BR24 Logo
BR24 Logo
Kultur

Der Schriftsteller und Fußballdichter Ror Wolf ist tot | BR24

© dpa/picture-Alliance

Der Schriftsteller, Collagenkünstler und Hörspielautor Ror Wolf ist gestorben

Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Der Schriftsteller und Fußballdichter Ror Wolf ist tot

Der Schriftsteller, Lyriker und Hörbuchautor Ror Wolf ist gestern im Alter von 87 Jahren in Mainz gestorben, wie jetzt der Schöffling Verlag mitteilte. Berühmt wurde er durch seine Fußball-Dichtungen und Hörstücke.

Per Mail sharen
Teilen

Ror Wolf, der Fußballpoet und konsequente Verteidiger des gereimten Gedichts, ist gestern mit 87 Jahren in Mainz gestorben. Ror Wolf wurde 1932 in Saalfeld in Thüringen unter dem Namen Richard Georg Wolf geboren. 1953 floh er in den Westen. Die letzten 30 Jahre seines Lebens verbrachte der Dichter, Hörspielautor und Collagenkünstler auf dem Mainzer Kupferberg.

Ror Wolfs populäre Fußball-Hörstücke

1963 wurde Ror Wolf freier Schriftsteller. In den früher 70ern begann er mit der Montage von Fußball-Hörstücken. "Die Welt ist nicht Fußball, aber im Fußball steckt eine ganze Menge Welt", sagte er und das wurde zu einem geflügelten Wort. Einige seiner wichtigsten Hörspiele, "Schwierigkeiten beim Umschalten", "Merkwürdige Entscheidungen", "Der Ball ist rund" sind in den 90er-Jahren für den Südwestrundfunk entstanden.

"Virtuose des Verschwindens"

Vom Fußball nahm er in den 90er Jahren seinen Abschied, es sei dazu alles gesagt, meinte er. Den Lyriker, Prosaautor, Collagenkünstler kann man seitdem in Büchern entdecken wie: "Nachrichten aus der bewohnten Welt", "Raoul Tranchirers Enzyklopädie für unerschrockene Leser". Es wimmelt darin von Sonetten, Balladen, Moritaten. Das Spiel mit Gattungsbegriffen, Genres, mit Ortsnamen und mit den Wetterverhältnissen kehrte in seinen Gedichten immer wieder. Die Welt ist ungeordnet, die Helden Wolfs scheitern an ihr mit Ansage – das macht Ror Wolfs Werk komisch und verzweifelt gleichzeitig. Unter den Schriftstellern der Gegenwart ist er ein höchst respektierter Einzelgänger.

2001, mit fast 70 Jahren erkrankte Ror Wolf an Krebs. Der Ton der Gedichte wurde düsterer, eins seiner Bücher hieß "Vorzüge der Dunkelheit – ein Horrorroman". Ror Wolf wurde als "Virtuose des Verschwindens" bezeichnet – seine Helden und der Autor teilten das Schicksal, sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. Der Schöffling Verlag in Frankfurt nahm sich in den letzten Jahren des Werks an und gibt sogar eine neue, eine zweite Werkausgabe heraus. Der Nachlass Wolfs wurde noch zu Lebzeiten dem Marbacher Literaturarchiv übergeben. Es seien einige bedeutende Briefwechsel dabei, heißt es. Noch in der letzten Zeit arbeitete Ror Wolf an seiner Autobiografie.

Viele Auszeichnungen

Der Georg K. Glaser-Preis des SWR und des Kulturministeriums in Mainz war der letzte, den er selbst annehmen konnte, es folgten Günter Eich-Preis in Leipzig, Schiller-Preis in Stuttgart, 2018 den Rainer Malkowski-Preis in München. In der berührenden Preisrede dafür las Ror Wolf ein bis jetzt unveröffentlichtes Gedicht über Hans Waldmann, sein lyrisches Alter Ego. Waldmann, das ist der Held des permanenten Abschieds, Gedichte über ihn hören sich immer an, als wären es die letzten. Dass es jetzt keine weiteren letzten Gedichte von Ror Wolf über ans Waldmann mehr geben wird, ist traurig.

Ror Wolf-Klassiker auf Bayern 2

  • "Leben und Tod des Kornettisten Bix Beiderbecke aus Nordamerika": Bix Beiderbecke, 1903 in Davenport am Mississippi als Sohn wohlhabender Eltern geboren und 1931 als 28-jähriger auf Long Island in elenden Verhältnissen gestorben, gilt heute als der erste große "Cool-Solist des Jazz" und als herausragender Vertreter des Chicago-Stils. Im Hörspiel fahren drei von Beiderbeckes Zeitgenossen den Mississippi-Strom aufwärts zu seinem Geburtsort und erzählen sich die Geschichte seines Lebens – auf einem der Flussdampfer, deren Bands ihm einst die ersten Jazz-Rhythmen ans Ohr getragen haben. Am Samstag 15:05 Uhr hören Sie auf Bayern 2 diesen absoluten Ror Wolf Klassiker: "Leben und Tod des Kornettisten Bix Beiderbecke aus Nordamerika" (SWF/HR/NDR/WDR 1986, 73 Min).
  • "Das langsame Erschlaffen der Kräfte": Ein Vierteljahrhundert, nachdem die letzte der abenteuerlustigen Expeditionen ins Reich des Fußballs produziert worden ist, begeben sich Ror Wolf und Jürgen Roth mit "Das langsame Erschlaffen der Kräfte" auf eine - abschließende - Radio-Reise in die Gefilde des Fußballs. In sechs Kapiteln erzählen sie an Hand von collagiertem Sprachmaterial von Aufschwüngen und Abstürzen, von der Zermürbung. Und schließlich, vom Versiegen der körperlichen und sprachlichen Kräfte. Dabei knüpfen sie an formale Verfahren an, wie sie in den Hörstücken der siebziger Jahre entwickelt wurden, und gehen zugleich über sie hinaus. Denn am Ende geht es nicht nur im Fußball, um die "Kunst des Aufhörens".
  • "Der große Unbekannte" von Ror Wolf, gelesen von Thomas Loibl. läuft Sonntag 14:05 Uhr auf Bayern 2 in den radioTexten.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!

Aktuelle Debatten, neue Filme und Ausstellungen, aufregende Musik und Vorführungen ... In unserem kulturWelt-Podcast sprechen wir täglich über das, was die Welt der Kultur bewegt. Hier abonnieren!