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Der neue Roman der Buchpreis-Kandidatin Christine Wunnicke | BR24

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Der Roman erforderte einiges an Vorarbeit, an Telefonaten nach Indien, Bibliotheksbesuchen, aber auch viel Internetrecherche.

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Der neue Roman der Buchpreis-Kandidatin Christine Wunnicke

Christine Wunnicke wurde gerade eben für den Deutschen Buchpreis 2020 nominiert. Mit "Die Dame mit der bemalten Hand" ist ihr ein fantastischer und leicht abgedrehten Roman gelungen – über Sternbilder und eine west-östliche Forschergruppe.

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"Ich habe wirklich in der U-Bahn auf eine Reisebüro-Werbetafel ein Foto von diesen Instrumenten in Jaipur gesehen und habe wie immer, wenn ich das sehe, gedacht: Was ist das für eine Minigolf-Bahn? Und dann hab ich gedacht, das ist wohl das tolle Observatorium in Jaipur. Und dann bin ich irgendwie mit der S-Bahn gefahren und habe gedacht: Jetzt tu ich Jaipur zum Niebuhr dazu."

So kam Christine Wunnicke in der S-Bahn zu ihrer neuesten Geschichte, um den Forschungsreisenden Carsten Niebuhr und den Astronomen Musa. Wieder mal ein abgedrehter Roman, mit dem uns Wunnicke beglückt. Seit Jahren sind wir unterwegs in ihren ganz besonderen Welten, gern von Europa nach Asien, gern ins 18 Jahrhundert. Gern verführt sie uns mit unglaublichen Figuren, erzählt von Japan, von Indien, Arabien und ja von Hollywood, erfindet Männer, die sich in 15-jährige Mädchen verwandeln, um das Internet zu erforschen und erzählt das Leben eines Kastraten.

"Ein Buch von Leuten, die sich irgendwie anständig benehmen"

In ihrem neuen Roman geht es um Sternbilder, um Elephanta, eine Insel unweit Bombays oder Mumbais, um Jaipur und um eine kleine west-östliche Forschergruppe angeführt vom schon erwähnten Carsten Niebuhr, einem Mathematikus, der sich zunächst gern in Göttingen rumtreibt und dann auf eine Reise nach Arabien macht, um Beweise für die Wahrheiten in der Bibel zu sammeln. Dabei trifft er auf Meister Musa, einem persischen Gelehrten bewandert in Sternenkunde, welcher wahrlich exzellente Astrolabien zu bauen durchaus im Stande ist. Dazu kommen noch ein paar Indien erprobte, irgendwie bekloppte Engländer, die unsere Forscherschar zu lateinischer und ja auch englischer Konversation verführen. "Das habe ich beim Schreiben gar nicht so gemerkt, aber das ist wirklich ein Buch von Leuten, die sich irgendwie anständig benehmen", sagt Christine Wunnicke. "Sowohl die Protagonisten, sogar diese furchtbaren Engländer, die echt kolonial daherkommen. Selbst die haben dann irgendwie Kinderstube und stellen keine blöden Fragen und machen, was von ihnen erwartet wird."

In vielfacher Hinsicht fantastisch – und auch sprachlich genau

Durchaus - und man bemüht sich stets miteinander auszukommen. Der Europäer, so wird Niebuhr oft genannt, spricht etwas arabisch und auch Meister Musa schnappt so diesen oder jenen deutschen Satz auf: "Ik will nicht" zum Beispiel. Christine Wunnicke ist mit "Der Dame mit der bemalten Hand" ein in vielfacher Hinsicht fantastischer, auch sprachlich genauer Roman gelungen, der einiges an Vorarbeit erfordert hat, an Telefonaten nach Indien, Bibliotheksbesuchen, aber auch viel Internetrecherche. Die abgedrehtesten Bücherquellen gebe es inzwischen im Netz, sagt Wunnicke. Alles klar, aber wie wird aus dieser Unmenge an Material der Roman?

Sie bilde sich ein, sagt Wunnicke dass "alles total nichts als die Wahrheit ist" und eine echte Szene und auch nichts Metaphorisches, "sondern richtig faktisch so, als wenn ich daneben sitze oder so. Ich schreibe eine Seite und dann korrigiere die 100.000 Mal." Und eine Genauigkeit käme erst beim Korrigieren: "Also, wenn ich mir vorher zu viel überlegt, dann geht das nicht."

Beim Schreiben musste sie bei vielen Stellen kichern

Bei all dem Eintauchen in dieses west-östliche Wunderland, wird, so Christine Wunnicke, auch viel gestorben. Carsten Niebuhr, der, ja man muss es so sagen, Teile seiner kleinen Reisegruppe, mit der er aus Europa aufgebrochen ist durch Tod verliert, erbt sozusagen deren Expertisen, muss zwangsläufig zum Allrounder werden, zum Naturkundler, zum Zeichner, zum Sprachwissenschaftler. Christine Wunnicke ist eine gelehrte Fabuliererin und sie schafft es einmal mehr uns zu entführen in eine Welt zwischen Aleppo, Jaipur, Persepolis und Hindustan, in der die Beschreibung des Verbindenden der Kulturen nicht zur literarischen Phrase verkommt. Hinter allem lauert eine ganz große Portion trockener Humor. Gelegentlich vermeint man die Autorin leise kichern zu hören. Ja, bei manchen Sachen habe sie wirklich gekichert, gesteht Christine Wunnicke. "Ich habe zum Beispiel immer, wenn ich einen Sanskrit-Satz schreiben durfte, schon vorher gekichert, weil das einfach Spaß macht, einen Satz in Sanskrit auf Deutsch nachzustellen."

Was ist erfunden, was ist historisch verbürgt? Auch das ist in "Die Dame mit der bemalten Hand" nicht immer auszumachen. Aber wir können uns selbst auf weitere Lesereisen machen. Wie war das nochmal mit Karl von Linne? Sollte man mal wieder nachschlagen. Und Carsten Niebuhr könnte man auch mal wieder lesen "Reisebeschreibung nach Arabien" zum Beispiel.

Christine Wunnicke, "Die Dame mit der bemalten Hand", 168 Seiten, auch als E-Book erhältlich, erscheint im Herbst 2020 im Berenberg Verlag.

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