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© Audio: BR / Bild: picture alliance/dpa | Johannes Schmitt-Tegge
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2014 wurde in Manhattan das "9/11 Memorial Museum" eröffnet – seitdem bricht die Kritik daran nicht ab: Islamophob sei es, emotional manipulativ, außerdem werde Geld verdient mit dem Leid der Opfer, lauten die Vorwürfe.

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Deshalb erntet das New Yorker 9/11 Museum seit Jahren Kritik

Vor 20 Jahren brachten entführte Flugzeuge die Twin Towers zum Einsturz. 2014 eröffnete in Manhattan das "9/11 Memorial Museum" – Islamophob und manipulativ soll es sein, so die Kritik. Wie konnte ein Museum nur derart in die Irre gehen?

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Von
  • Barbara Behrendt

Immer tiefer hinab geht es, bis man auf dem Boden der Katakombe steht, die vor 20 Jahren das World Trade Center war. Am Eingang des Parcours Stimmen von New Yorkern, in Schock, Horror, Panik beim Einschalten der Nachrichten damals.

Dann Fotos von Menschen in Angst und Schrecken bei der Flucht vor den einstürzenden Türmen. Halb zerdrückte Feuerwehrautos und Teile des Flugzeugwracks. Doch das eigentliche Tor zur Hölle öffnet sich erst beim Betreten der sogenannten "historischen" Ausstellung.

Ins Grauen von 9/11 eintauchen

Der Parcours führt Minute für Minute durch den Morgen des 11. Septembers 2001, Sirenen begleiten die Besucher. Helme, staubige Taschen der Feuerwehr-Helden sind ausgestellt. Ein riesiges Kreuz aus Stahlträgern. Besonders bewundert: die Nationalflagge, die man damals in den Trümmern hisste, um den Kampfgeist der Retter aufrecht zu halten. Dann hören wir Mailboxnachrichten von Menschen aus den Türmen.

Wer jetzt noch nicht weint, tut es, als die Stimmen aus dem Flugzeug erklingen, das die Passagiere selbst zum Absturz brachten. Um Ruhe bemühte Frauenstimmen sind das, die ihren Familien auf den Anrufbeantworter sprechen. Es gebe hier ein kleines Problem, aber sie seien wohlauf und: "Just remember that I love you." Niemand überlebte.

9/11 als realer Action-Thriller

Zusammengefasst: Das Museum zeigt keine historische Ausstellung, sondern einen vor Nationalismus strotzenden Action-Movie, der mit religiöser Symbolik und auf Kosten der Opfer emotional überwältigen soll. Der besondere Nervenkitzel: Es ist wirklich passiert! Der Erkenntnisgewinn: gleich Null.

Wie konnte ein Museum, Ort der Aufklärung, nur derart in die Irre gehen? Dieser Frage geht die Film-Doku "The Outsider" nach. Titelgebender Außenseiter ist Michael Shulan, der ohne Vorerfahrung zum künstlerischen Leiter des Museums ernannt wurde. Er hatte seinen Laden in Soho damals zur Galerie für private 9/11-Fotos gemacht – und so einen Ort des Trostes geschaffen. Shulan, so sagt er, wollte ein Museum kreieren, das Fragen stellt.

Museum ohne Erkenntnisgewinn

Fragen, wie das Land sich selbst sieht und reflektiert. Davon hätte er sich im Museum mehr gewünscht. Shulan konnte sich nicht durchsetzen, die Geschäftsführerin Alice Greenwald, die lange das Holocaust-Museum in Washington DC geleitet hat, nahm das Zepter in die Hand und gestaltete einen Ort, der sich allein auf das Reenactment des 11. September beschränkt. Wie 9/11 die Welt auf den Kopf gestellt hat, von den Sicherheitsvorkehrungen am Flughafen bis hin zum fragwürdigen Krieg der USA in Irak und Afghanistan und den amerikanischen Foltergefängnissen – all das bleibt unerwähnt.

Das Museum selbst ist natürlich unglücklich über den Film. Ein Sprecher erklärt, man habe einen Ort schaffen wollen, der über den politischen Dingen stehe. Doch: Wie kann ein Museum allen Ernstes meinen, die eigene Perspektive könne jemals apolitisch sein?

Alles hier wird politisch unter die Lupe genommen – auch die Naivität der Kuratoren, ein sechsminütiger Film könne das Phänomen Al-Quaida erklären. Der Einspieler strotzt vor Ungenauigkeiten: Die US-Amerikaner werden als Unterstützer der mutigen Freiheitskämpfer im sowjetisch-afghanischen Krieg gezeigt, deren Taten keinerlei Zusammenhang mit der Entstehung von Terrorgruppen aufweisen. Der Islam wird zudem unzureichend vom Islamismus abgegrenzt. Einer von vielen Gründen für den muslimischen Aktivisten Asad Dandia, sich seit Jahren für eine Reform des Museums einzusetzen. Als "The Outsider" erschien, schrieb er einen neuen Aufruf.

Die eigene Haltung wird nicht reflektiert

Wie das Museum über die Terroristen spreche, über den Islam und Moslems, sagt er, ist politisch. Es spiegelt die Interessen der Sicherheitsdienste der Vereinigten Staaten wider, lasse die muslimische Bevölkerung aber außen vor. Auch von den Hate Crimes, also der Gewalt, die nach 9/11 auf Muslime ausgeübt worden ist, fehlt im Museum jede Spur.

Das Museum wirft also eine Reihe Fragen auf. Vor allem die: Hätte man es nicht beim würdigen Memorial aus Wasser, Granit und den Inschriften der Opfer am Ground Zero belassen sollen? Außerdem: Muss ein Museum dieser Größenordnung nicht staatlich finanziert werden, statt als spendenbasierte Privatorganisation niemandem Rechenschaft zu schulden? Und: Sollte ein Museum zur Stadtgeschichte nicht von Menschen aller Couleur gestaltet werden, statt allein von weißen Amerikanern? Diese Fragen wird in Zukunft jedes Museum beantworten müssen.

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