BR24 Logo
BR24 Logo
BR24

Menschenrechte als etwas "vom Westen Übergestülptes"? | BR24

© Audio: BR / Bild: pa/dpa

Die Menschenrechtlerin Nasrin Sotoudeh sitzt im Iran im Gefängnis. Vier Deutsch-IranerInnen setzen sich nun für sie ein, darunter auch Amirpur.

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Menschenrechte als etwas "vom Westen Übergestülptes"?

Die Gewinnerin des Alternativen Nobelpreises konnte bei der Verleihung nicht dabei sein: Die Menschenrechtlerin Nasrin Sotoudeh sitzt im Iran im Gefängnis. Ein Gespräch über ihre Lage mit der Journalistin und Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur.

Per Mail sharen
Von
  • Barbara Knopf

Vergangenen Donnerstag wurde ihr der Alternative Nobelpreis verliehen – für ihr furchtloses Engagement unter hohem persönlichen Risiko für die Menschenrechte im Iran. Die iranische Anwältin und Menschenrechtlerin Nasrin Sotoudeh konnte bei der Verleihung nicht dabei sein: Sie ist 2019 im Iran verurteilt worden, zu 33 Jahren Gefängnis und 148 Peitschenhieben. Der Gesundheitszustand der 56-jährigen Menschenrechtlerin ist äußerst gefährdet - nach einem Hungerstreik und nun einer Covid19-Erkrankung. Am heutigen Internationalen Tag der Menschenrechte wollen sich vier prominente Deutsch-Iraner- und Iranerinnen, darunter der Schriftsteller Navid Kermani, vor der Bundespressekonferenz für die Freilassung von Nasrin Sotoudeh und anderer iranischer Gefangener einsetzen und Gespräche über Menschenrechte im Iran fordern. Barbara Knopf hat mit Katajun Amirpur gesprochen, der Journalistin und Professorin für Islamwissenschaft an der Uni Köln.

Barbara Knopf: Nasrin Sotoudeh war im Hungerstreik, um auf fehlende Schutzmaßnahmen gegen Corona in den Gefängnissen im Iran aufmerksam zu machen. Nun ist sie selbst daran erkrankt und nach einem kurzen Krankenhausaufenthalt wieder ins Gefängnis zurückverlegt worden. Wissen Sie genauer, wie es ihr gesundheitlich geht?

Katajun Amirpur: Nein, das ist nicht bekannt gegeben worden. Als sie am letzten Donnerstag den alternativen Nobelpreis bekommen hat, hat sie vorab eine Rede aufgenommen und geschickt. Sie musste am selben Tag wohl wieder zurück in Gefängnis. Aber man weiß nicht so ganz genau, wie es ihr jetzt geht. Sie hat nur unter anderem auch erklärt, dass sie in den drei, vier Wochen, in denen sie zu Hause war, die ganze Zeit mit Mundschutz unterwegs war, und ihre Kinder, die sie ja schon ewig lang nicht mehr gesehen hatte, nicht mal in den in den Arm nehmen konnte…

Nasrin Sotoudeh ist einem internationalen Publikum bekannt geworden durch den Berlinale-Gewinnerfilm des iranischen Regisseurs Jafar Panahi, "Taxi Teheran". Da sieht man sie, wie sie im Taxi ihre Fälle verhandelt. Sie hat sich ja für Oppositionelle eingesetzt, gegen die Todesstrafe, für die Rechte der Frauen, zum Beispiel auch gegen den Kopftuchzwang im Iran. Wieviel Wirkung hat sie in der iranischen Öffentlichkeit?

Ich denke schon, dass sie eine sehr, sehr große Wirkung hat. Den Iranern wird zwar verboten, sich Filme anzuschauen, die international gedreht werden. Zum Beispiel eine Dokumentation über Nasrin Sotoudeh, die heimlich gedreht worden ist im Iran, kann man sich nur durch einen Filterbrecher herunterladen. Aber auf der anderen Seite hat mir im letzten Jahr mal jemand gesagt, mein Gott, jeder Enkel installiert seiner Oma diesen Filterbrecher. Und das hat natürlich schon sehr große Wirkung im Iran. Auch die internationale Berichterstattung tut ihr Übriges dafür, dass sie im Iran immer bekannter wird. Ausländische Dienste wie BBC Persian oder auch die Deutsche Welle, die auf Persisch sendet, sind schon sehr bekannt in Iran und entfalten da eine recht große Wirkmächtigkeit.

Wie wird Nasrin Sotoudeh vom iranischen Regime gesehen, das sehr hart mit ihr verfährt?

Das iranische Regime fährt ja zum Teil immer noch die Devise, Menschenrechte sind nichts als eine Erfindung des zionistischen Regimes, sprich: Israels und des Westens. Deswegen wollen wir mit Menschenrechten nichts zu tun haben. Indem Nasrin Sotoudeh sich für Menschenrechte einsetzt, ist das etwas, das dieser Grundprämisse komplett zuwiderläuft. So dass ihr das iranische Regime vorhält: Für wessen Rechte setzt du dich denn da eigentlich ein? Und wenn du das so vehement und so lautstark macht, wie du das tust, dann wirst du mit den härtesten Strafen belegt! Zu über 30 Jahren ist sie verurteilt worden und zu Peitschenhieben - das ist ein absolut harsches, rigides Urteil, das da verhängt worden ist!

Diese Grundprämisse habe ich noch nicht verstanden: Warum sagt das iranische Regime, die Menschenrechte haben mit dem Islam nichts zu tun?

In der Formulierung von Ayatollah Khomeini ist es eben etwas, was die Menschen im Westen sich ausgedacht haben, um den Islam klein zu halten. Und man sagt, Menschenrechte seien westlich definiert. Der Westen hat gesagt, was er für ein Recht des Menschen hält; das sei in dem Sinn nicht abgesprochen mit islamischen Normen und islamischen Werten. Deswegen wird es als etwas vom Westen Übergestülptes wahrgenommen, zumindest in der herrschenden offiziellen Doktrin. Ich würde einfach mal so behaupten, dass 90 Prozent aller Iraner und Iranerinnen das so nicht sehen!

© pa/dpa/Event Press

Journalistin und Professorin für Islamwissenschaft an der Uni Köln: Katajun Amirpur

Zum heutigen Internationalen Tag der Menschenrechte soll ein Appell an die Bundesregierung ergehen. Vier prominente Deutsch-Iraner und -Iranerinnen, darunter der Schriftsteller Navid Kermani, führen Gespräche mit Angela Merkel und Bundespräsident Steinmeier und treten dann auch vor der Bundespressekonferenz auf. Kann man sich davon was erwarten?

Das kann man nicht so ganz genau sagen. Das iranische Regime ist in der Sache relativ unberechenbar. Manchmal macht man es eher noch schlimmer durch Druck von außen, aber manchmal bewirkt man eben doch was. Weil sie schon auch um ihren Ruf besorgt sind. Gerade auch anlässlich der Tatsache, dass demnächst wahrscheinlich wieder die Atomgespräche aufgenommen werden mit dem neuen US-Präsidenten. Man hat ja auch nach der Ermordung des Atomwissenschaftlers nicht wirklich zurückgeschlagen, sondern erstaunlicherweise einfach nur die Füße stillgehalten. Es kann schon sein, dass man sich jetzt denkt, okay, wir senden ein Zeichen der Versöhnung nach außen. Und dann könnte das tatsächlich in diesem konkreten Fall etwas bringen.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!

Die BR KulturBühne – ein Platz für Konzerte, Events, Debatten und auch großes Vergnügen. Hier geht's lang!