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Deutsche Kulturtage in Riad zeigen eine Gesellschaft im Wandel | BR24

© Bayren 2

Es sitzen noch etliche Dissidenten im Gefängnis, aber wirtschaftlich ist Saudi-Arabien im Aufbruch und eifert Dubai nach. Die deutschen Kulturtage Riad spiegeln das schon im Veranstaltungsort: Eine Synthese aus westlicher und orientalischer Baukunst.

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Deutsche Kulturtage in Riad zeigen eine Gesellschaft im Wandel

Es sitzen noch etliche Dissidenten im Gefängnis, aber wirtschaftlich ist Saudi-Arabien im Aufbruch und eifert Dubai nach. Die deutschen Kulturtage Riad spiegeln das schon im Veranstaltungsort: Eine Synthese aus westlicher und orientalischer Baukunst.

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Während der Muezzin zum Gebet ruft, präsentieren sich die Streetartkünstler Michel Pietsch und Talal Al Zeid in einer Performance vor der Nationalbibliothek in Riad. Vollverschleierte Frauen machen Selfies vor grellfarbigen Graffitis. Die Max Planck-Gesellschaft zeigt das Foto eines schwarzen Lochs, am Festbuffet unter Palmen gibt es Brezen und Humus, dazu bayerische Blasmusik einer Gruppe namens Blechreiz. Die deutschen Kulturtage in Riad inszenieren ästhetische und kulturelle Widersprüche in einem Land, das sich im gesellschaftlichen Aufbruch befindet. Westliche Moderne trifft hier auf muslimische Tradition.

Man verhüllt Dinge, die einem wichtig sind

Schon die Wahl des Veranstaltungsortes ist ein Statement, denn die vom Dortmunder Architekten Eckhard Gerber erbaute Nationalbibliothek steht exemplarisch für die Synthese von abendländischer und orientalischer Baukunst und damit für die Idee der kulturellen Begegnung. "Das Interessante dabei ist, wenn Sie in das Gebäude reingehen, dass da dann die alte Bibliothek steht. Denn wir haben die alte Bibliothek ja nur erweitert, aber nicht durch einen Anbau, sondern dadurch, dass wir den Altbau umbaut haben. Das ist also eine Inszenierung von Architektur, und das sind auch Gedanken, die an das Traditionelle hier anknüpfen, weil einer der wichtigen kulturellen Gedanken hier in den arabischen Ländern ist, dass man Dinge, die einem sehr wichtig sind, verhüllt. Wir haben jetzt in der alten Bibliothek die Bücher, das heißt, das Magazin, und die werden umhüllt durch diesen Neubau."

© Gerber Architekten

Innenansicht: Nationalbibliothek in Riad - Ort der Kulturtage

Eine Bibliothek als Treffpunkt - und Oase der Ruhe

Vor die Fenster gesetzte Sonnensegel nehmen die Tradition der Bedouinen-Zeltbauten auf und schaffen eine durchbrochene Fassade im Stil orientalischer Ornamentik. Der neu entstandene Platz vor der Bibliothek mit Palmen und Wasserspielen knüpft an die muslimische Gartengestaltung an und hat für die 7-Millionenmetropole Riad, die im Verkehr erstickt, eine wichtige Bedeutung als Oase der Ruhe. Dass die deutschen Kulturtage hier stattfinden (und nicht – wie früher - in der deutschen Botschaft), ist schon ein Zeichen für die kulturelle Öffnung eines Landes, in dem sich das Leben bis vor kurzem vor allem im privaten Raum der Familie abspielte. Gebers Bibliothek schafft einen urbanen Ort, an dem sich auch Männer und Frauen, die bisher in der Öffentlichkeit strikt getrennt waren, begegnen können."Diese Geschlechtertrennung haben wir ja erlebt, weil wir schon über 20 Jahre hier tätig sind, wir erleben aber jetzt eine Phase in den letzten drei, vier Jahren, wo sich das auflöst, das ist auch politisch gewollt, die Jüngeren wollen das Neue und sich freier bewegen, das finden wir auch richtig, diese Entwicklung, die wir jetzt hier haben."

Westliche Architekturbüros in Riad

Es stellen sich nicht nur das Architekturbüro Gerber vor, sondern auch das Büro Albert Speer und Partner, die in Riad das Diplomatische Viertel, ein Gerichtsgebäude sowie das Umweltministerium geplant und gebaut haben. Das Landschaftsarchitekturbüro Boedecker präsentieren die von ihnen angelegten Parks und Gärten, die die Wüstenstadt so dringend nötig hat. Denn die Infrastruktur hinkt dem rasanten Wachstum hinterher. Erst kürzlich wurde mit dem Bau der Metro begonnen, für die das Architekturbüro Gerber die zentrale Olaya-Station entworfen hat. Thomas Lücking von Gerber Architekten betreut die Baumaßnahmen: "Der Ursprungsentwurf hatte zur Idee, die Dünenlandschaft aufzugreifen, die ja Riad umgibt, aber keine Sanddüne, sondern eine grüne Düne als öffentlicher Park."

Leider wurde der phantasievolle, funktional elegante Entwurf eines dünenförmigen Daches für die Metrostation nicht umgesetzt, die Bauherren wollten eine billigere Lösung. Immerhin ist der ursprüngliche Entwurf während der Kulturtage in einer Architekturausstellung zu sehen.

© Gerber Architekten

Die Metrostation Olaya in Riad: Entwurf Gerber Architekten

Riad im Aufbruch

Riad gleicht im Augenblick einer riesigen Baustelle. Die Hauptstadt will unter der Regentschaft von Mohammed bin Salman zu einem Ziel für Touristen werden. Visa für Saudi-Arabien gibt es deshalb seit kurzem online. Thomas Lücking über ein Land im Aufbruch: "Ich spreche viel auch mit jungen Saudis, und ich erlebe eine ungeheure Erleichterung jetzt über die politischen Entwicklungen, die in den letzten Jahren passiert sind. Weil die einfach das Gefühl haben, es ist von diesem Dampfkochtopf der Deckel ab und es ist eine Entspannung da, sie fühlen sich nicht mehr so eingepfercht in ihre kulturellen und religiösen Strukturen, eine ungeheure Öffnung.

Die Religionspolizei ist von den Straßen verschwunden. Frauen dürfen Auto fahren und müssen sich nicht mehr verschleiern. Auch Kinos und öffentliche Musikveranstaltungen sind seit kurzem erlaubt. Selbst Künstler haben jetzt mehr Freiheit, sagt Streetartist Talal Al Zeid: "Jetzt gibt es auch mehr Film und Musik und Poetry, performing arts. Es ist eine gute Zeit für Künstler, die hier leben und Kunst machen."

Saudi-Arabien auf Dubai-Kurs

Saudi-Arabien eifert Dubai nach und sucht nach neuen Einnahmequellen für die Zeit nach dem Öl. Dafür kann die Kreativwirtschaft eine wichtige Rolle spielen.

Der neue Liberalismus in Saudi-Arabien entspringt auch ökonomischen Notwendigkeiten, gleichzeitig bleiben die repressiven Seiten des Systems bestehen. Viele Dissidenten sitzen noch immer im Gefängnis. Der Krieg in Jemen, die Ermordung von Jamal Kashoggi und die exzessive Vollstreckung der Todesstrafe sind keine gute Reklame für ein Land, das Touristen anlocken will. Die deutschen Kulturtage in Riad werfen ein erhellendes Licht auf die gesellschaftlichen Widersprüche der Ölmonarchie, auf eine Gesellschaft, die trotz alledem im Wandel begriffen ist.

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