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Bildrechte: Julian Zitzlsperger/Theater Regensburg

Das Leben bietet mehr als Hortensien und muss nicht im Treibhaus enden: Regisseur Nurkan Erpulat inszeniert Jules Massenets lyrische Oper als Aussteiger-Drama mit Lederjacke und Langhaarfrisur. Und die biedere Auslegeware hebt schließlich ab.

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Der will nicht auf dem Teppich bleiben: "Werther" in Regensburg

Das Leben bietet mehr als Hortensien und muss nicht im Treibhaus enden: Regisseur Nurkan Erpulat inszeniert Jules Massenets lyrische Oper als Aussteiger-Drama mit Lederjacke und Langhaarfrisur. Und die biedere Auslegeware hebt schließlich ab.

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Peter JungblutPeter Jungblut

Wahrscheinlich schafft der Kerl sogar die härteste Tür Deutschlands und kommt ohne Weiteres in den Berliner "Berghain"-Club - das ist ja heutzutage für nicht wenige das entscheidende Kriterium für Lässigkeit, Wagemut, Leben nach dem Lustprinzip. Und so trägt dieser Werther Lederkluft, schulterlange Haare, Protzgürtel und dreht seine Kippen selbst. Wahrscheinlich steht um die Ecke seine Harley und Urlaub macht er an der Tanke.

Passt zur Trotzphase des jungen Goethe

Schon ein cooler Rocker, den der indische Tenor Amar Muchhala da spielt, und damit typisch für den Sturm-und-Drang, auch wenn die Aussteiger sich in Goethes jungen Jahren um 1774 vielleicht etwas anders aufgeputzt haben. Und die Biografie dieses Sängers rockt auch: Geboren in Mumbai, dem früheren Bombay, studierte er französische Literatur und Business-Management, eine Mischung, die an sich schon ziemlich "lyrisch" ist. Die Rolle am Theater Regensburg bekam er wegen der Pandemie beim Online-Vorsingen, klingt doch abgedreht und passt zur Trotzphase des ganz jungen Goethe.

© Julian Zitzlsperger/Theater Regensburg
Bildrechte: Julian Zitzlsperger/Theater Regensburg

Lauter Gespenster: Bewegungschor "The Crowd"

Mit seinem "Werther" warf der spätere Weimarer Großdichter ja einen Sprengsatz in die behäbige Gesellschaft, nicht nur die seines zeitweisen Beschäftigungsorts Wetzlar, und bahnte der Romantik den Weg, die dann ständig nach der sprichwörtlichen blauen Blume suchte und doch tatsächlich der Liebe einen Platz freikämpfen wollte - nicht nur in der Fantasie, sondern auch im richtigen Leben. Das war damals, wo die meisten Leute bekanntlich verheiratet wurden und sich dabei an Standesgrenzen hielten, noch eine total schräge Vorstellung, und das hat Regisseur Nurkan Erpulat am Theater Regensburg zeitgemäß bebildert.

Schritte auf die nackten Planken

Auch bei ihm sprießen zwar blaue Blumen, massenweise Hortensien, aber nur im Gewächshaus: Mehr traut sich die Alkoholiker- und Zigarren-Truppe nicht, die hier in all ihrer Spießigkeit vorgeführt wird. Lauter Krawattenträger in unauffälligen Anzügen, und die Frauen führen Halsschleifen spazieren. Ausstatterin Katrin Nottrodt hatte einen Konzertflügel auf die ansonsten schwarze Bühne gestellt: "Massenet" steht drauf, der Name des Komponisten. Am Ende hebt das Instrument ab, wie übrigens auch die weiße Auslegeware am Boden: Dieser Werther bleibt garantiert nicht auf dem Teppich, und seine Charlotte wagt schließlich auch ein paar Schritte ins Ungewisse auf die nackten Planken, wenn auch viel zu spät.

© Julian Zitzlsperger/Theater Regensburg
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Unter dem Schleier: Albert und Charlotte

Hier und da sind die Einfälle von Nurkan Erpulat, der in Ankara geboren wurde und viel in Berlin am Maxim-Gorki-Theater inszeniert, etwas arg derb für diese lyrische Tragödie - denn Massenets Oper ist bei weitem nicht so draufgängerisch und pubertär wie Goethes Briefroman. Und deshalb wirkt es zu plakativ, wenn sich gleich am Anfang acht junge Menschen erschießen, aufhängen, erdrosseln und vergiften. Sie werden dann die Gespenster sein, die Werther nicht mehr los wird.

Schon die Kleinen scheiteln sich brav

Das ist plausibel gedacht, lenkt aber vom Seelendrama, das hier vorgeführt wird, gelegentlich ab, ähnlich wie der großartige Kinderchor, der natürlich verdientermaßen die Blicke auf sich zieht und präsenter ist als bei Massenet vorgesehen. Hier soll er zeigen, dass die Kleinen beizeiten zu braven Bürgern geschmiedet werden, mit akkuratem Scheitel und fest gebundenem Schlips.

© Julian Zitzlsperger/Theater Regensburg
Bildrechte: Julian Zitzlsperger/Theater Regensburg

Bitteres Ende

Langweilig ist diese Inszenierung nicht, eher eine Spur zu bewegt - und eindeutig zu laut. Dirigent Tom Woods wollte offenbar mal wieder auftrumpfen mit der vollen Orchesterstärke, ist ja nach der Pandemie-Pause mit reduzierter Besetzung verständlich, doch für diese Sänger war das häufig zu viel Leidenschaft. Amar Muchhala flatterte anfangs das Vibrato vor Nervosität recht vernehmlich, und auch später fand er nicht die richtige Mischung zwischen lyrischer Innigkeit und heldenhafter Grenzerfahrung. Dieser stimmliche Spagat macht diese Titelrolle so ungemein schwer: Insofern schlug er sich immerhin achtbar. Was fehlte, war das romantische Selbstbewusstsein, hin und hergerissen zwischen Triumph und Scheitern. Anfangs hätte er noch mehr Macho, später mehr todessüchtiger Wanderer sein müssen.

Dann besteht das Leben nur noch aus Wollmäusen

Vera Semieniuk als Charlotte klang anfangs sehr zurückgenommen, hatte aber eine schauspielerisch große Brief-Szene. Auf jeden Fall ein diskussionswürdiger, bejubelter "Werther" in Regensburg. Und die klare Botschaft: Wer seine Gefühle unter den Teppich kehrt, der darf sich nicht wundern, wenn das Leben eines Tages nur noch aus Wollmäuse besteht.

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