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Der Deutsche Pavillon wird zum "Ankersentrum" | BR24

© Jasper Kettner

"Ankersentrum": Der von Natascha Süder Happelmann gestaltete Deutsche Pavillon 2019

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Der Deutsche Pavillon wird zum "Ankersentrum"

Eine riesige Mauer, Musik aus aller Welt: Natascha Süder Happelmann hat ein "Ankersentrum" in den deutschen Pavillon auf der Kunstbiennale in Venedig gebaut. Ihr Eingriff steht in einer langen Tradition der Auseinandersetzung mit dem Nazi-Bau.

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Eine gigantische weiße Mauer ist in den hohen Ausstellungssaal des deutschen Pavillons auf der Kunstbiennale Venedig gezogen – Deutschland schottet sich ab. Eine Mauer, die allerdings einen markanten Makel hat: eine nasenförmige Ausbuchtung, aus der eine braune Flüssigkeit zu tropfen scheint. Oder ist die Mauer ein Damm und das braune Rinnsal das erste Anzeichen, dass er brechen kann? Natascha Süder Happelmann hat ein "Ankersentrum" im Deutschen Pavillon eingerichtet. Nein, "Ankersentrum" ist kein Vertipper, sondern wohl wieder eine der wohlüberlegten Sprachspielereien, mit denen die Künstler*in Natascha Süder Happelmann Namen verändert. Thema des von der Künstler*in gestalteten deutschen Pavillons ist die gegenwärtige Flüchtlingspolitik der Bundesregierung. Natascha Süder Happelmann macht damit auf ein großes politisches Problem Deutschlands und ganz Europas aufmerksam, auf eins allerdings, das allen mehr als vertraut ist – in Italien allemal. Was soll das also?

Kooperation und Irritation

Natascha Süder Happelmann versucht schon seit geraumer Zeit Wege zu finden, um den längst bekannten Realitäten unserer Welt (Rüstungsindustrie, Massen von Plastikmüll, Migration, ...) neu zu begegnen, sie zu hinterfragen und zu verändern. Jetzt also will sie die Flüchtlingspolitik als neuen Erfahrungsraum öffnen. Nicht allein, sondern in Kooperation mit anderen Künstlern. Sechs Komponist*innen und Musiker*innen aus sehr unterschiedlichen Musiktraditionen unterstützen sie im "Ankersentrum" des deutschen Pavillons: Darunter: Jessica Ekomane, die Elemente der Psychoakustik mit traditioneller Musik kombiniert und so die Wirkung der Klänge auf Menschen erforscht, DJ Marxfox, der den Sound der afroportugiesischen Elektroszene mit nach Venedig bringt und Maurice Louca, der frei improvisiert mit traditionellen Elementen seiner Heimat Ägypten und Jazz. Für die inszenierte Stille wird die Pianistin Tisha Mukarji sorgen. Wirklich erfahren, ob Natascha Süder Happelmanns Konzept funktioniert, können wir also nur dort.

© Jasper Kettner

"Ankersentrum Tribute to Whistle" von Natascha Süder Happelmann im Deutschen Pavillon

Mit dem Thema "Migration" ist auch klar, warum Natascha Süder Happelmann, die mit Klarnamen Natascha Sadr Haghighian heißt, das Versteckspiel mit ihrem Namen inszeniert und ihren Kopf – nicht nur bei Pressekonferenzen – in einem gigantischen Pappmasché-Stein versteckt. Anders als etwa Künstler wie Ai Weiwei, der seine Kunst auf die Identifikation mit Opfern baut, hinterfragt sie in ihrer Kunst Identität und die Zuschreibungsmechanismen, die die gegenwärtige Identitätspolitik befeuern – und gerade Migrant*innen zu schaffen machen.

Herausforderung Deutscher Pavillon

Als Künstler*in zur Gestaltung des Deutschen Pavillons geladen zu werden, ist ehrenvoll und wohl meist auch karrierefördernd, aber auch eine ungeheure Herausforderung. Der denkmalgeschütze Bau ist 1909 von dem Italiener Daiele Doughi entworfen worden und 1938 für Hitlers Repräsentationsbedürfnisse zu einem monumentalen NS-Kunst-Tempel umgebaut worden. Der gigantische Schriftzug "Germania" thront immer noch im Giebel über dem massiven antikisierenden Portal – nach 1945 wurden nur Hakenkreuz und Reichsadler daraus entfernt. Der Bau verströmt nach wie vor die dominante Geste und das Streben nach Weltherrschaft – und droht alle darin gezeigte Kunst zu verschlucken.

