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Wie mit "Der Vorname" ein Theaterhit ins Kino kommt | BR24

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Bürgerschlacht im Kino: "Der Vorname"

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Wie mit "Der Vorname" ein Theaterhit ins Kino kommt

In Frankreich war es 2010 ein Theaterhit: die Komödie „Der Vorname“ von Matthieu Delaporte und Alexandre de La Patellière. Schauplatz ist das wohlsituierte Akademiker-Milieu. Nun hat Sönke Wortmann daraus einen Film gemacht.

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„Welches Klischee eines Literaturprofessors erfüllst Du eigentlich nicht?“ Der Satz sitzt. Nicht nur weil Thomas damit seinen Schwager Stephan absolut treffsicher charakterisiert. Sondern weil sämtliche Charaktere in dieser Komödie Klischeefiguren sind – was man dem Film durchaus zum Vorwurf machen könnte. In „Der Vorname“ aber werden Klischees nicht nur lustvoll bedient, sondern zugleich so hingebungsvoll mit Leben gefüllt, dass es einer Überzeichnung der Figuren hin zur Kenntlichkeit gleichkommt, sagt die Schauspielerin Caroline Peters. Sie spielt Elisabeth, die Frau des Literaturprofessors Stephan, und zugleich Schwester von Thomas:

“Meine Figur ist so eine ganz klassische Hausfrau aus den 80er Jahren - dass man nichts dagegen hat, dass man die ganze Zeit kocht; und dass man zum Mann sagt: ‚Keine Goethe-Zitate in meiner Küche‘. Also dass man überhaupt sowas sagt wie ‚meine Küche‘. Mir macht das Spaß, das überspitzt darzustellen und dann auch wirklich eine Schürze zu tragen, und nicht so 2.0-mäßig die Schürze nicht zu tragen, und dann aber trotzdem so zu leben. Meine Mutter in den 70er, 80er Jahren, die hat wirklich so gelebt. Und wir denken anders. Aber ganz viel von uns ist auch immer noch so.“

© Constantin Film

Der Vorname

Elisabeth ist gewissermaßen die personifizierte emotionale Knautschzone zwischen Stephan und Thomas. Letzterer hat einst die Schule geschmissen, scheffelt aber als Immobilienmakler mittlerweile ein Vielfaches der Kohle von Stephan, der als Germanistik-Professor gerne seine intellektuelle Überlegenheit raushängen lässt – um etwaige Minderwertigkeitsgefühle zu kompensieren. Bei einem geselligen Abendessen nun lässt Thomas, dessen Freundin ein Kind erwartet, die Familie raten, auf welchen Vornamen er seinen Sohn taufen möchte. Kleiner Tipp: irgendwas mit A. Andreas, Alexander, Anton? Fehlanzeige:

Adolf als Vorname

„Attila? Anatol? Augustus? – Nein. – Dann sag’s halt. – Adolf!“ Plopp, da ist es raus. „Ist das Dein Ernst?“ fragt Stephan. „Nicht mein Ernst. Mein Adolf“ kontert Thomas trocken, und erklärt den anderen, dass er den Namen gewählt habe, nicht obwohl er historisch vorbelastet ist, sondern gerade weil das so ist. Natürlich will Thomas sein Kind nicht wirklich „Adolf“ nennen. Aber er zieht die Provokation so konsequent durch, dass sie verfängt. Vor allem Stephan, grandios gespielt von Christoph Maria Herbst als fleischgewordener Cordanzug, lässt sich bereitwillig aus der Reserve locken.

Die Zimmerschlacht

„Der Vorname“ ist ein Film nach dem Theatermodell der so genannten Zimmerschlacht. Vorbilder sind Stücke wie Yasmina Rezas „Der Gott des Gemetzels“ oder – die Mutter aller Zimmerschlachten – Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“. Das Grundprinzip des Genres: eine Handvoll Leute auf engem Raum, die sich, gern unter Alkoholeinfluss, mal so richtig die Meinung sagen, wobei die Frontlinien und Allianzen permanent wechseln. Der Streit um den Vornamen Adolf ist hier nur der Auslöser, dass sich alles an Enttäuschungen und Aggression entlädt, was sich in den langjährigen Beziehungen der Figuren aufgestaut hat. Auf der Leinwand funktioniert diese Genre nur mit einem so brillanten Ensemble, wie es Sönke Wortmann zur Verfügung stand. Schauspieler*innen, wie Caroline Peters, die vergessen machen, dass es kaum äußere Action gibt. Im Kino kommt das ja weit seltener vor, als im Theater, sagt Caroline Peters: „Mir gefällt das natürlich total, dass man nicht als Schauspieler vor einer Greenbox steht und imaginäre Waffen in der Hand hat und drei Sätze im Film sagen muss, und der Rest sind Special Effects und toller Bilder. Das ist für einen Schauspieler ein stinklangweiliges Dasein. Das hat natürlich Witz, die Leute aufeinander und in so einen klaustrophoben Zustand zu klemmen mit einem Thema, das sie alle wahnsinnig macht.“

Pufferzone zwischen Alphamännchen

Der Elisabeth von Caroline Peters wird es allerdings irgendwann zu eng in der Pufferzone zwischen den Alphamännchen Stephan und Thomas. Höhe- und zugleich Endpunkt des Films ist ein vollkaracho-komödiantischer Wutausbruch, bei dem Elisabeths gesammelter Frust herausbricht wie ein aufploppender Airbag nach dem Aufprall. „Der Vorname“ ist ja nur deshalb kein bildungsbürgerliches Trauerspiel, weil die Pointe hier noch lauter zünden als die Lebenslügen platzen. Befeuert wird das alles, wie gesagt, von Klischees. In deren Kern aber ist viel wahres Leben zu entdecken.

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