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"Der kotzende Hund": Geschichten aus dem Münchner Nachtleben | BR24

© Jazzbar Vogler
Bildrechte: Jazzbar Vogler

Für manche Gäste ein Wohnzimmer mitten in der Stadt: Die Jazzbar Vogler in der Münchner Rumfordstraße

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    "Der kotzende Hund": Geschichten aus dem Münchner Nachtleben

    Seit mehr als zwei Jahrzehnten betreibt Thomas Vogler eine Jazzbar in der Rumfordstraße. Davon erzählt er nun in seinem Buch – skurrile Kurzgeschichten, die zeigen, dass München mehr kann als Schickimicki.

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    Von
    • Markus Mayer

    "Der kotzende Hund: Kurz-Geschichten einer Bar" – das klingt verheißungsvoll. Immerhin: Eine Bar ist, ähnlich wie das Taxi, ein Kristallisationspunkt des Urbanen. Und den beobachtet Thomas Vogler schon seit 23 Jahren. Während des Lockdowns hat der Wirt der Jazzbar Vogler ein Buch über sein Etablissement geschrieben und es umgehend im Selbstverlag veröffentlicht. Knappe 150 Seiten. Kurzgeschichten im literarischen Sinne sind das nicht, auch keine Reportagen aus dem Nachtleben, sondern Erinnerungen, Anekdoten aus einer Kneipe mit angeschlossener Musikbühne. Anders gesagt: Das Sachbuch eines humorvollen Strippenziehers, aber keine hehre Poesie.

    Ein Wohnzimmer im Millionendorf

    Die Bar sei soetwas wie sein Wohnzimmer, erklärt der frischgebackene Autor im Gespräch: "ein erweitertes Wohnzimmer für Gäste und in meinem Fall auch Musiker. Natürlich spielt da Psychologie manchmal eine Rolle. Eine Bar ist ja auch ein Begegnungshotspot: Man lernt neue Menschen kennen, man kommt zu zweit und geht zu dritt. Es entsteht ein Austausch, allein schon über die Musik. Im Grunde genommen ist eine Bar etwas 'Menschelndes'."

    Vogler ist mit seiner Bar eine Erscheinung im Nachtleben der Stadt. Schließlich steht der Münchner, der jahrelang ohne Krankenversicherung lebte, für einen autonomen Kulturbetrieb, den es, dem Klischee nach, gar nicht geben dürfte in diesem angeblich so saturierten Millionendorf. Grundfalsch sei dieses Klischee nicht, so Vogler: "München hat natürlich – siehe Kir Royal – eine sehr Schickimicki-belastete Vergangenheit und in gewissem Sinne auch Gegenwart. Aber München ist nicht nur das. Ich wollte nie ein Szeneladen werden für Leute, die nichts anders gelernt haben als mit der Kreditkarte ihres Vaters herumzuwedeln. Und ich glaub, das ist mir über die Jahre sehr gut gelungen. Die Gästemischung stimmt für mich."

    Kondome, Gleitgel, Zigaretten... Alltag eben...

    Eine Bar, befand einmal der große Luis Buñuel, ist ein Ort der Meditation. Die Jazzbar Vogler ist zudem ein Treffpunkt von Musikliebhaberinnen und Musikliebhabern sowie Bühne für Vergnügungssüchtige und Nachtschwärmer, Touris inklusive. Amüsant ist die Szene aus Vogler Buch, in der eine Kundin den Bartender fragt, ob er auch Kondome habe, als ihr Begleiter auf der Toilette ist. Sie bräuchte acht Stück. "Optimistin" heißt diese kurze Skizze. Und so ähnlich geht es weiter: Da sind die Jungs vom Gay Sex Shop nebenan, die sich mit einer extra großen Tube Gleitcreme für eine Gefälligkeit bedanken; dann die Nachbarn, die nachts in Schlappen und Morgenmantel in die Bar schlurfen, um nach Ladenschluss noch Milch und Zigaretten zu erwerben. Der ganz normale Wahnsinn einer Großstadt eben.

    © Jazzbar Vogler
    Bildrechte: Jazzbar Vogler

    Seit 23 Jahren hinterm Tresen: Thomas Vogler in seiner Jazzbar

    Vieles, was Vogler notiert, ist alltäglich, erwartbar und dennoch erzählenswert. "Der kotzende Hund" ist jedenfalls eine kurzweilige Lektüre, bietet Erheiterndes, Allzu menschliches, das man sofort wieder vergisst, das aber wie ein gut gespielter Song sofort die Stimmung hebt.

    Mit Spenden durch die Pandemie

    Trotz der Pandemie steht die Jazzbar gut da. Thomas Vogler will der Trübsal und Tristesse nicht erliegen. Mit professioneller Seriosität trotzt er den Zeitläuften, den Unwägbarkeiten der Corona-Pandemie. Er hat ein Konto eingerichtet, auf dem Besucherinnen und Kunden Geld spenden können für Musikerinnen und Jazzkünstler. 30 000 Euro sind bisher geflossen. Eine unglaubliche Summe, bedenkt man wie klein das sympathische Lokal an der Rumfordstraße ist.

    Voglers Buch funktioniert wie ein Puzzle, ein Mosaik, das den Clubbetreiber als Unternehmer, als Arbeitgeber, Programmacher und Nachbar zeigt. Hinzu kommen gelegentlich Tätigkeiten als Ordnungshüter, Oberhirte und Sozialpädagoge. Mit seiner politischen Einstellung hält der Clubbetreiber auch nicht hinterm Berg. Vogler hat unter dem Label "Jazz gegen Rechts" Konzerte veranstaltet, außerdem Benefizabende für die Hinterbliebenen der NSU-Mordopfer gestaltet.

    Zum Schluss verrät der Wirt noch, dass es eine Fortsetzung geben wird vom "Kotzenden Hund". Er schreibe schon daran. Ein Buch mit Geschichten über die Musikerinnen und Musiker, die in seinem Laden aufgetreten sind. Bis dahin bleibt nur: Jazz zuhause von Platte, sprich Konserve, hören und dabei im "Kotzenden Hund" schmökern!

    "Der kotzende Hund" von Thomas Vogler ist in ausgewählten Buchhandlungen oder online erhältlich.

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