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"Der starke Stamm" bringt kantiges Bairisch auf die nackte Bühne | BR24

© Sandra Then/ Residenztheater

Ländliches Begehren, frostige Feindseligkeit: "Der starke Stamm" am Residenztheater München

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"Der starke Stamm" bringt kantiges Bairisch auf die nackte Bühne

Hier fletschen alle die Reißzähne, sogar beim Leichenschmaus: Julia Hölscher inszeniert am Residenztheater München Marieluise Fleißers erbarmungsloses Volksstück "Der starke Stamm" – mit Konsequenz, Klarheit und Klasse.

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Ein riesiges Scheunentor trennt die Bühne in ein Drinnen und ein Draußen, ein Davor und ein Dahinter. Jenseits dieser Trennwand ballen sich in Marieluise Fleißers "Der starke Stamm" am Residenztheater München mal Nebelschwaden, mal regnet es in Strömen. Eine kalte, unwirtliche Welt. Diesseits des Tores, auf dem zum Zuschauerraum hin abfallenden Bretterboden, ist es freilich kaum wärmer. Es herrscht eine frostige Feindseligkeit zwischen den Angehörigen des Familienstammes um den Sattlermeister Leonhardt Bitterwolf, der gerade seine Frau verloren hat. Noch beim Leichenschmaus geht der Streit um die Hinterlassenschaften der Verstorbenen los, melden die Verwandten Begehrlichkeiten an.

Kantiges Kunstbairisch und nackte Bretterbühne

So könnte ein Bauernschwank losgehen. Doch Marieluise Fleißers Volksstück fehlt jedwede Komödienstadl-Seligkeit. Allein schon die Sprache hat so gar nichts Gemütliches – ein kantiges Kunstbairisch –, und zu den Stärken von Julia Hölschers starker Inszenierung des "starken Stamms" zählt die Sorgfalt, mit der das Ensemble dieses Idiom behandelt. Die Schauspielerinnen und Schauspieler machen es sich eben nicht in naturalistischer Mundart bequem, sondern verleihen den Fleißerschen Sätzen eine Härte, die sie zugleich archaisch kraftvoll und artifiziell karg erscheinen lässt, was gut zu der nackten Bretterbühne passt.

© Sandra Then/ Residenztheater

Kantig und bairisch: Chance auf sozialen Aufstieg

Robert Dölle, zuerst im schlecht sitzenden, rabenschwarzen Beerdigungs-Anzug, später im Unterhemd unter Hosenträgern spielt den Sattlermeister Bitterwolf so, wie er heißt: als verbitterten Wolf, voller Ingrimm, der zeitweilig einem grimmigen Sarkasmus seiner Schwägern Balbina gegenüber weicht, die nicht nur die Leibwäsche seiner verstorbenen Gattin haben möchte, sondern deren Platz einnehmen will. Bitterwolf aber spannt lieber dem eigenen Sohn die Magd Annerl aus, die sich ihrerseits nur auf ihn einlässt, weil sie die Chance auf sozialen Aufstieg wittert. Bitterwolf lässt Balbina abblitzen und freut sich boshaft über die Schwierigkeiten, in denen sie wegen dubioser Geschäfte steckt. Zu spät erkennt er, dass er mit in der Sache drin hängt und am Ende der eigentlich Gelackmeierte ist.

© Sandra Then/ Residenztheater

Wölfe fletschen die Reißzähne: Alle sind hier "räudige Raubtiere"

Marieluise Fleißers Stück handelt davon, dass der Mensch des Menschen Wolf ist. Nicht zufällig heißt die Hauptfigur Bitterwolf und ist im Stück auch sonst immer wieder von Wölfen die Rede. Aber Fleißer zeigt nicht nur, wie diese Wölfe die Reißzähne fletschen. Genau besehen hat sie recht räudige Raubtiere geschaffen, die einfach nur um ihr Überleben kämpfen. Die Welt ist eine Wildnis, bestehen kann nur, wer frisst, ehe er selber aufgefressen wird. Und so ist der größte Fehler von Fleißers Figuren nicht ihre Habsucht, sondern ihre Unfähigkeit, Solidarität im Rudel zu finden. Besonders deutlich wird das an der Balbina, wie Katja Jung sie spielt: nicht als gierige Geschäftemacherin, sondern als lakonische Pragmatikerin.

Konsequenz und Klarheit mit Klasse

Julia Hölschers inszeniert dieses Stück kritischen Volkstheaters metiersicher. Wie ihr anfänglich nüchterner Blick auf die Figuren allmählich einer empathischeren Betrachtungsweise weicht, ehe die Aufführung in einem Finale voll galligem Humor mündet – das schafft einen tragfähigen Spannungsbogen. Dabei bewegt sich Hölscher im Rahmen der Aufführungskonvention. Einen Theater-Innovationspreis wird sie mit dieser Inszenierung sicher nicht gewinnen. Aber die Konsequenz und Klarheit, mit der sie diesen starken Stamm auf die Bühne pflanzt, hat Klasse.

Wieder am 25. und 26. Januar, sowie 2. und 6. Februar 2020 am Residenztheater München, weitere Termine.

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