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"Der undankbare Flüchtling": Dina Nayeri beleuchtet das Exil | BR24

© Audio: Bayerischer Rundfunk / Foto: Anna Leader, Kein & Aber

Wie es ist, nicht aus der westlichen Zivilisation zu kommen, das macht Dina Nayeris Buch: "Der undankbare Flüchtling" erfahrbar.

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"Der undankbare Flüchtling": Dina Nayeri beleuchtet das Exil

Das Herkunftsland zu verlassen, ist nicht leicht – genauso wie das Ankommen im Land des Exils. Dort erwarten viele Dankbarkeit oder Unterwürfigkeit von Migranten. Die Exil-Iranerin Dina Nayeri hinterfragt in ihrem Sachbuch derartige Ansprüche.

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Es hätte nicht den einen Moment gegeben, in dem sie sich entschieden hätte, sich dem Thema Flucht zu widmen, erklärt Dina Nayeri. Sie hätte – unbewusst – seit Jahren darüber geschrieben. "Meine Fiktion ist durchdrungen vom Fluchtnarrativ. Aber das Thema direkt zu behandeln: Die Entscheidung fiel mit dem Jahr 2016. Der Brexit, die Wahl von Trump – außerdem bin ich Mutter geworden, zum ersten Mal, ich habe eine kleine Tochter zur Welt gebracht. Und diese Welt sah anders aus für sie, beängstigend", sagt Nayeri.

Wie beängstigend die Welt aussieht, spürt man auf jeder Seite dieses Buches. Und "beängstigend“ ist ein harmloses Wort für die Gesichter dieser Welt: verschlossen, gnadenlos bürokratisch, engherzig … all diese Wörter schieben sich im Kopf des Lesers übereinander, wenn Dina Nayeri von Menschen erzählt, die nicht das Glück hatten, in einem Land geboren zu sein, das von alten und neuen Akten der Ausbeutung profitiert und es gut meint mit der eigenen Bevölkerung. In ihrem Buch wendet sie sich direkt an den Leser mit den Worten: "Betrachten Sie diese Lebensgeschichten als Unterhaltung, als Bildung oder als Bedrohung Ihrer eigenen Person. Es liegt bei Ihnen, wie Sie diese Stimmen verstehen wollen. Benutzen Sie alles Wissen, das Sie haben, um jeden falschen Ton herauszuhören. Seien Sie ein Beamter der Asylbehörde. Oder, wenn Ihnen das lieber ist, lesen Sie sie so wie eine Schachtel voller Briefe, die in einer Ruine gefunden wurden, als Botschaften aus einer anderen Zeit, die wir abstauben und bereitwillig glauben, denn die Toten verlangen nichts von uns."

Verständnis ist angesagt

Die Toten verlangen nichts, aber die Geschichten der Lebenden, von denen Dina Nayeri hier erzählt, fordern doch etwas ein: Verständnis – für die Leerstellen in Geschichten von Traumatisierten zum Beispiel, für das Bedürfnis, die eigene Würde nicht ganz und gar aufzugeben, sogar Verständnis für Lügen.

Wer als "Beamter der Asylbehörde" liest, mag da aufschrecken: Wer lügt, wird er einwenden, hat sich selbst zuzuschreiben, dass ihn niemand willkommen heißt, dass ihr kein Glauben geschenkt wird. Nayeri aber lässt einen Lügen wie Leerstellen verstehen. Wie kann etwa der junge Mann, der sich selbst nicht eingestehen kann, homosexuell zu sein, das gegenüber einem holländischen Bürokraten tun? Einem Bürokraten, der nicht in einer homophoben Gesellschaft großgeworden ist und keine Zeit oder kein Herz hat, sich das Leben im Iran vorzustellen? Wie kann eine traumatisierte Frau von Vergewaltigungen berichten – mal eben die Scham beiseite schieben, das Verdrängen einstellen und ihre Demütigung in eine lückenlose, widerspruchsfreie Geschichte verwandeln?

Fallgeschichten machen die Traumata sichtbar

Es ist nicht leicht, überzeugend die eigene Not zu beklagen. Diese Einsicht verbindet die erzählten Schicksale miteinander, ob sie nun – in Anführungszeichen – gut ausgehen, wie die Geschichte der Autorin, die sich wie ein Chamäleon an immer neue Gesellschaften angleichen konnte, oder ob sie tragisch enden – mit der stillen Aufgabe allen Hoffens oder einem letzten Akt des Aufbegehrens.

In "Der undankbare Flüchtling" heißt es: "Wenige Tage später, am 6. April 2011, verließ Kambiz wutentbrannt Hadis Haus. ... Er nahm den Zug nach Amsterdam und ging in einen Laden, um einen Kanister Feuerzeugbenzin zu kaufen. Dann stand er mitten auf dem Dam-Platz, im Herzen der quirligen Stadt, umgeben von Cafés, Touristen und Passanten. Eine Taubenfamilie pickte auf dem Boden herum, und er dachte, selbst die Tauben finden in dieser Stadt einen Platz, wo sie eine Familie gründen können. Er hob den Kanister über seinen Kopf und goss das Benzin über seine Haare und Kleider. ... Er sagte ein Gebet, vergewisserte sich, dass niemand in seiner Nähe stand, verabschiedete sich von seiner Mutter und seinen Schwestern und riss ein Streichholz an."

Vom Privileg, in einer westlichen Demokratie geboren zu sein ...

"Der undankbare Flüchtling" von Dina Nayeri bietet beides: Raum für individuelle Geschichten von Flucht, Asyl und dem vertrackten Vorgang, den wir Assimilation nennen. Und: Raum für Allgemeines und Essayistisches. Denn die einzelnen Geschichten werden immer wieder ins Gespräch gebracht mit den Erfahrungen, die Experten der Autorin berichten, und mit Philosophen. Sie geben ein Gefühl für die Zustände, die Geflüchteten zugemutet werden: zu warten etwa, was – wie Roland Barthes schreibt – das "Vorrecht jeder Macht" ist, "jahrtausendealter Zeitvertreib der Menschheit". Zu warten also und dann: dankbar zu sein, so als sei Asyl kein Menschenrecht, sondern ein Tauschgeschäft.

Unseren Startpunkt, unsere Geburt als unumstößlich anzusehen, sei wie ein Instinkt, weiß Nayeri. "Wir halten das, womit wir anfangen, für unser Recht. Wir denken: Ich bin in den USA, in Europa oder wo auch immer geboren, und deshalb ist das mein rechtmäßiger Platz", erläutert sie. Die anderen kämen aus einem anderen, einem fremden Land, also sei das ihr rechtmäßiger Platz. "Wenn ich ihnen nun einen Platz neben mir anbiete, dann habe ich ihnen einen großen Dienst erwiesen und sollte zumindest etwas Dankbarkeit dafür kriegen."

Genau diese Idee wolle sie in ihrem Buch be- und hinterfragen. Denn niemand "verdiene" sein Geburtsland: Wenn wir Flüchtlingen die Tür öffnen, sie willkommen heißen in unserer Gemeinschaft, so Nayeri, tun wir schlicht, was richtig ist. Dafür verdiene man noch keine Dankbarkeit. Man sollte aufhören, diesen Flüchtlingen das Gefühl zu geben, dass sie dankbar sein müssten.

"Der undankbare Flüchtling“ von Dina Nayeri, übersetzt von Yamin von Rauch, ist bei Kein & Aber erschienen.

© Kein & Aber

Cover: "Der undankbare Flüchtling“ von Dina Nayeri

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