR24

© Audio: Bayern 2/ Bild: Bildagentur-online/Blend Images

Frau im Wind: In Nina Bußmanns Roman "Dickicht" sind alle Figuren sehr fragil und angegriffen

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"Dickicht" von Nina Bußmann ist ein spätmoderner Großstadtroman

Die Figuren in Nina Bußmanns neuem Roman sind verletzlich und fragil, sie haben ihren Ort noch nicht gefunden: nicht in ihrer Stadt, nicht in ihrem Leben, nicht in ihrer Zeit. Dafür findet die Berliner Schriftstellerin präzise Bilder.

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Ruth will das Trinken aufgeben, Max hat sein Studium abgebrochen, Katja und ihr Mann trennen sich. Die drei Hauptfiguren im neuen Roman von Nina Bußmann leben in Umbrüchen, Abschieden und vorsichtigen Neuanfängen. Mehr noch: Das Brüchige und Vorläufige scheint wie ein melancholischer, aber vertrauter Begleiter zu ihrer Existenz zu gehören. "Eigentlich gibt es ja eine große Sehnsucht nach Stabilität und nach dem Ankommen bei allen Figuren. Und warum es immer wieder bei dieser vorläufigen Vergeblichkeit landet, das ist auch eher etwas, was ich selber nur beobachten kann. Das ist tatsächlich, glaube ich, eine Alltagserfahrung oder eine Wirklichkeit, die mir gerade ziemlich viel begegnet."

Der Kampf um Wohnraum

Nina Bußmann hat einen spätmodernen Großstadtroman geschrieben. Ihren Figuren ist der Platz im Leben nicht sicher – und das in einem ganz buchstäblichen Sinne. Es geht viel um Räume im Roman, darum, irgendwo unterzukommen. Ein ebenso privates wie politisches Thema. Max gehört einem Aktivistenkollektiv an, das sich dem Kampf um bezahlbare Wohnungen verschrieben hat, Ruth sucht Hilfe bei der Gruppe, als sie eine Räumungsklage bekommt, Katja wird nach ihrer Trennung zur Nomadin auf der Suche nach einem Schlafplatz.

So fragil wie die Zugehörigkeit zu einem Ort sind in Nina Bußmanns Roman die Körper selbst. Der Roman beginnt und endet mit einem Unfall: Ruth, von Beruf amtliche Tierschutzbeauftragte, wird beim nächtlichen Gang durch einen Park von einem Hund mit Ast in der Schnauze zu Fall gebracht und zerschmettert sich den Arm, Max springt in den Pool der anthroposophischen Klinik, in der sie später ihren Alkoholismus besiegen will, und zieht sich eine Gehirnerschütterung zu, weil das Becken für sein Manöver zu flach ist. Unfälle von beinahe resignativer Komik, so wie die Verletzlichkeit der Körper bei Nina Bußmann überhaupt eine postheroische Verletzlichkeit ist. Und eine, die sehr grundsätzliche Fragen stellt.

Der verletzliche, der postheroische Körper

"Was bin ich, wenn ich keinen Körper habe, oder wo finden denn meine Gedanken statt oder wer sind diese Subjekte?", fragt Bußmann. "Denn die kann man ja auch nicht ohne Körper denken. Mit diesem Körper treten die in die Welt und mit dem sprechen die und treten in Erscheinung. Und der ist es auch, was sie verletzlich macht." Der therapeutische, Heilung und Selbstverbesserung suchende Blick auf das Leben ist sehr präsent im Buch. In ganz unterschiedlichen Spielarten: vom Coaching beim Jobcenter, wo Katja arbeitet, bis zur spirituellen Ratgeberin, die Max online konsultiert und von der nicht ganz klar ist, ob sie tatsächlich ein realer Mensch oder nicht doch eher ein Bot ist. Das titelgebende "Dickicht" ist nicht das der Großstadt, sondern die Leute "bringen es selbst mit", wie es einmal über Katjas Coaching-Kunden heißt.

Eine sprechende Metapher für die existenzielle Einsamkeit, die Bußmanns Charaktere umgibt, auch wenn sie in ein großes Personaltableau gesetzt werden. Klientinnen, Mitbewohner, fremde Kinder, die Max als Praktikant in einem Kindergarten betreut, Freundinnen, Mütter und Schwestern treten kurz hervor und dann wieder in den Hintergrund. So ergibt sich ein lockeres Netz der Begegnungen, denen die Erzählung tastend folgt. Eine chronologische Ordnung hat Bußmann ihrem Text nicht gegeben: "Ich habe mich bewusst dagegen entschieden, weil der Roman für mich auch eine Form ist, wo man so eine strenge Chronologie – die ja suggeriert, ein Ereignis folgt aus dem nächsten oder eine Handlung hat Wirkungen – dass man das zumindest dehnen und ausfransen lassen kann, was dem Erleben dieser Figuren viel, viel näher kommt, als wenn das so hintereinander weggeht und man genau weiß, warum jetzt das passiert und davor das, und die Wirklichkeit, die wir hier erleben oder die wir erzählt bekommen, ist ja auch die Wirklichkeit in den Köpfen der Figuren."

Unaufdringlich präzise Bilder

Nina Bußmann schreibt eine feinfühlige Prosa. Rausch und Wut, von denen ihr Roman schließlich auch erzählt, werden zurückgenommen in eine empfindsame Sprache und unaufdringlich präzise Bilder, etwa wenn von einem "Hoffnungsvorrat" die Rede ist oder davon, wie die Stadt an ihren Rändern im Brachland "verebbt", von einem "warmgeredeten" Handy oder einem Wartezimmer voller "Mienen, in denen man sich begraben konnte".

Diese Sensibilität ist eine Stärke des Buches – aber auch eine Gefahr. Denn sie kann, zusammen mit der episodisch mäandernden Erzählweise, gelegentlich den Eindruck einer literarischen Achtsamkeitsübung machen. Aber vielleicht ist auch dieses reflektierte Schweifen ein sehr passender Ausdruck jenes verunsicherten Gegenwartsbewusstseins, das der Roman umkreist.

Nina Bußmann, Dickicht, ist bei Suhrkamp erschienen.

© Suhrkamp/ Montage BR

Cover: Nina Bußmann, Dickicht

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