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Saša Stanišić gewinnt Deutschen Buchpreis – Kritik an Handke | BR24

© BR/Mario Scalla

Saša Stanišić erhält den Deutschen Buchpreis 2019 für seinen Roman "Herkunft". Der 41-Jährige erzählt darin von der Flucht seiner Familie während des Bosnien-Kriegs nach Deutschland – "ohne Zugehörigkeitskitsch und Opferpathos", so die Jury.

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Saša Stanišić gewinnt Deutschen Buchpreis – Kritik an Handke

Saša Stanišić erhält den Deutschen Buchpreis 2019. Der 41-Jährige erzählt in "Herkunft" von der Flucht seiner Familie während des Bosnien-Kriegs nach Deutschland. In seiner Dankesrede griff Stanišić den Literaturnobelpreisträger Peter Handke an.

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Der Deutsche Buchpreis gilt als bedeutende Auszeichnung für deutschsprachige Autoren und ist in der Regel ein Garant für Verkaufserfolge: In diesem Jahr wird der Preis an Saša Stanišić für den Roman "Herkunft" verliehen, wie die Jury am Abend in Frankfurt am Main bekanntgab.

Jury: Stanišić mache bleischwere Themen federleicht

In "Herkunft" erkundet der 1978 im bosnischen Visegrád geborene und 1992 nach Deutschland geflüchtete Stanišić das Familienalbum. Er erinnert sich an die Kindheit in Bosnien, an seine Schulzeit, den Zerfall Jugoslawiens, an die Flucht und die schwierige Ankunft in Deutschland zu einer Zeit, als Asylbewerberheime brannten.

Auf verschlungenen Wegen führe "Herkunft" nach Visegrád in das Dorf der Großeltern und nach Heidelberg, wo der Halbwüchsige als Kriegsflüchtling landete, erklärte die Jury. "Verschmitzt und behände bleibt der Erzähler stets auf der Hut vor sich selber, mit Klugheit, Humor und Sprachwitz, ohne Zugehörigkeitskitsch und Opferpathos", schreibt sie. "Sein berückendes Vergnügen am Erzählen macht die bleischweren Themen federleicht – Wundbehandlung mit den Mitteln der Literatur."

Breitseite gegen Handke in Dankesrede

In seiner Dankesrede kritisierte Stanišić die Verleihung des Literaturnobelpreises an Peter Handke. Dieser hatte sich im Zusammenhang mit dem Balkankonflikt wiederholt auf die Seite der Serben gestellt. Stanišić warf Handke vor, er habe sich die Wirklichkeit so zurechtgelegt, dass "dort nur noch Lüge entsteht".

Stanišić sagte, er selbst habe das Glück gehabt, "dem zu entkommen, was Peter Handke in seinen Texten nicht beschreibt". Handke nenne Täter von Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht beim Namen. "Mich erschüttert, dass so etwas prämiert wird", sagte Stanišić. Ihn freue aber, dass er mit dieser Erschütterung nicht alleine dastehe, so der Buchpreis-Träger.

Die Romane der Shortlist 2019

Nominiert waren insgesamt sechs Autorinnen und Autoren. Der Sieger erhält 25.000 Euro, die fünf übrigen Finalisten bekommen jeweils 2.500 Euro. Die Entscheidung über den Buchpreis traf eine siebenköpfige Jury. Die Mitglieder hatten mehr als 200 Titel gesichtet, die zwischen Oktober 2018 und Mitte September 2019 erschienen waren.

Nach einer Vorauswahl durch die Jury waren noch folgende Werke auf der Shortlist: neben "Herkunft" von Saša Stanišić noch "Brüder" von Jackie Thomae, "Das flüssige Land" von Raphaela Edelbauer, "Kintsugi" von Miku Sophie Kühmel, "Nicht wie ihr" von Tonio Schachinger und "Winterbienen" von Norbert Scheuer. Bemerkenswert war, dass dieses Jahr drei Debut-Romane auf der Shortlist standen – von Raphaela Edelbauer, Miku Sophie Kühmel und Tonio Schachinger.

Bisherige Preisträger

Den Deutschen Buchpreis haben in den vergangenen Jahren etwa Robert Menasse für "Die Hauptstadt", Bodo Kirchhoff für "Widerfahrnis", Uwe Tellkamp für "Der Turm" und Lutz Seiler für "Kruso" erhalten. Im vergangenen Jahr wurde der Roman "Archipel" von Inger-Maria Mahlke ausgezeichnet.

An dem Wettbewerbscharakter des Deutschen Buchpreises hat es immer mal wieder Kritik gegeben. Literatur sei kein Wettkampf, bei dem mehrere Autoren ins Rennen gingen, in die nächste Runde kämen und einer am Ende siege, hatte zum Beispiel der Autor Daniel Kehlmann bemängelt.

Lesung: "Herkunft" von Saša Stanišic

Saša Stanišic' Roman "Herkunft", in Auszügen gelesen von Shenja Lacher, sowie ein Gespräch mit Stanišic vom Mai 2019 gibt es im BR Podcast "Lesungen".

💡 Deutscher Buchpreis

Den Deutschen Buchpreis gibt es seit 2005. Ausgerichtet wird der Wettbewerb vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels in Frankfurt. Gesucht wird jeweils der beste deutschsprachige Roman des Jahres. Die Verlage können bis zu zwei Titel einreichen. Sie müssen jeweils zwischen Oktober des Vorjahres und September erschienen sein. Sieben Juroren, die jährlich wechseln, sichten die Einsendungen und stimmen ab. Der Deutsche Buchpreis wird in einem mehrstufigen Verfahren vergeben. Erst wird eine Liste mit 20 Titeln veröffentlicht, die dann auf sechs verkürzt wird - die sogenannte Shortlist.