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Wer sind "Monster wie wir"? Im gleichnamigen Roman fürchtet sich Protagonistin Ruth vor einem Vampir, statt über ein reales Monster zu sprechen.

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Der Roman "Monster wie wir" ist eine Sinfonie über das Schweigen

Ihren ersten Roman widmet Ulrike Almut Sandig einem Thema, das meist Schweigen auslöst: Kindesmissbrauch. Im Interview spricht sie darüber, wie irreale und echte Monster nicht nur Schrecken verbreiten, sondern auch stark machen können.

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Von
  • Christoph Leibold

Die Lyrikerin Ulrike Almut Sandig arbeitet vor allem mit Sounds, Geräuschen, Musik. Es falle ihr daher schwer, sagt sie, sich als Schriftstellerin zu bezeichnen. Eine Klangkünstlerin nennt sie folgerichtig der Verlag Schöffling und Co., in dem nun Sandigs erster Roman erscheint: "Monster wie wir”. Christoph Leibold hat mit der Autorin über ihr Debüt gesprochen.

Christoph Leibold: Wenn Gedichte eher wie Lieder sind, wie Songs vielleicht, was ist dann ein Roman? Sowas wie eine Sinfonie?

Ulrike Almut Sandig: Tatsächlich habe ich für diesen Roman lange als Arbeitstitel "Mondscheinsonate" gehabt, und dann war es irgendwann eine Sinfonie vom Mond. Mit der Sinfonie kann ich auf jeden Fall viel anfangen.

Über den Zusammenhang von Literatur und Musik sprechen wir gleich noch, zunächst aber mal zum Inhalt Ihres Romans. Es geht im Kern um Ruth und Viktor, die als Kinder in der späten DDR aufwachsen, Ruth als Pfarrerstochter, Viktor ist Ukrainer und Sohn eines Offiziers der sowjetischen Besatzer. Ruth und Viktor sind so etwas wie Sandkastenfreunde, entwickeln sich aber sehr unterschiedlich. Ruth wird später Pianistin. Viktor verwandelt sich als Jugendlicher in einen Neonazi, geht aber dann verrückterweise als Au-pair nach Südfrankreich. Und: Beide werden als Kinder sexuell missbraucht, Ruth vom Großvater; Viktor vom Mann der Schwester. Und wie es erschreckenderweise in solchen Fällen ist: Sie finden keinen Weg aus dem Schweigen darüber, was ihnen angetan wird. Trotz dieses in solchen Fällen wohl gängigen Verhaltens wollten Sie keinen gängigen Missbrauchs-Roman schreiben, der in erster Linie aufklärerisch wirken soll, oder?

Nein, ich wollte vor allem einen Roman über den Zusammenhang von gesellschaftlich strukturierter Gewalt und sexualisierter Gewalt in Familien herstellen. Ich glaube, ich wollte schauen, wie sich das Kleine im Großen zeigt und das Große im Kleinen. Ich habe vor allem keine Lösung dafür. Deswegen kann es schon mal gar nicht aufklärerisch sein.

Wie ich Ihr Buch gelesen habe, ist es auch ein Roman über das Verdrängen, über das, was unausgesprochen bleibt in Familien – nicht nur der sexuelle Missbrauch, sondern zum Beispiel auch vieles in der Ehe der Eltern von Ruth, wo vieles im Argen liegt, aber unter der Decke gehalten wird.

Ja, das scheint so ein bisschen das Erbe des 20. Jahrhunderts zu sein, oder mindestens das Erbe des Zweiten Weltkriegs, dass nämlich die weiblichen Seiten der Familie gelernt haben, dass das Schweigen eine Art ist, sich und die Familienangehörigen sicher zu halten. Es gibt fast keinen Roman über Missbrauch oder überhaupt familiäre Gewalt, in dem das Schweigen keine Rolle spielt. Ich weiß nicht so genau, ob das was Deutsches oder ob das einfach die Epoche ist.

Wenn ich den Titel nehme – "Monster wie wir" – das könnte natürlich zum einen auf das Monströse anspielen, das Menschen "wie wir", also gewöhnliche Menschen, anderen anzutun in der Lage sind. Es geht aber in Ihrem Roman auch immer wieder konkret um Monster. Ruth fürchtet sich vor Vampiren. Das könnte für die Dämonen stehen, die die Menschen zu verdrängen versuchen, die sie aber unweigerlich einholen. So wie der Vampir unfehlbar um Mitternacht erwacht.

