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Deutschlands Erste: Sie ist Digital-Expertin am Theater Augsburg | BR24

© Audio: BR / Bild: privat/OH

Tina Lorenz ist Deutschlands erste Beauftragte für digitale Entwicklung an einem Theater. Das Staatstheater Augsburg sieht einen Mehrwert im Digitalen - und ist damit offenbar vielen anderen Theatern einen Schritt voraus.

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Deutschlands Erste: Sie ist Digital-Expertin am Theater Augsburg

Wegen Corona streamen fast alle Theater ihre Aufführungen im Netz. Aber ist das Digitale nur ein Ersatz oder kann es mehr? Das Staatstheater Augsburg hat jetzt als erstes Theater Deutschlands eine Beauftragte für digitale Entwicklung eingestellt.

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Von
  • Maximilian Sippenauer

Staatstheater Augsburg. Anfang Oktober. Für die Oper "Orfeo ed Euridice" hat man sich etwas Besonderes ausgedacht: Jeder Zuschauer bekommt eine Virtual-Reality-Brille. Setzt man die auf, sieht man neben sich nicht mehr seinen Sitznachbarn, sondern die Hölle. Natürlich nur digital. Dass in Augsburg mit solchen Experimenten digitales und analoges Theater immer öfter verschwimmen, hat einen Grund: Tina Lorenz. Erste offiziell angestellte Digitalbeauftragte an einem deutschen Theater: "Also ich warte seit zwanzig Jahren auf den Job. Und man muss Interesse für beides mitbringen: Zum einen muss man wissen, wie Theater funktioniert, und zum anderen muss man sich mit der technologischen Seite beschäftigen."

Ehemals Mitglied der Piraten-Partei

Theater und Netzwelt. Tina Lorenz kennt beides. Die Theaterwissenschaftlerin war früh im Chaos Computer Club, war zeitweilig Mitglied der Piraten-Partei und forderte schon vor Jahren in engagierten Essays: Die Theater sollen doch endlich mal ihre Stücke streamen. Seit dieser Spielzeit ist Lorenz nun am Staatstheater Augsburg angestellt. Ihr Auftrag: mehr Digitalität wagen. Vor allem auch auf künstlerischer Ebene. Tina Lorenz erzählt: "Ich erlebe gerade am Theater so einen gewissen Kulturpessimismus, was das Internet angeht. Das ist da, wo die Trolle sind, das ist da, wo die Querdenker sind, das ist da, wo die ganzen Idioten rumhängen und wir haben hier irgendwie die große Kunst." Und da werde "irgendwie so ein Graben geschlagen, den es aber eigentlich gar nicht gibt".

Lorenz: "Man muss anders inszenieren, andere Geschichten erzählen"

Nun ist 2020 das Jahr einer notgedrungenen Digitalisierung für alle Theater. Wegen Corona streamt heute fast jedes Theater seine Stücke. Der digitale Mehrwert von Theater erschließt sich da aber nicht unbedingt. Zeigen die abgefilmten Bühnen im Stream nicht gerade, dass Theater am besten doch im Theater stattfindet und eben nicht am Bildschirm? Man könne nicht einfach Theaterstücke nehmen und sie irgendwie ins Internet werfen, das funktioniere nicht, glaubt Lorenz. Das heißt: "Man muss anders inszenieren, man muss andere Geschichten erzählen und man muss die Leute anders mitnehmen. Das sei etwas, was sie gerade am praktischen Fallversuch erforschten. "Wir machen sozusagen praktische Forschung am Digitalen."

© privat / OH

Keine Scheu vor Experimenten: Ihr Ziel ist es, dass das Digitale als Raumerweiterung des Theaters begriffen wird.

Dank solcher Feldforschung ist das digitale Repertoire am Staatstheater Augsburg mittlerweile recht ausgefallen. Das Theater liefert VR-Brillen nach Hause, auf denen man Inszenierungen nicht nur anschaut, sondern erlebt. Es geht neue Wege, etwa mit dem Serienprojekt "W - eine Stadt sucht eine Wohnung". Oder experimentiert mit einem eigenen Twitch-Kanal. Darüber konnten Zuschauer zuletzt eine Woche lang Co-Regie bei einer Seifenoper führen. Klingt vielversprechend, aber erreicht man damit auch wirklich ein neues, netzaffines Publikum? Das könne eigentlich nur durch ein längerfristiges Engagement in diesen Kanälen passieren. "Also wenn man jetzt sagt, wir streamen nicht nur, was auf der Bühne passiert, sondern wir überlegen uns, was wollen wir eigentlich dort für Geschichtenerzählen? Und wir machen es vielleicht nur dort und nicht einfach auf Bühnen. Und das ist so ein Abfallprodukt für nebenbei oder so. Man kann nicht einfach kommen und anfangen zu senden und dann lieben einen alle. Man muss wirklich Arbeit investieren."

Die digitalen Möglichkeiten auch nach Corona weiter ausloten

Natürlich freut man sich auch in Augsburg, wenn man die Häuser wieder öffnen darf. Trotzdem: Dass Tina Lorenz dort nun angestellt ist, zeigt, dass auch nach Corona die theatralen Möglichkeiten des Digitalen weiter ausgelotet werden sollen. Ihr großes Ziel sei es, dass es keine Unterscheidung mehr gebe zwischen normalem Theater und digitalem Theater, sondern dass das Digitale sehr selbstverständlich als Raumerweiterung des Theaters begriffen werde. "Und natürlich", ergänzt Tina Lorenz, "dass jedes Theater im deutschsprachigen Raum jemanden hat wie mich, also eine Person für digitale Entwicklung, weil wir gemeinsam tatsächlich mehr erreichen können, als wenn es so Einzelkämpfer überall gibt."

Ein Nachtrag aus der BR24-Redaktion: Die Kulturstiftung des Bundes teilt mit, dass sie den "VR-Hub" des Staatstheaters Augsburg mit bis zu 200.000 Euro fördern will, also die Plattform des Hauses für Virtual Reality-Theater. Tina Lorenz sagt dazu: "Dank der Förderung können wir die Weiterentwicklung unserer Digitalsparte vorantreiben und weiter professionalisieren. Mit dem VR-Hub Augsburg als eigenständiger virtueller Plattform wollen wir Interaktion im virtuellen Theater-Raum weiterdenken und erforschen."

© Staatstheater Augsburg

Das Staatstheater Augsburg - hier bei "Alarmstufe rot", einer Protestaktion von Kulturschaffenden

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