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Unternehmer im Bhagwan-Land: "Der Streik" am Schauspiel Zürich | BR24

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Die US-Autorin Ayn Rand pries 1957 den Kapitalismus und beschrieb in einem Roman, was passiert, wenn Unternehmer streiken. Nicolas Stemann macht daraus ein sehr buntes, aber allzu seichtes Schauspiel zwischen Varieté und Fernsehballett. Enttäuschend.

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Unternehmer im Bhagwan-Land: "Der Streik" am Schauspiel Zürich

Die US-Autorin Ayn Rand pries 1957 den Kapitalismus und beschrieb in einem Roman, was passiert, wenn Unternehmer streiken. Nicolas Stemann macht daraus ein sehr buntes, aber allzu seichtes Schauspiel zwischen Varieté und Fernsehballett. Enttäuschend.

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Ist der Klassenkampf ein Musical? Für den Regisseur Nicolas Stemann offenbar schon. Er hat den 1300-Seiten-Roman "Atlas Shrugged" ("Atlas wirft die Welt ab"), mit dem die amerikanische Autorin Ayn Rand den Kapitalismus als die allgemein zuträglichste Lebensform pries, in eine opulente Bühnenshow übersetzt, die vordergründig satirisch und aktuell sein will, der Widerstandsfähigkeit der Unterdrückten aber den letzten Zahn zieht.

Resignatives Fernsehballett

Stemanns Regiekonzept hat mehrere Nachteile. Erstens: Es schauen im Züricher Schiffbau eh nur die Reichen und die Bohemiens zu, denen das Leben der anderen nur rhetorisch am Herzen liegt und ansonsten wurscht ist. Zweitens: Die Bühnen-Proleten sind in Zürich seltsam schrumpfköpfige Puppen, deren "Vorwärts und nicht vergessen" zum debilen Show-Tänzchen verkümmert ist, bei dem man manchmal denkt, jetzt könnte tatsächlich so etwas wie gesellschaftlicher Wahnsinn, eine revoltierende Ironie das Zepter ergreifen – und dann verkommt das Ganze doch zu einer resignativen Fernsehballett-Einlage. Drittens: Die Unternehmer, die eine Eisenbahn quer durch Amerika bauen wollen, sich über hohe Steuerforderungen beschweren und fragwürdige Metall-Legierungen herstellen, sind in einer komplizierten Handlung ständig mit einem überflüssigen erotischen Wer-mit-wem-Spiel beschäftigt.

© Gina Folly/Schauspielhaus Zürich

Kapitalisten erobern die Welt

Andererseits schlägt Stemann dem Zuschauer mit so volkshochschulhaft-ironischer Hartnäckigkeit die angeblichen Vorteile des unternehmerischen Egoismus für uns alle um die Ohren, dass man irgendwann fast selber dran glaubt. Zu allem Überfluss hat Nicolas Stemann in einem titanenhaften Arbeitsrausch auch die Musik selber komponiert und adaptiert, immer lässig hin und her zwischen Eisler, Weill und Pop-Ballade. Anfangs glaubt man, er wolle die Dreigroschenoper links überholen.

Personen verschwinden hinter seichter Deko

Der Mensch verschwindet in Stemanns Inszenierung – es gibt zwar virtuose Schauspieler, die aber alle nur Charaktermasken mimen. Der Clou von Ayn Rands Buch, dass nämlich nichts mehr geht, wenn die Unternehmer in den Streik treten, wird von Stemann insofern artig befolgt, indem er in eine Art Theater-Streik tritt: Die gesamte dreistündige Inszenierung ist ein ungeheuer schwieriges, aufwändiges Arrangement, und die Menschen, die Personen verschwinden hinter der seichten musikalischen Dekoration wie die realen Arbeitslosen in der flott vorgelesenen Monatsstatistik.

© Gina Folly/Schauspielhaus Zürich

Schauspieler verschwinden in der Deko

Wie können es die Armen nur aushalten, arm zu sein? Keiner weiß es. Dafür wissen wir nach dieser Inszenierung sehr gut, wie die Reichen ihre Geschäfte und Liebesaffären erledigen und sich dabei gut und gesellschaftlich sinnvoll fühlen. Stemann erzählt das unter Einsatz gröbster Klischees und meint das natürlich ungeheuer kritisch. Aber die Verrenkungen der biegsamen Alicia Aumiller, die als kalte Großindustrielle Dagny Taggart mit allen Unternehmer-Kollegen was hat, gehören eher auf die Varieté-Bühne als ins Staatstheater. Dass Dagnys reicher Bruder eine Frau aus der Gosse heiratet, wirkt ebenso konstruiert wie das Gespann der feindlichen Brüder Rearden, der eine Börsenhai, der andere Gewerkschaftsführer.

© Gina Folly/Schauspielhaus Zürich

Klassenkampf-Gassenhauer

Aber Stemann schreckt ebenso wie Ayn Rand vor keiner Platitüde zurück. Die Schauspieler Matthias Neukirch und Sebastian Rudolph müssen als versierte Geschäftsmänner einen elend grauen Erdball auf die Schulter nehmen wie der einst mythische Riese Atlas, mit ihm spielen wie Chaplins großer Diktator und ihm dann die Luft ablassen. Nützt aber nichts. Die frustrierten Unternehmer ziehen sich zum großen, die Menschheit bedrohenden Streik in ein weißes Bhagwan-Land zurück, wo sie alte Klassenkampf-Gassenhauer für ihre Zwecke umschreiben. Das Unterhaltungs-Theater hat nun auch Nicolas Stemann verschluckt.

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