Auf jeden Fall ist der Vampir, vor dem sich Ruth fürchtet, natürlich nicht der Vampir, sondern sie fürchtet sich einfach vor ihren eigenen Erinnerungen. Es ist tatsächlich so, dass Opfer von Gewalt, aber auch speziell Opfer von sexualisierter Gewalt, oft erst – weil das Gehirn sich natürlich schützt vor den schlimmsten Erinnerungen – in der Mitte des Lebens anfangen, sich wirklich zu erinnern. Und weil die Erinnerung etwas ist, was sich wie Knete immer wieder verbiegen kann und trotzdem immer wieder dasselbe erzählt, erinnert sich Roth eben nicht an das, was ihr passiert ist, sondern sie erinnert sich an Vampire. Aber trotzdem ist die Monster-Idee für mich noch ein bisschen weiter gefasst, denn ich stelle mir Monster auch als was Stärkendes vor, als einen Golem, der einen durch die Zeit bringt und stark macht.

Man soll Autori*nnen ja nicht mit ihren Figuren verwechseln. Aber wie Ruth sind Sie die ersten Jahre Ihres Lebens in der DDR aufgewachsen. Sie sind wie Ruth Pfarrerstochter. Und Ihr Bandprojekt "Landschaft" betreiben Sie mit einem Dichter und Musikerkollegen, der Ukrainer ist wie Viktor. Gibt's da in Ansätzen doch so etwas wie ein Schöpfen aus dem eigenen Erleben?

Klar, diese Zeit und der familiäre Hintergrund von Ruth ist natürlich die Perspektive, aus der ich am leichtesten erzählen kann. Gleichzeitig wurde das, je tiefer ich in die Materie eingestiegen bin, umso schwerer. Aber ich habe festgestellt, dass viel von mir eher in Nebenfiguren drin steckt, also nicht speziell in Ruth, sondern im ganzen Buch.

© Cover "Monster wie wir" von Ulrike Almut Sandig
Bildrechte: Cover "Monster wie wir" von Ulrike Almut Sandig

© Schöffling & Co. / Montage BR

Mit dem Bandprojekt "Landschaft" werden Ihre Gedichte Lieder. Wie ist es mit der Sprache des Romans? Inwieweit haben Sie da auch Musikalität gesucht?

Beim Klang tatsächlich hier und da, weniger bewusst oder konzeptionell, als dass mir das einfach unterläuft. Gerade im ersten Teil, der aus Ruths Perspektive erzählt ist. Weil Ruth ein musikalisch hochbegabtes Kind ist, das sehr viel über Geräusche und Musik wahrnimmt, hat sich das natürlich in der Erzählweise dieses ersten Teils widergespiegelt, der, glaube ich, auch melodiöser ist als alles, was danach folgt.

Das Buch spielt in den letzten Jahren der DDR und in der Nachwendezeit sowie in der Provence. Aber es gibt auch einen Bayernbezug. Nicht in der Handlung, aber am Schluss steht eine Danksagung an die Villa Concordia in Bamberg. Verraten Sie uns den Hintergrund.

Der Hintergrund ist der, dass sich vor vielen Jahren, 2012 mag das gewesen sei, einen Versuch gemacht habe, diesen Roman zu schreiben. Und ich bin eigentlich am Thema erst mal gescheitert. Das Thema der sexualisierten Gewalt ist für mich so deutlich geworden. Ich habe gemerkt, okay, es geht sehr viel in diesem Roman darum, und ich kann das jetzt nicht schreiben. Meine Tochter ist zu klein, ich bin zu weichgespült im Moment, um das zu schreiben. Dann hab ich den Roman liegengelassen und hatte dann aber 2017 und 2018 ein Aufenthalts-Stipendium in Bamberg in der Villa Concordia. Da durfte ich wieder anfangen zu schreiben. Das hätte ich nie machen können, wenn es nicht möglich gewesen wäre, meine Tochter, die inzwischen älter war, mitzunehmen. Denn es gibt sehr viele Künstlerhäuser für Autoren und Autorinnen, in denen es leider nicht möglich ist, die Familie mitzunehmen. Und dadurch müssen Autorinnen und Autoren, die Familie haben, das meistens absagen. Hier war es nicht der Fall. Ich konnte meine Tochter mitnehmen. Ich konnte diesen Roman dann endlich wirklich anfangen, dafür bin ich sehr dankbar.

Ulrike Almut Sandig, "Monster wie wir", erscheint am 21. Juli beim Verlag Schöffling & Co.

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