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Der gewalttätige Protest der Gelbwesten in Paris
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Barbara Knopf
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Der gewalttätige Protest der Gelbwesten in Paris

Das ist nicht das Frankreich, für das Deutschland seine Nachbarn liebt, bewundert, beneidet: die Lebensart, der Stil, die Küche. Stattdessen: Straßenschlachten, Gewalt – Revolution, vielleicht. Trotz der Zugeständnisse der Macron-Regierung, die Ökosteuer auf Benzin und Diesel, an der sich alles entzündete, auszusetzen, soll der Protest der gilets jaunes, der sogenannten Gelbwesten, am morgigen Samstag weitergehen. Was passiert da eigentlich gerade in dem Land, in dem Macron doch bis vor kurzem noch als charismatischer Hoffnungsträger für Europa galt? Darüber hat Barbara Knopf mit dem Journalist und Frankreichkenner Ulrich Wickert gesprochen. Wickert hat in diesem Sommer den Dresdener Literaturpreis bekommen für sein Buch: "Frankreich muss man lieben, um es zu verstehen."

Barbara Knopf: Ja, Herr Wickert, lieben Sie dieses Frankreich noch? Verstehen Sie, was da gerade passiert?

Ulrich Wickert: Ich liebe Frankreich immer noch, ich bin ja auch jetzt gerade in Frankreich – aber wenn ich mit meinen französischen Freunden spreche, dann verstehen die das auch nicht. Aber wenn wir uns ein bisschen mehr in diese Thematik einarbeiten, dann stellen wir fest: Macron ist von den Leuten in den Städten gewählt worden. Er hat in Paris 87 Prozent bekommen, in vielen anderen Städten lag er immer über 70 Prozent, aber in den ländlichen Gebieten hat der Front National gewonnen. Was wir jetzt erleben, das ist der Aufstand aus den ländlichen Gebieten gegen die Leute in den Städten. Das kann man auch erklären: Die Arbeitsplätze in den ländlichen Gebieten sind in den letzten zwanzig, dreißig Jahren immer weiter verschwunden, und zwar nicht nur die industriellen Arbeitsstellen, auch die Arbeitsplätze von Angestellten. In den nächsten fünf Jahren sollen etwa zwanzigtausend Arbeitsplätze von Banken auch in diesen Gegenden verschwinden – und das ist jetzt plötzlich durch einen Funken entzündet worden.

Dann verläuft die Frontlinie sozusagen zwischen urban und wohlhabend und ländlich und abgehängt?

Die französischen Soziologen benutzen den Begriff der "Peripherie". Interessanterweise hat man doch immer von der Banlieue gesprochen, die so gefährlich sei, aber die Banlieue findet im Augenblick überhaupt nicht statt! Jetzt erlebt man vielmehr, dass die Leute, die auf dem Land leben und das Auto brauchen, um zur Arbeit zu fahren, plötzlich sagen: Ich muss jetzt so viel mehr für die Benzinsteuer zahlen, wie ich überhaupt verdiene. Da kommt plötzlich eine Art von Klassenkampf ins Spiel, wenn Sie so wollen, von den Wohlhabenden gegen diejenigen, die abgesetzt sind. Das Interessante ist ja, dass sich hier eine Menge von Menschen plötzlich aufgemacht hat, die durch niemanden geführt wird. Dahinter steckt keine Partei, dahinter steckt keine Gewerkschaft, überhaupt keine Organisation, die haben ja auch keine Repräsentanten – und das macht es so gefährlich.

Der Schriftsteller Édouard Louis hat diesen Protest offensichtlich sehr dramatisch als ein Sittenbild im Stil von Les Miserables von Victor Hugo in den französischen Zeitungen gezeichnet, also als Aufstand der Geschundenen und der Armen. Ist das überspitzt oder ist es so, dass jetzt plötzlich die Armen sichtbar werden?

