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Bildrechte: Peter Litvai/Landestheater Niederbayern

Orientiert sich Markus Söder in der Pandemie mit Ultraschall, wie die Fledermäuse? In Passau kam die Erfolgsoperette von Johann Strauss als deftige Satire auf die Corona-Krise auf die Bühne - in sehr kleiner Band-Besetzung und mit ganz viel Abstand.

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Der "Mäzen" macht zehn Euro locker: "Fledermaus" in Passau

Orientiert sich Markus Söder in der Pandemie mit Ultraschall, wie die Fledermäuse? In Passau kam die Erfolgsoperette von Johann Strauss als deftige Satire auf die Corona-Krise auf die Bühne - in sehr kleiner Band-Besetzung und mit ganz viel Abstand.

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Von
  • Peter Jungblut

Wenn alle Corona-Wellen eines Tages verebbt sind, spätestens dann dürfte die Springflut einsetzen, nämlich all der Filme, Serien, Bücher und Theaterstücke über die Pandemie, vor denen sich mancher Kulturkritiker schon jetzt mehr fürchtet als vor der Seuche. Und dagegen gibt es garantiert keine Impfung, denn natürlich wollen Künstler aller Sparten den weltweiten Ausnahmezustand für sich persönlich und für die Allgemeinheit irgendwie bewältigen, ist ja eine ihrer Aufgaben.

Im Kaffeehaus "zartbitter"

Das Landestheater Niederbayern legte schon mal kräftig vor, bei der Premiere der "Fledermaus". Ganze fünf Musiker saßen im Graben, darunter vier Streicher und am Klavier der Dirigent Basil H.E. Coleman. Das klang natürlich nicht wie Operette, eher wie ein Nachmittagskränzchen in einem gediegenen Kaffeehaus, etwas wehmütig, etwas verrucht, zartbitter sozusagen. Und die elf Solisten oben auf der Bühne hatten alle Hände voll zu tun, die Abstände und die Hygiene-Vorschriften einzuhalten, was Regisseur und Intendant Stefan Tilch gleich zum Regiekonzept machte.

© Peter Litvai/Landestheater Niederbayern
Bildrechte: Peter Litvai/Landestheater Niederbayern

Rotlichtmilieu: Ballatmosphäre in der "Fledermaus"

Die titelgebende Fledermaus, als Mundschutz und Luftballon präsent, kam direkt aus dem chinesischen Wuhan, und tatsächlich gelten die nachtaktiven Tiere ja als mögliche Quelle des Corona-Virus, wie auch ausführlich im Programmheft nachzulesen war, die entsprechenden Anspielungen waren also zumindest nicht allzu weit hergeholt. Dass sich die Solisten einige deftige Seitenhiebe auf die vergleichsweise minimale Kulturförderung während der Pandemie nicht verkneifen konnten, war ebenfalls nahe liegend.

Frosch nascht am Desinfektionsmittel

So wird der gerissene Steuerhinterzieher und Gammelfleisch-Unternehmer Gabriel von Eisenstein als großer "Mäzen" gewürdigt, weil er Künstler mit monatlich zehn Euro unterstützt, allerdings nur die, die in der Sozialkasse sind, jahrelang ein bezahlt und überhaupt alles richtig gemacht haben. Großzügig also in der Tat, und Gefängniswärter Frosch nascht notgedrungen am Desinfektionsmittel, denn bei tausend Euro monatlich aus dem bayerischen Nothilfefonds bleiben ihm ja sonst wenig andere Rauschmittel. Die Hilfe aber hat er nach eigenen Worten gleich vier Mal beantragt - freilich vergeblich.

© Peter Litvai/Landestheater Niederbayern
Bildrechte: Peter Litvai/Landestheater Niederbayern

Emily Fultz (Adele), Peter Tilch (Eisenstein)

Eine "Fledermaus" also passend zur Pandemie, was das Publikum auch deshalb keine Sekunde vergessen konnte, weil in Passau derzeit nur achtzig Zuschauer zugelassen sind. Der Liebhaber, der ja normalerweise im Schrank oder unter dem Tisch lauert, kam diesmal per Livestream aus dem Netz, überhaupt fanden zwischenmenschliche Aktivitäten vorzugsweise auf Instagram und anderen Plattformen statt. Nur das Gefängnis, in dem die "Fledermaus" bekanntlich ihr Ende findet, das war realistisch, einschließlich Kruzifix und Markus Söder an der Wand.

Influencerin unter Grippe-Verdacht

Ob allerdings die Vermutung richtig ist, dass sich der Ministerpräsident wie die halbblinden Fledermäuse mit Ultraschall durch die Krise bewegt und immer auf Echos wartet, bevor er seinen Kurs ändert? Ja, Corona dominierte diese Inszenierung so augen- und ohrenfällig, dass zwar immer wieder gelacht wurde, aber auch fast schon Befürchtungen aufkamen, wie lange solche Witze noch zünden, bevor sie nerven. Und Kalauer sind ja sowieso nur zu ertragen, wenn sie wirklich sehr gekonnt eingestreut werden. So steht Debütantin Adele als "Influencerin" sofort unter Grippeverdacht, und Eisenstein muss sich bei seinen Bestechungsversuchen ständig vor Schmierinfektionen in Acht nehmen.

© Peter Litvai/Landestheater Niederbayern
Bildrechte: Peter Litvai/Landestheater Niederbayern

Henrike Henoch (Rosalinde), Jeffrey Nardone (Alfred)

Hört sich eher holzhammermäßig als witzig an, aber ist es dem Landestheater Niederbayern zu verdenken? Seit Monaten wurde dort nicht mehr gespielt, kam keine Premiere raus, da müssen sich die existenzbedrohten Künstler Luft machen dürfen - und das war über knapp zwei pausenlose Stunden hinweg durchaus amüsant und musikalisch originell. Dass der achtköpfige Chor allerdings hinter einem Gazevorhang sang, funktionierte leider akustisch überhaupt nicht.

"Madam Butterfly" mit Synthesizern?

Unter den Solisten waren Peter Tilch ein sehr authentisch-schnoddriger Eisenstein, Henrike Henoch als dessen Ehefrau Rosalinde überzeugend lässig und Emily Fultz als Kammerzofe Adele erfrischend schlagfertig, was übrigens auch für Claudia Bauer als deren wienerische Schwester Ida galt. Wolfgang Maria Bauer als Frosch war eher knorrig als gewitzt, Reinhild Buchmayer als Prinz Orlofsky etwas zu wenig melancholisch beim von dieser Rolle geforderten Langweilen auf luxuriösem Niveau. Insgesamt ein durchaus erfreulicher Start in die neue Spielzeit, aber die Ankündigung, dass Puccinis "Madam Butterfly" womöglich ohne Chor und mit zwei Synthesizern zur Aufführung kommt, lässt doch eher fürchten als hoffen.

Wieder am 25. und 26. September in Passau, 2., 3. und 4. Oktober in Landshut und 24. und 25.11. in Straubing.

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