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So nutzte Ernst Ludwig Kirchner die Fotografie als PR-Mittel | BR24

© Museum der Moderne Salzburg

Ernst Ludwig Kirchner: Bauerntanz im Obergeschoss des Hauses "In den Lärchen" mit Selbstporträt links

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So nutzte Ernst Ludwig Kirchner die Fotografie als PR-Mittel

Die aufkommende Fotografie empfand mancher Maler als bedrohlich. Anders der Expressionist Ernst Ludwig Kirchner: Eine Ausstellung zeigt nun, wie die Fotografie seine Malerei inspirierte – und wie geschickt Kirchner sie zur Selbstvermarktung nutzte.

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Eins ist sicher: Der Maler und Bildhauer Ernst Ludwig Kirchner erfährt mit der aktuellen Salzburger Ausstellung, um damit buchstäblich im Bild zu bleiben, völlig neue Belichtungen. Kirchner, das Genie expressionistischer Farbräusche, kennt man vorwiegend als hypernervösen Künstler. Kirchner, der Drogenkonsument, der Morphinist mit zahlreichen Aufenthalten in Sanatorien, der nach den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs einen Nervenzusammenbruch erlitt und ein gebrochener Mensch zu sein schien und der sich 1938, nachdem die Nazis ein Jahr zuvor seine Werke in der Ausstellung „Entartete Kunst“ diffamiert und viele davon zerstört hatten, bei Davos eine Kugel ins Herz jagte.

Kirchner hielt seine Kunst auch selbst für genial

Die Präsentation "Der Maler als Fotograf" zeigt Kirchner nun als einen anderen. Einen, der sehr genau wusste und kalkulierte, wie er seine Kunst, die er selber für genial hielt, vermarkten konnte - mit Hilfe der Fotografie. Schon früh, 1908, da war Kirchner achtundzwanzig, wurde er im Zuge seiner Bekanntschaft mit der Fotografin Emy Frisch, der späteren Ehefrau Karl Schmidt-Rottluffs, auf das Medium Fotografie aufmerksam. In seinen Ateliers in Dresden und Berlin, aber auch bei den Aufenthalten auf der Ostseeinsel Fehmarn entstehen zahlreiche Situationsbilder, Porträts und Landschaftsaufnahmen. Und Kirchner beginnt mit einem Kapitel, das kaum bekannt ist, der gezielten Dokumentation seines eigenen künstlerischen Werkes.

Minutiös lichtet er Gemälde und Plastiken ab und gestaltet so ein umfangreiches Bildarchiv, das er zum Marketing seiner Kunst nutzt. "Das tut er, indem er einerseits als Kunstkritiker auftritt, und zum anderen auch versucht, die Veröffentlichung von seinen Werken zu kontrollieren", sagt Thorsten Sadowsky, der bis vor kurzem das Kirchner Museum in Davos leitete und nun Direktor des Salzburger Museums der Moderne ist. "Und das tut er unter anderem über Fotografie, wo er genau festlegt, welche Abbildung von ihm in welchen Kunstzeitschriften und in welchen Medien präsentiert werden können."

Fotografie zur Selbstinszenierung ...

„Für Reproduktionen muss das Foto klar, scharf und hart sein“, notiert Kirchner 1930 in einem Brief. Er legt riesige Fotoalben an, eins davon ist in der Ausstellung zu sehen, und warnt seine Umwelt: „Nennen Sie mich nie wieder Expressionist! Ich bin eine Fabrikmarke.“ Unter dem Pseudonym Louis de Marsalle verfasst er lobende Rezensionen über seine eigene Kunst. Die Schwarzweiß-Fotografie hilft ihm dabei, die Farbintensität seiner Gemälde zu kontrollieren. Darüber hinaus nutzt Kirchner Fotografie auch zur gezielten Selbstinszenierung. So schafft er in den Berliner Ateliers in Wilmersdorf und Friedenau und in Dresden erotische bis exotische Szenarien, wahre Performances, in denen er sich seiner Rolle als Avantgardekünstler vergewissert, darunter Aktaufnahmen seiner schwarzen Modelle Milly und Sam und der Tänzerin Nina Hard.

Im Gegensatz zu vielen anderen Malern, bei denen mit der neuen Dominanz des Mediums Fotografie auch Ängste einhergingen, die Malerei könnte bald obsolet werden, sieht Kirchner das Medium als Befreiung. Ein Eintrag in seinem Tagebuch 1926 formuliert die Überzeugung, die Fotografie habe die Malerei für ihre eigentliche Bestimmung freier gemacht. Malerei sei nun mal nicht dazu da, die Natur zu kopieren.

Derweil experimentiert Kirchner selber mit dem angeblich der Realität gegenüber so objektiven Medium, durch Doppelbelichtungen, Überlagerungen, Unschärfen und schafft so neue Deutungsebenen. Sein Selbstporträt als Soldat von 1915 zeigt einen Mann, dessen Kopf in der Überbelichtung förmlich verschwimmt, verschwindet. Fast könnte man hier an Arbeiten Gerhard Richters erinnert werden. Aufschlussreich ist auch, dass Ausstellungsfotografien Kirchners existieren von Werken, die die Nazis später zerstörten oder enteigneten. Für die Provenienzforschung von unschätzbarem Wert.

... und als Inspiration für die Malerei

Nicht zuletzt wird Fotografie, vor allem im Spätwerk, in dem Kirchner noch einmal einen radikalen Stilwechsel hin zu einer flächigen kubisch veranlagten Kunst vollzieht, endgültig zur Inspiration für seine Malerei. "Da gibt es dann einen ganz klaren fotografischen Ansatz, den Kirchner dann in seiner Malerei umgesetzt hat", sagt Thorsten Sadowsky. "Er hat von einer jungen Frau, einer Reiterin, die er fotografiert hat in der Nähe seines Wohnhauses, hat er aus drei verschiedenen Ansichten versucht, ein Gemälde zu komponieren, was eben diese drei Ansichten in der Fläche zusammenbringt. Und wir haben, das Kirchner-Museum hat vor einiger Zeit diese ganze fotografische Serie zur Verfügung gestellt bekommen. Da konnten wir sehr genau nachvollziehen, das die Fotografie in gewisser Weise die Idee zu diesem Bild gestiftet hat. Und da kann man deutlich sagen, die Fotografie ist die Inspiration für die Malerei."

Die Ausstellung "Ernst Ludwig Kirchner. Der Maler als Fotograf" ist bis zum 16.6. im Salzburger "Museum der Moderne" zu sehen.

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Autor
  • Barbara Bogen
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