BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite
© Florian Gandlgruber
Bildrechte: Florian Gandlgruber

Der Münchner Architekt Florian Gandlgruber am Dachfenster seines Hauses in der Schwabinger Siegfriedstraße.

3
Per Mail sharen

    Der "Stenz" - Vom Aussterben bedroht?

    Schwabing – einst Heimat des "ewigen Stenz", Kulisse für Kult-Serien wie "Monaco Franze" und "Münchner Geschichten". Der Münchner Architekt Florian Gandlgruber versucht, sein "Schwabinger Biotop" zu erhalten und damit eine Nischenwelt zu retten.

    3
    Per Mail sharen
    Von
    • Brigitte Kornberger

    Als "Ureinwohner der Schwabinger Siegfriedstraße" bezeichnet Florian Gandlgruber sich selbst. Ein Leben lang sei er "gescheitert an dem Versuch, von hier wegzukommen". Das Grundstück, das der Urgroßvater erwarb und wo auch seine Großeltern und Eltern schon immer gelebt haben, ist bis heute der Lebensmittelpunkt des 46-Jährigen.

    Das Paradies ist da, wo man selber lebt

    Aufgewachsen ist Florian Gandlgruber in einer Schwabinger Szenerie, in der es noch genügend Nährboden gab für außergewöhnliche Menschentypen: Eine Welt aus Dachboden-Ateliers und Hinterhofkneipen, in der kunstsinnige und schräge Charaktere aufeinander trafen. Das Paradies war zum Greifen nah.

    "Paradies - das ist idealerweise dort, wo man selber lebt. Es ist aber nicht nur ein Ort. Es hat auch mit dem zu tun, was man in sich trägt - mit Sehnsucht, mit Liebe, mit Rausch … Der Rausch ist überhaupt ganz wichtig." Florian Gandlgruber

    Im Dunstkreis vom Monaco Franze und den Münchner Geschichten

    Florian Gandlgruber erinnert sich noch daran, dass seine Eltern keine Folge vom Monaco Franze verpassten, auch er selbst hat die Münchner Fernseh-Serien der 1970er und 80er Jahre förmlich in sich aufgesogen. Von Kindesbeinen an war ihm die Figur des "ewigen Stenz" vertraut.

    Schon als Schulbub hat Florian Gandlgruber dem Schauspieler Helmut Fischer aufgelauert, um von ihm ein Autogramm zu ergattern. Damals hätte er sich nie träumen lassen, dass er einmal mit ihm befreundet sein würde.

    "Dass ich Helmut Fischer eines Tages privat kennen gelernt habe, erscheint mir manchmal noch wie ein magisches, schicksalhaftes Wunder", sagt Florian Gandlgruber. "Er hat diese ganz außergewöhnliche Schwabinger Mischung verkörpert – in seiner Kunstfigur genauso wie im wirklichen Leben."

    Mit Helmut Fischer verbindet ihn nicht nur eine Freundschaft, sondern auch eine "gelebte Seelenverwandtschaft", wie er es nennt. Die Figuren und Geschichten, die Helmut Dietl in seinen Serien kreierte, sind für ihn voller Humor und Poesie. Sie haben für ihn aber gleichzeitig auch etwas Melancholisches und kommen einem durch ihre Schwächen menschlich nahe. Sie spiegeln ihm ein München, wie es sich viele heute noch wünschen würden.

    Bedrohte Paradiesvögel in einem gefährdeten Biotop

    Kann dieses München, dieses Schwabing, immer noch eine Spielwiese sein, vielleicht sogar etwas Paradiesisches haben? Die Zeichen der Zeit sprechen eine andere Sprache. Der Immobilienmarkt trägt dazu bei, dass die Stadt immer gleichförmiger und glattgebügelter wird, dass die Nischen mehr und mehr verschwinden, findet Florian Gandlgruber.

    "Die Facetten, die mein Biotop ausmachen, entspringen dem Unfertigen, dem Improvisierten. Das Paradies ist auch die Summe der vielen Eigenarten, verkörpert durch Menschentypen. Wenn das Paradies bedroht ist, verschwinden irgendwann auch die Paradiesvögel." Florian Gandlgruber

    Oasen in der Stadt-Wüste

    In seinem Beruf als Architekt hat Florian Gandlgruber die Möglichkeit, die Wirklichkeit mitzugestalten. "Alles außer gewöhnlich" lautet dabei sein Credo. In Form kleiner Inseln will er Gegenwelten zum Mainstream erschaffen, Räume zum Leben erwecken. Das ganz aus Kupfer gestaltete Foyer des Jugendstil-Palais am Münchner Lenbachplatz ist ein Beispiel dafür. Ebenso die gegenüberliegende Champagner-Bar, die er der einstigen Filmproduzentin Ilse Kubaschewski gewidmet hat.

    Wer die Bar betritt, soll das Gefühl haben, in eine Art Sinnesrausch einzutauchen. "Wenn das eigentliche Biotop, das so eine Stadt sein sollte, ein bisschen zur Wüste wird, kann ein Lokal wie eine Oase sein", sagt Florian Gandlgruber.

    Schwabinger Lieblingsort: Die Rheinpfalz

    Anfang des Jahres 2021 war das Ende der Künstlerkneipe Rheinpfalz in der Schwabinger Kurfürstenstraße bereits besiegelt. 50 Jahre lang war Hans Karp alias "Tschowanni" hier der Wirt. Nach dem großen Schwabinger Kneipensterben ist die Rheinpfalz eine der letzten Adressen ihrer Art. Für Florian Gandlgruber ein Ort des Austausches und der angeregten Diskussionen, eine Art Wohnzimmer für den Geist.

    Vor allem aus Freundschaft zu dem inzwischen 77-jährigen Wirt hat sich der "Prinzregent" – wie Florian Gandlgruber von seinen Freunden in Anlehnung an eine Filmszene aus den "Münchner Geschichten" genannt wird – dafür eingesetzt, die Rheinpfalz zu retten. Mit Hilfe prominenter Künstlerinnen und Künstlern und Schauspielerinnen und Schauspielern ist es ihm gelungen, dass der Pachtvertrag verlängert wurde und das Lieblingslokal fortbestehen kann.

    Rettende Oase im Artensterben

    Tschowanni ist glücklich darüber, dass er mit seinem Lokal weiterhin Teil der "Schwabinger Artenvielfalt" sein darf, wie er es nennt. "Für einen vom Aussterben bedrohten Schwabinger wie mich ist die Rheinpfalz ein ganz wichtiger Ort", sagt Florian Gandlgruber.

    Die Veränderungen in der Stadt wird er nicht aufhalten können. Doch er wird sich nicht aufhalten lassen in seinem Vorhaben, alte Oasen zu retten und im Kleinen sogar neue Paradiese zu erschaffen.

    "Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!