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Diamond Stingily hinterfragt Identitäten im Kunstverein München | BR24

© Courtesy die/ the Künstlerin/ artist; Queer Thoughts, New York; photography: Margaritas Platis

Installationsansicht von "Wall Sits", 2019 im Kunstverein München

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    Diamond Stingily hinterfragt Identitäten im Kunstverein München

    Springseile aus Telefonkabeln, Baseball-Schläger, Trophäen: Der Kunstverein München zeigt Werke von Diamond Stingily. Ausgehend von ihrer eigenen Biographie thematisiert die afroamerikanische Künstlerin Gender, Rassismus, Herkunft und soziale Klasse.

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    Alles fing mit dem Tod an. Mit der Inszenierung des eigenen Todes in dem Schaufenster einer Galerie in Chicago. Zwei Blumensträuße, Bonbons, eine Bibel und ein Abschiedsgedicht – alles drapiert auf einem Tisch mit Spitzendeckchen. "Forever in Our Hearts" – so nannte Diamond Stingily ihre erste Installation, mit der sie sich gleich mal von ihrem alten Ich verabschiedete und ein Neues erfand. Denn Stingily wollte damals eigentlich Schriftstellerin werden, die Bildende Kunst schien weit entfernt bis unerreichbar. Dann kam Puppies Puppies, eine befreundete Künstlerin mit eigener Galerie, die Stingily ermutigte, ihre Bedenken hinter sich zu lassen und es doch einfach Mal auszuprobieren mit der Kunst.

    Das war 2015, also gerade Mal vor vier Jahren. Heute steht Diamond Stingily, 29, selbstbewusst in den Räumen des Münchner Kunstvereins – inmitten ihrer ersten Soloshow in Deutschland. Diese beginnt mit der Installation "Entryways", was so viel heißt wie Eingangsbereich oder auch Schleuse. Fünf abgenutzt wirkende Holztüren stehen da nebeneinander, mit einem guten Meter Abstand von der Wand, an der sie mit Metallstangen befestigt sind. Vor jeder der Türen lehnt ein Baseballschläger. Einladend sieht das nicht gerade aus.

    © Courtesy die/ the Künstlerin/ artist; Queer Thoughts, New York; photography: Jonah Gebka

    Installationsansicht von "Wall Sits", 2019 im Kunstverein München

    Alltagsgegenstände als Trigger für gesellschaftliche Themen

    Das hat tatsächlich etwas mit Matriarchat zu tun," erklärt Diamond Stingily, "weil es mich an meine Großmutter erinnert. Meine Großmutter Estelle hatte immer Baseballschläger vor ihrer Haus- und ihrer Hintertür stehen. Als Kind habe ich nicht verstanden, wen oder was sie da eigentlich beschützen wollte, aber es waren eben ihre Enkelkinder. Viele denken bei der Installation auch sofort an Gewalt, und klar, wenn ich Baseballschläger vor meiner Tür stehen habe, ist schon klar, dass die nicht zum Spielen da sind. Es waren Waffen."

    Diamond Stingily wuchs in verschiedenen Vororten und in der West Side von Chicago auf, einer Gegend mit überwiegend schwarzer Bevölkerung, die lange als gefährlichste Neighbourhood der USA galt. Die Mutter Friseurin, der Vater als Sänger und Produzent in der House-Musikszene unterwegs, war Stingily viel bei ihren Großmüttern. Eine prägende Zeit, auf die sich die schwarze Künstlerin immer wieder bezieht, indem sie Alltagsgegenstände als Erinnerungsträger benutzt und sie mit gesellschaftlichen Themen verknüpft.

    © Courtesy die/ the Künstlerin/ artist; Queer Thoughts, New York; photography: Margaritas Platis

    Detail von Diamond Stingily: "Double Dutch Ropes", 2019; Installationsansicht von "Wall Sits", 2019 im Kunstverein München

    Fragen nach Gender, Rasse und Klasse

    So geht es bei Stingily eben nie nur um Autobiografie, sondern um Identität im Allgemeinen. Gender, Rassismus, Herkunft und die damit verbundene Frage nach der sozialen Klasse spielen eine Rolle. Deutlich wird das auch in "Double Dutch Ropes", einer Serie aus 50 unterschiedlich langen, nebeneinander aufgehängten Schnüren mit Schlaufen. Schaut man genauer hin, erkennt man, dass die Schnüre aus etlichen dünnen, bunten, verflochtenen Kabeln bestehen.

    "Man könnte auch denken, okay, das sind doch nur Telefonkabel, aber da wo ich herkomme ist das eben ein Springseil," so Stingily. "Meine Mutter fand immer, hey, ich gebe doch keine 20 Dollar für ein Toys- Are-Us-Springseil aus, wenn wir zuhause Materialien haben, mit denen man spielen kann. Es erinnert mich auch an die Rangordnung auf einem Spielplatz, denn schon in dem jungen Alter weiß du, wo dein Platz ist und wer beliebt und wer unbeliebt ist, wofür du auf dem Spielplatz getaugt hast und wofür nicht."

    © Courtesy die/ the Künstlerin/ artist; Queer Thoughts, New York; photography: Margaritas Platis

    Installationsansicht von "Wall Sits", 2019 im Kunstverein München

    Draußen vs Drinnen

    In einem Nebensatz erwähnt Stingily, sie habe sich immer eher als Außenseiterin gefühlt. Vielleicht einer der Gründe, warum sich ihre Kunst um das Dazugehören, um Draußen vs. Drinnen, um Räume und deren Grenzen dreht. Wie auch im Fall von "Gates", einer weiteren Intervention im Münchner Kunstverein, die aus Zäunen mit speerartigen Spießen besteht, die sie an den Fenstern der Ausstellungsräume angebracht hat. Dramatisch wirkende Schutzwälle, wie die Amerikanerin sie auch aus ihrer Kindheit kennt.

    © Courtesy die/ the Künstlerin/ artist; Queer Thoughts, New York; photography: Margaritas Platis

    Installationsansicht von "Wall Sits", 2019 im Kunstverein München

    Und dann ist da noch das Herzstück der Ausstellung: Ein Raum mit vier Regalreihen, ähnlich einer Bibliothek. Darin: Über 700 Pokale, glänzend, glitzernd mit Figuren, Kelchen oder Sternen – bunt, gold oder silberfarben. "Ich habe es für den Ruhm getan" steht auf einem, oder "Es gibt kein Entkommen aus diesem Mist und das hier soll dich daran erinnern". "In Amerika geht es immer darum, Gewinner zu sein," erzählt Stingily, "es ist alles auf Wettbewerb ausgelegt. Die Trophäen basieren auf meinen persönlichen Erfahrungen mit dem Gewinnen und Verlieren und ich bin sehr davon überzeugt, dass mich meine Verluste mehr geformt haben als meine Leistungen.

    In den USA zählt Diamond Stingily übrigens längst zu den Gewinnerinnen. Spätestens seitdem das Wirtschaftsmagazin Forbes sie letztes Jahr als eine der 30 wichtigsten Künstlerinnen unter 30 auflistete.

    Die Ausstellung "Wall Sits" von Diamond Stinigly ist noch bis 17. November 2019 im Kunstverein München zu sehen.

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