© picture alliance/ dpa

Der deutsche Pavillon 1993: Hans Haacke verwandelt das Innere des Pavillons in ein Trümmerfeld

© picture alliance/ dpa

Der deutsche Pavillon 1997: Gerhard Merz führt den monumentalen Bau in seiner ganzen Nackhteit vor.

© picture alliance/ dpa

Der deutsche Pavillon 1999: Rosemarie Trockel zeigt eine einstündige Videoinstallation, die sieben Frauenaugen im Großformat zeigt.

© Gregor Schneider/ VG Bild Bonn

Der deutsche Pavillon 2001: Gregor Schneider integriert ein altes, totes Haus in den Nazibau.

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Der deutsche Pavillon 2003: Martin Kippenbergers Luftschacht durchzieht die gigantische Ausstellungshalle.

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Der deutsche Pavillon 2005: Gemälde von Thomas Scheibitz, der mit Tino Sehgal zusammen den Pavillon bespielte.

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Der deutsche Pavillon 2007: Isa Genzken trotzt der Nazi-Architektur mit Tieren und Trollies.

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Deutscher Pavillon 2009: Liam Gillick baut die Halle mit schlichten Einbaumöbeln zu. Eine sprechende Katze verrät, dass auch er auf Humor setzt.

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Der deutsche Pavillon 2011: Christoph Schlingensiefs Installation "Eine Kirche der Angst". Er wird postum mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet.

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Deutscher Pavillon 2013: Installation des franz. Künstlers Anri Sala – die Räume des deutschen und französischen Pavillons wurden getauscht.

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Der deutsche Pavillon 2015: Der Kurator und Fotohistoriker Florian Ebner macht aus dem Pavillon eine "Fabrik", die aktiv Bilder produziert.

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Der deutsche Pavillon 2017: Anne Imhofs Installation "Faust", in der die Besucher auch unter den Glasboden tauchen, gewinnt den Goldenen Löwen.

Wider den "neuen Geist der deutschen Kunst"

Viele Künstler*innen haben sich an dem Ungeist des Baus abgearbeitet – manche mit Erfolg, zumindest für die offizielle Jury der Biennale: Drei Künstler*innen erhielten in den vergangenen 30 Jahren für ihre Gestaltung des Pavillons den Goldenen Löwen. Mit am überzeugendsten war in dem Zeitraum wohl der politische Konzeptkünstler Hans Haacke. Haacke hat 1993 dem einschüchternden Prachtbau seinen Glanz genommen, indem er das Innere des monumentalen Gebäudes in ein Trümmerfeld verwandelte. Die Besucher*innen mussten aufpassen, sich nicht zu verletzen, wenn sie auf den zersplitterten Steinplatten durch das massive Portal gegen. Haacke ist übrigens in einem der vielen Lebensläufe, die Natascha Sadr Haghighian alias Süder Happelmann über sich in Umlauf gebracht hat, als Inspirator der Künstler*in genannt. Er bekam 1993 zusammen mit Nam June Paik den Goldenen Löwen für den Deutschen Pavillon.

Rosemarie Trockel faszinierte sechs Jahre später mit ihrer Videoinstallation, die eine Stunde lang Augen-Blicke in Nahaufnahme zeigte: langsam hin- und herwandernde Pupillen von sieben verschiedenen Frauenaugen. Die gewaltige multimediale Installation des großen Performers Christoph Schlingensief machte aus dem Nazi-Bau 2011 eine "Kirche der Angst". Schlingensief, der 2010 starb, wurde dafür postum mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet - die damalige Kuratorin Susanne Gaensheimer hatte gut daran getan, an dem engagierten Künstler festzuhalten.

2017 erhielt die Berliner Künstlerin Anne Imhof für ihre "kraftvolle und verstörende Arbeit" (so die Jury) den Goldenen Löwen. Bei der Performance "Faust" unterwanderten Imhofs Performer*innen den (eingezogenen gläsernen) Boden des Pavillons buchstäblich. Süder Happelmann unterwandert den Bau nicht, sondern nutzt die Tatsache aus, dass der Pavillon eine deutsche Enklave auf italienischem Boden ist.

© Rudolf Schmitz/ Bayern 2

Nur durch den Hintereingang kommen die Besucher*innen in diesem Jahr in den deutschen Pavillon der Biennale. Eine Soundcollage mit Kompositionen, die sich rund um die Trillerpfeifen (von Demonstranten und Flüchtlingen) bezieht, empfängt sie.

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