Also, es gibt ja auch diejenigen, die schon von den sansculottes sprechen

den Arbeitern in der Französischen Revolution…

Genau. Aber ich würde sagen, es sind zum großen Teil diejenigen, die sagen: Ihr redet immer vom Ende der Welt – sie meinen damit natürlich die Maßnahmen für Ökologie – wir reden vom Ende des Monats, weil wir dann kein Geld mehr haben. Das hört man immer wieder. Es gibt auch Leute, die sagen: Ich habe kein finanzielles Problem, aber ich mache trotzdem mit. Das Erstaunliche ist, dass 70 Prozent der französischen Bevölkerung mit dieser Bewegung sympathisieren.

Warum ist das so? Es ist ja doch eine extreme Gewalt, die losbricht.

Es ist eine extreme Gewalt, und man befürchtet bei den nächsten Demonstrationen am Samstag, dass es Tote geben könnte bei den Auseinandersetzungen mit der Polizei. Es gibt den Aufruf: Wir stürmen das Palais de l' Élysée, also den Sitz des Präsidenten. Und da haben alle Angst.

Würden Sie denn das Ganze noch als Bewegung bezeichnen oder doch schon als Revolte – oder als Revolution?

Nein, ich würde es nicht als Revolution bezeichnen. Dazu gibt es zu wenig revolutionäre Führer, keinen Robespierre oder ähnliche… Es ist eine Art Revolte der Leute aus den Regionen, aus der Peripherie. Und man weiß nicht, wie es weitergehen kann. Wenn es am Samstag sehr dramatisch ist, dann kann ich mir vorstellen, dass in der Woche darauf ein neuer Premierminister ernannt wird.

Ein neuer Premierminister – nicht ein neuer Präsident?

Nein, der Präsident wird gewählt vom Volke, also der wird bleiben.

Macron steht im Zentrum dieser Feindschaft. Nun ist Frankreich ein Land der Rhetorik, Macron ein guter Rhetoriker – vielleicht denkt er auch in größeren Dimensionen, an Europa-Reformen – aber ist er in Frankreich zu wenig ein Mann der Tat, also denkt er auch vorbei an den Bedürfnissen der Franzosen?

Er hat sogar eine ganze Reihe von sehr wichtigen Reformen gemacht, aber er ist ein sehr ungeschickter Redner. Also zum Beispiel: Da sagt ein junger Mann: Ich kriege keinen Job, nur Ablehnungen, ich will Gärtner werden. Da sagt Macron: Dann geh' auf die andere Straßenseite, da sind lauter Restaurants, die suchen Personal. Das kommt nicht gut an! Bei anderen Forderungen hat er gesagt: Bin ich der Weihnachtsmann? Das sind alles Dinge, die natürlich richtig sind – aber die darf ein Präsident nicht sagen! Deswegen wird er als sehr arrogant angesehen. Diese Sprüche von ihm sind mit einer der Gründe, weswegen sich dieser Zorn auch gegen ihn persönlich richtet.

Würden Sie sagen, diese Revolte könnte die bestehende Ordnung gefährden – also zunächst in Frankreich, aber dann vielleicht auch in Europa?

Ich sehe es nicht ordnungsgefährdend für Europa, aber es ist natürlich ordnungsgefährdend für Frankreich, das ist gar keine Frage. Es ist nicht vorherzusehen, wie sich das jetzt weiterentwickelt. Vermutlich wäre es das einzig Vernünftige, wenn es einen Regierungswechsel gibt und jemand zum Premierminister ernannt wird, der eine entspannte, ruhige Ausstrahlung hat. So jemand wie der ehemalige Premierminister Raffarin, jemand, von dem man sagt, der hat Ahnung. Das Problem im Augenblick ist ja auch, dass Macron noch nie ein politisches Amt innehatte, außer dass er mal kurz Wirtschaftsminister war. Édouard Philippe, der Premierminister, war Abgeordneter und Bürgermeister von Le Havre, aber ein großes Amt hat er auch nicht gehabt. Dadurch entstehen natürlich eine ganze Menge von Fehlern, auch von Kommunikationsfehlern – von dem, was man als Politiker an der Spitze manchmal sehr vorsichtig handhaben muss.

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kulturWelt vom 09.12.2018 - 08:30 Uhr