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Deutsche Bildungsgeschichten: Was aus Umuds Traum geworden ist | BR24

© BR/Astrid Uhr

Umud lernt fürs Gymnasium. Sein Vater ist fast Analphabet und kann seinem Sohn beim Lernen nicht helfen.

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    Deutsche Bildungsgeschichten: Was aus Umuds Traum geworden ist

    Vor zwei Jahren hat STATIONEN Umud kennengelernt. Der damals Zehnjährige hatte einen Traum: Er wollte aufs Gymnasium – als Erster in seiner Familie. Aber er hatte mit vielen Widrigkeiten zu kämpfen. Ging Umuds Traum trotzdem in Erfüllung?

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    Umud spricht mehrere Sprachen: Deutsch mit seinen Lehrern und Freunden, Türkisch mit seinem Vater, Englisch und Französisch lernt er in der Schule. Und jeden Samstag übt er noch die arabische Schrift in der Koranschule in der Moschee München-Sendling.

    Dort haben wir Umud vor zwei Jahren bei Dreharbeiten zum Thema Religionsunterricht kennengelernt. Sein Fleiß und seine Bescheidenheit haben uns beeindruckt. Damals hat uns der Zehnjährige von seinem großen Traum erzählt: Einmal das Gymnasium zu besuchen. Das hat noch keiner in seiner Familie erreicht. Sein Vater Mustafa Erden hat nie richtig lesen und schreiben gelernt – er ist fast Analphabet. Er kam vor 35 Jahren als Gastarbeiter-Kind aus der Türkei nach Deutschland.

    Haben Umuds Noten für den Wechsel gereicht? Ist er glücklich? Hat er neue Freunde gefunden? Was hat er heute für Träume? Wir haben ihn zwei Jahre nach unserem ersten Treffen zuhause besuchen dürfen.

    Der Vater Analphabet, der Sohn Gymnasiast

    Seine Geburt war damals eine Überraschung - heute ist er der Stolz der Familie: Umud kam als Nachzügler auf die Welt, als drittes Kind einer türkisch-stämmigen Münchner Familie. "Es waren damals schwierige Zeiten, meine Frau ist schwer erkrankt – und plötzlich hat sich Umud angekündigt", erzählt Vater Mustafa Erden. "Deswegen haben wir ihm den Namen Umud gegeben: Das heißt Hoffnung." Sein Sohn soll es einmal besser haben als er: Der 49-Jährige Vater hat nie eine Schule abgeschlossen, beim Umzug nach Deutschland spielte Bildung keine große Rolle. Er musste schnell Geld verdienen, mit Gelegenheitsjobs. Heute arbeitet Mustafa Erden als Gärtner bei der Stadt München und ist zufrieden. Er weiß, wie wichtig eine gute Ausbildung ist - das hat sein Sohn auch verstanden. "Ich brauche gute Noten, damit ich später einmal als Informatiker arbeiten kann", erklärt Umud.

    Wenig freie Zeit für Freunde und Sport

    Umud besucht nun die 6. Klasse eines Münchner Gymnasiums, darauf ist er sehr stolz. Als wir ihn daheim besuchen, lernt er fleißig Französisch-Vokabeln. Die Lehrerin mag er sehr, aber die vielen Akzente im Französischen kann er sich schlecht merken. Deswegen bekommt er nun noch Nachhilfe. Das bedeutet, dass er zweimal die Woche nach der Schule nochmal Unterricht hat, obwohl er schon bis 16 Uhr die Ganztagsschule besucht. Freizeit und Freunde kommen da ziemlich kurz: "Ich spiele sehr gern Fußball, doch dafür bleibt wenig Zeit, das ist schade", findet Umud. Überhaupt sei es mit den Freunden nicht so einfach. In der Schule habe er zwar viele Freunde, doch unter ihnen sei kein einziger Deutscher, die meisten sprechen Türkisch. "In meiner Schule gibt es fast nur Ausländer."

    Umud geht gerne in die Schule. Obwohl sein Vater ihm bei den Hausaufgaben nicht helfen kann, versucht er seinen Sohn nach allen Kräften zu unterstützen: Mit einem regelmäßigem Tagesablauf. Seit die Mutter schwer erkrankt ist, erledigt der Vater mit Hilfe von Umud den Haushalt, er fährt seinen Sohn zur Nachhilfe und zum Fußball. Vor allem aber ist er unendlich stolz er auf seinen Sohn, der es trotz aller Widrigkeiten als erster in seiner Familie aufs Gymnasium geschafft hat: "Umud", sagt der Vater, "ist meine größte Hoffnung - er soll später einen guten Beruf haben, er soll es besser haben als ich."