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Mit ihrem älteren Bruder Hans und weiteren Vertrauten der "Weißen Rose" stellte Sophie Scholl die Verbrechen des Nationalsozialismus in Frage – und bezahlte dafür mit dem Leben.

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Der Weg zum Widerstand: Zwei neue Biografien über Sophie Scholl

Sophie Scholl wurde durch ihren Mut und frühen Tod zu einer Ikone für den Widerstand gegen die Nazi-Diktatur. Zum 100. Geburtstag 2021 sind schon jetzt zwei Bücher über ihr Leben erschienen. Sie suchen nach dem Menschen hinter den bekannten Bildern.

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Von
  • Niels Beintker

Das Schweigen angesichts der Ereignisse ist auffällig. In den überlieferten Aufzeichnungen Sophie Scholls aus dem Herbst 1938 findet sich kein Hinweis auf die Verfolgung der Juden in Deutschland. Die damals 17jährige Schülerin, lange eine begeisterte BDM-Führerin, schrieb viel lieber ausführlich über Gefühle und Lektüren. Mit dem Bild der mutigen Widerstandskämpferin mag das alles nicht so recht zusammen gehen. Es ist aber eben auch eine Facette ihrer Biographie, wie es sowohl Maren Gottschalk als auch Robert M. Zoske zeigen. "Am Tag der sogenannten Reichskristallnacht hört man nichts von Sophie.", wundert sich der Biograph Zoske. "Obwohl sie am nächsten Tag zwei lange Briefe schreibt, an ihren Freund Fritz Hartnagel und an eine Freundin, Lisa Remppis, lange Briefe. Da geht sie auf das, was wenige Stunden zuvor in Ulm, auf schreckliche Art und Weise passiert ist, mit keinem Wort ein. Sie hatte entweder keinen Blick dafür. Oder es war ihr nicht allzu wichtig. Sie war keine Widerstandskämpferin der ersten Stunde, noch war sie philosemitisch eingestellt."

Getrieben von großem Lebenshunger

An Büchern über Sophie Scholl wie überhaupt über die "Weiße Rose" mangelt es nicht. Vor zehn Jahren erschien die letzte große Biographie der studentischen Widerstandskämpferin, von Barbara Beuys. Sie war die erste, die den im Institut für Zeitgeschichte archivierten Nachlass auswerten konnte. Maren Gottschalk und Robert M. Zoske – seit langem mit der Geschichte der "Weißen Rose" befasst – schließen mit ihren Büchern daran an und erweitern das bestehende Bild in einigen wichtigen Nuancen. Maren Gottschalk schildert Sophie Scholl als junge Frau auf der Suche nach sich selbst, getrieben von einem großen Lebenshunger: "Dieser Lebenshunger, diese Ressource des Optimismus, der Freude, des Glücklichsein-Könnens über die Schönheit der Welt, das Lachen, das war ein ganz starker Zug von ihr", meint Gottschalk. Manifestiert habe er sich in ihren Briefen an Fritz, an Freundinnen, an die Familie, aber auch im Bedürfnis, in die Natur zu gehen, zu schwimmen, Rad zu fahren, sich auszutoben sich körperlich selber zu erleben und ihre eigene Kraft immer wieder zu spüren.

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Eine Fotografie, die jeder kennt: Sophie Scholl wurde durch ihren mutigen Widerstand gegen das NS-Regime für viele zum Vorbild

Robert M. Zoske wiederum nimmt – als Theologe – auch Sophie Scholls Auseinandersetzung mit dem christlichen Glauben, mit ihrer protestantischen Herkunft, in den Blick, intensiver als andere Biographinnen und Biographen. Die christliche Überzeugung, ein intensives Ringen um Gott, war entscheidend für ihren Widerstand.

"Vertrauen von Gottes Engeln getragen zu werden"

Die Freundin Susanne Hirzel sagte nach dem Ende des Krieges, sie habe Sophie Scholl nicht als Heldin gekannt. Diese sei mit den Jahren beinahe katholisch geworden, so überkandidelt religiös. Zoske erinnert etwa an die Tagebuchpassagen über die Geschichte der Versuchung Jesu durch den Teufel, über den Sprung von den Zinnen des Tempels: "In der Bibel geht die Geschichte so, dass Jesus sagt: Ich springe nicht herunter, denn man soll Gott nicht versuchen. Aber Sophie macht daraus: Ich will springen. Ich vertraue darauf, dass ich von Gottes Engeln getragen werde. Vielleicht liege ich ja zerschmettert da. Ich deute es so – warum sollte sie das anders schreiben, im Herbst 42 – ich will etwas machen, was ganz gefährlich ist. Und ich vertraue darauf, dass Gott mich trägt.", vermutet der Biograph Zoske.

Einigkeit herrscht darüber, dass der Weg Sophie Scholls in den Widerstand ein längerer Prozess gewesen ist, keine plötzliche Entscheidung. Verschiedene Erfahrungen führten dazu, darunter die Strafverfolgung des Bruders Hans wegen angeblicher "bündischer Umtriebe", der Krieg und auch der Reichsarbeitsdienst im Jahr 1941.

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Buchcover Robert M. Zoske "Sophie Scholl: Es reut micht nichts"

Maren Gottschalk und Robert M. Zoske datieren den Anfang der widerständigen Tätigkeit bereits in das späte Frühjahr 1942, in die Zeit des Wechsels zum Studium nach München. An den ersten vier Flugblättern der "Weißen Rose" aus dieser Zeit, verfasst von Hans Scholl und Alexander Schmorell, vor ihrem kurzen Kriegseinsatz an der Ostfront, war Sophie Scholl vermutlich nicht beteiligt. Von ihrem Freund Fritz Hartnagel erbat sie sich aber sich 1000 Reichsmark, einen hohen Betrag, für einen "guten Zweck".

"Während die Studenten dann an der Front sind – Hans mit seinen Freunden – wird sie ganz allein aktiv, indem sie Hans Hirzel das Geld gibt, damit er einen eigenen Vervielfältigungsapparat besorgt.", erklärt Autorin Gottschalk. "Also fängt sie wirklich an, aus eigener Initiative da weiter zu machen, das vorzubereiten. Damit, wenn die zurückkommen, die Arbeit gleich wieder losgehen kann."

Zu unrecht von Querdenkern vereinnahmt

Die Auseinandersetzung mit der Biographie von Sophie Scholl ist lohnend. Nicht nur, aber auch in einer Zeit, in der sich selbst ernannte Querdenker mit dieser mutigen jungen Frau vergleichen und damit krudeste Geschichtskenntnisse offenbaren. Die einfühlsamen, überhaupt nicht idealisierenden Lebenserzählungen von Maren Gottschalk und Robert M. Zoske liefern genügend Argumente, um derartigen Vereinnahmungen entschieden zu begegnen.

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Buchcover Maren Gottschalk "Sophie Scholl. Wie schwer ein Menschenleben wiegt"

Maren Gottschalks Sophie-Scholl-Biographie "Wie schwer ein Menschenleben wiegt" ist im Beck-Verlag erschienen (348 S., 24 Euro), Robert M. Zoskes Buch "Es reut mich nichts. Porträt einer Widerständigen" im Propyläen-Verlag (448 S., 24 Euro). Am 17. Januar ist Sophie Scholl außerdem ein großes Thema im Kulturjournal auf Bayern2.

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