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"Have We Met" von Destroyer zeigt einen grandiosen Grantler | BR24

© Merge Records/ Dead Oceans

Destroyer-Frontmann Daniel Bejar betreibt auf höchst charmante Art Kulturpessimismus

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"Have We Met" von Destroyer zeigt einen grandiosen Grantler

Kulturpessimismus in charmant: Auf dem neuen Album "Have We Met" gibt sich Destroyer-Mastermind Daniel Bejar gelassen und formvollendet wie selten zuvor – und erinnert gleichermaßen an Bob Dylan und Serge Gainsbourg.

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Singen kann man das, was Destroyer-Mastermind Daniel Bejar stimmlich absondert, wirklich nicht nennen, aber es hat in der Popgeschichte schon jede Menge Nicht-Sänger gegeben, die ihre Message mittels Sprechgesang rüberbrachten – vom frühen Bob Dylan bis hin zu Lou Reed, um ein paar Amerikaner zu nennen. Jedenfalls raunt Bejar auf dem neuen Destroyer-Album "Have We Met" bemerkenswert dunkle Verse vor sich hin. Positiv oder freundlich sind sie nicht.

Schnieke Produktion, assoziative Lyrik

"The idea of the world is no good", schimpft Daniel Bejar trocken in "Cue Synthesizer", dem beeindruckendsten Song des Albums. Und weiter: "Went to America, went to Europe, saw the same shit." Der Songschreiber aus Vancouver, der ein paar Jahre in Spanien gelebt hat, entwirft in lyrischen Liedtexten eine Welt, in der Austauschbarkeit und Gleichgültigkeit herrschen, tödliche Langeweile und Dummheit angesagt sind. Jeder und jede ist in den moralischen Ausverkauf verstrickt, wie etwa im Song "The Television Music Supervisor", in dem ein Musikberater, der für das Fernsehen arbeitet, zugibt, dass er den Ausverkauf banaler Popmusik vorangetrieben hat.

Daniel Bejar ist ein großer Grantler vor dem Herrn. Seine Wort-Musik-Gebilde sind assoziativ gehalten, ergehen sich in Andeutungen und Aussparungen, sind elliptisch erzählt. Diese Leerstellen mildern und befeuern die Vorhersehbarkeit der Musik des 13. Destroyer-Albums. Die Produktion ist, was den Sound angeht, erstaunlich schnieke geraten: Auf Hochglanz polierte Klangflächen sind zu hören, dazwischen gepackt dezent dröhnende E-Gitarren und stolpernde Drums.

"Have We Met" erinnert nicht von ungefähr an einen großen Musik- und Studiomagier aus Europa, der ähnlich gearbeitet hat wie Bejar: Serge Gainsbourg, der große Provokateur des Pop, würde heute wohl ganz ähnlich klingen, wäre er noch am Leben.

© Dead Oceans / Cargo

Das Cover des neuen Destroyer-Albums "Have We Met"

Halb Bürger, halb Lebemann

Auf dem Cover von "Have We Met" ist Daniel Bejar mit Lockenkopf, Vollbart, offenem weißen Hemd und schwarzem Jackett abgebildet – eine Kunstfigur, halb Bürger und halb Lebemann, ein schickes Mikrophon in der Hand. Ich hab' hier das Sagen, suggeriert das Bild. Genau so soll es sein auf einem Album: ein (Popsong-)Autor stellt seine Sicht auf die Welt und die Dinge des Lebens aus.

Bejar betreibt auf höchst amüsante Weise Kulturpessimismus für Fortgeschrittene. Auch wenn wir vom Historiker Fritz Stern wissen, dass darin politische Gefahren liegen, man kann diesem coolen Nachtclub-Conferencier unmöglich böse sein deswegen – eine handwerklich umwerfend gut gemachte Pop-LP, die das Zeug hat, eines der Alben des Jahres zu werden.

"Have We Met" von Destroyer ist bei Dead Oceans/ Cargo erschienen.

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