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Deutscher Buchpreis für Anne Webers "Annette, ein Heldinnenepos" | BR24

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Ein Roman fast ohne Erfindungen: Anne Weber bekommt den Deutschen Buchpreis für "Annette, ein Heldinnenepos" über das Leben der französischen Widerstandskämpferin Anne Beaumanoir, die sich zeit ihres Lebens gegen Ungerechtigkeiten einsetzte.

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Deutscher Buchpreis für Anne Webers "Annette, ein Heldinnenepos"

Ein Roman fast ohne Erfindungen: Anne Weber bekommt den Deutschen Buchpreis für "Annette, ein Heldinnenepos" über das Leben der französischen Widerstandskämpferin Anne Beaumanoir, die sich zeit ihres Lebens gegen Ungerechtigkeiten einsetzte.

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Ein Roman, fast wie ein "Chanson" urteilten Kritiker, die sich von der ungewöhnlichen Versform beeindruckt zeigten: Wann werden heutzutage noch Epen verfasst? Und wann dürfen Heldinnen noch als solche auftreten, fast ohne ironische Brechung, ohne in Frage gestellt zu werden? Doch episch ist das Leben dieser inzwischen 96-jährigen Anne Beaumanoir in jeder Hinsicht verlaufen, und Fragen hat sie sich immer wieder stellen müssen – nach dem Sinn ihres Engagements, nach dem Preis, den sie für ihre Unerschrockenheit zahlen musste. Aufgewachsen in der Bretagne, kam sie schon früh mit Trotzkisten in Berührung und solidarisierte sich mit den Verfolgten des Franco-Regimes nach dem Spanischen Bürgerkrieg. Seit 1942 war sie im Untergrund Mitglied der Kommunistischen Partei Frankreichs, wo damals autoritäre Männer den Ton angaben.

Zwei Mal auf der Flucht

Unter Lebensgefahr rettete Beaumanoir zwei jüdische Kinder vor der Gestapo und brachte damit auch die eigenen Eltern in Schwierigkeiten. Nach dem Krieg studierte sie Medizin und verließ die Kommunistische Partei 1955, nachdem die ganze Wahrheit über den blutigen Stalinismus bekannt geworden war. Gleichwohl blieb Beaumanoir widerständig: Sie engagierte sich für die algerische Befreiungsbewegung, was ihr eine Haftstrafe von zehn Jahren einbrachte. Hochschwanger flüchtete sie nach Tunesien, wohin ihr Mann ihr gegen die Abmachung nicht folgte. Sie verliebte sich in einen Algerier und arbeitete in der ersten Regierung nach der Unabhängigkeit im Gesundheitswesen. Nach einer abermaligen Flucht in die Schweiz 1965 war Beaumanoir bis zur ihrer Rente als Medizinerin in Genf tätig.

© Arne Dedert/Picture Alliance

Anne Weber: Faible für Epen

Die Kritiker zeigten sich durchweg verblüfft darüber, dass Anne Weber das Kunststück gelang, einer Frau ein "Denkmal" zu setzen, ohne dabei jemals unkritisch oder pathetisch zu werden. In vielen Rezensionen wurde der Mut gelobt, stilistisch einen ganz und gar unzeitgemäßen Weg einzuschlagen, eben Verse zu schmieden, wenn auch ohne "Reimzwang, festes Metrum und historischen Muff", wie zum Beispiel Moritz Baßler in der taz urteilte. Er fand das Epos "weise", was an sich schon bemerkenswert ist, so altmodisch, wie das Adjektiv heutzutage klingt. Andere stuften das jetzt ausgezeichnete Buch als "gelungenes Experiment" ein, als "Lied für eine Heldin", als "sprachspielerische Raffinesse".

Formal immer wieder Neues wagen

Es scheint also, dass sich die Jury diesmal von der Form besonders beeindrucken ließ, nicht nur vom zweifellos sehr aktuellen Inhalt. In der Begründung ist vom "kraftvollen Erzählstil" die Rede, was eine etwas nichtssagende Formulierung ist. Es sei "atemberaubend, wie frisch hier die alte Form des Epos klingt und mit welcher Leichtigkeit Weber die Lebensgeschichte der französischen Widerstandskämpferin Anne Beaumanoir zu einem Roman über Mut, Widerstandskraft und den Kampf um Freiheit verdichtet". Das Buch sei "eine Geschichte voller Härten, die Weber aber mit souveräner Dezenz und feiner Ironie erzählt", so die Preisrichter. Dabei gehe es in dem Roman "um nichts weniger als die deutsch-französische Geschichte als eine der Grundlagen unseres heutigen Europas".

Dabei hat Anne Weber nicht nur den Ruf, sich gern mit historischen Personen zu befassen, etwa mit dem zutiefst unglücklichen Goethe-Sohn August, sondern auch mit jedem neuen Buch formal immer wieder Neues zu wagen, etwa in ihrem Roman "Tal der Herrlichkeiten" (2012), in dem sie vom Jenseits erzählt, frei nach dem antiken Mythos von Orpheus und Eurydike. In dem "Zeitreisetagebuch" mit dem Titel "Ahnen" (2016) widmet sie sich ihrer eigenen Familiengeschichte, insbesondere ihrem gebildeten und mit vielen Prominenten korrespondierenden Urgroßvater Florens Christian Rang und dessen Sohn, ihrem Großvater, der Nazi wurde.

2017 stand ihr Roman "Kirio" auf der Shortlist des Preises der Leipziger Buchmesse, eine Geschichte über einen Helden, der sich am liebsten auf Händen fortbewegt und "keine Autoritäten" ertragen kann. Er landet irgendwo im Süden in einer Höhle, um dort mit Pflanzen und Vögeln zu sprechen, auch dies eine Geschichte, die den Leser auf den Flügeln der Fantasie in Gegenden mitnimmt, die den meisten sehr fremdartig vorkommen dürften.

© Helmut Fricke/Picture Alliance

Aufgestellt: Shortlist-Autoren, vorn Anne Weber

Anne Weber lebt seit 1983 in Paris, wo sie französische Literatur und Komparatistik an der Sorbonne studierte. Sie arbeitet auch als Übersetzerin. Selbst ihre eigenen Werke verfasste sie anfangs auf Französisch und übertrug sie erst nachträglich zurück ins Deutsche. Inzwischen schreibt Weber ihre Texte wieder zuerst in deutscher Sprache, übersetzt sie dann jedoch ins Französische. Vielleicht ist es auch diese Übung zwischen Germanistik und Romanistik, die sie so ungemein stilkundig und -fähig gemacht hat.

Sechs Nominierte in der Endrunde

Für den diesjährigen Deutschen Buchpreis waren in der Endrunde vier Frauen und zwei Männer nominiert: Neben Anne Weber mit "Annette, ein Heldinnen-Epos" Thomas Hettche mit "Herzfaden", einem Roman über die Entstehungsgeschichte der Augsburger Puppenkiste, Christine Wunnicke mit "Die Dame mit der bemalten Hand", in dem von einer Indienreise des deutschen Forschungsreisenden Carsten Niebuhr im Jahr 1764 erzählt wird, Deniz Ohde mit "Streulicht", einem Roman aus dem postmigrantischen Arbeitermilieu, Bov Bjerg mit "Serpentinen", einem Buch über eine unheilvolle Familientradition, nach der sich alle männlichen Vorfahren umbrachten, und Dorothee Elminger mit "Aus der Zuckerfabrik" über das tragische Schicksal des ersten Schweizer Lotto-Millionärs.

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