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Alles Banane in Krähwinkel: "Der Junge Lord" in München | BR24

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Die Kleinstadt Hülsdorf-Gotha wird von einem englischen Sir aufgemischt. Er entlarvt die Fremdenfeindlichkeit und Kleinkariertheit der Einwohner und macht einen Affen zum Lord. Das Publikum feiert Hans Werner Henzes Opern-Satire, die Regie überzeugt.

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Alles Banane in Krähwinkel: "Der Junge Lord" in München

Die Kleinstadt Hülsdorf-Gotha wird von einem englischen Sir aufgemischt. Er entlarvt die Fremdenfeindlichkeit und Kleinkariertheit der Einwohner und macht einen Affen zum Lord. Das Publikum feiert Hans Werner Henzes Opern-Satire, die Regie überzeugt.

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Krähwinkel steht Kopf: Da kommt ein echter englischer Sir in die kleine Residenzstadt, und was macht er? Jedenfalls nicht das, was alle erwarten. Statt mit den Honoratioren zu plaudern, Bälle zu besuchen und Damen zu beglücken, schaut er sich eine Zirkustruppe an und verschanzt sich ansonsten in seiner geheimnisvollen Villa, die voll gestellt ist mit exotischen Mitbringseln wie ausgestopften Papageien und juwelenbesetzten Totenköpfen. Da prallen sie also aufeinander, die kleine und die große Welt, der weit gereiste Gentleman und die sehr beschränkten Spießbürger.

© hristian POGO Zach/Gärtnerplatztheater München

Die Zirkustruppe wird verfolgt

Deutschland war Henze zu miefig

Komponist Hans Werner Henze rechnete 1965 gründlich ab mit Deutschland, das er früh Richtung Italien verlassen hatte, nicht zuletzt wegen seiner Homosexualität. Zu miefig, zu freudlos, zu kleinkariert war ihm seine Heimat - die er dennoch liebte. Aber gibt es dieses betuliche Bildungsbürgertum der frühen sechziger Jahre noch, das hier auf die Hörner genommen wird? Die steifen, bräsigen Stadtväter, die mit Klassikerzitaten um sich werfen, die klavierklimpernden und ignoranten Damen, die sich zum Tee verabreden und dabei ihre Töchter verscherbeln? Natürlich nicht, da reicht ein Blick auf ein beliebiges Foto vom damaligen Opernpublikum. Insofern ist der "Der Junge Lord" sehr veraltet, diese komische Oper nach einem Märchen von Wilhelm Hauff. Ein Affe spielt den titelgebenden vornehmen englischen Lord und entlarvt dadurch die so fremdenfeindliche wie hochnäsige Kleinbürgergesellschaft.

© hristian POGO Zach/Gärtnerplatztheater München

Neue Sitten in Hülsdorf-Gotha

"Hintertupfing" heißt hier Hülsdorf-Gotha

Regisseurin Brigitte Fassbaender, die im Juli stolze 80 wird und staunenswert vital ist, gelang es am Münchner Gärtnerplatztheater mit großem Geschick, den Staub wegzupusten, der sich mittlerweile auf dieses Stück gelegt hat. Sie zeigte die Biedermeierhölle so ideenreich und mit satirischer Poesie, dass die Oper auch ohne plumpe Aktualisierung funktionierte. So hatte Ausstatter Dietrich von Grebmer eine Spielzeugwelt entworfen, die buchstäblich kopfsteht. Die Kamera fährt zwischen den Szenen die winzigen Häuser ab und vergrößert das Hintertupfing, das hier Hülsdorf-Gotha heißt, zu einem unheimlichen, menschenleeren Geisterdorf. Brigitte Fassbaender versteht es blendend, nicht nur die Solisten schauspielerisch zu fordern, sondern auch im Chor zahllose, stumme Miniaturszenen ablaufen zu lassen. Hier ist jeder in der großen Besetzung ständig beschäftigt, sogar die Kinder, keiner steht nur herum, alle haben ihre Streitigkeiten, Liebschaften, langweilen und bekriegen sich, steigen einander nach oder gehen sich aus dem Weg.

© hristian POGO Zach/Gärtnerplatztheater München

Baronin Grünwiesel träumt von England

Der Affe wird zum Role Model

Herrlich, diesem Panoptikum zu folgen, den Blick schweifen zu lassen über diesem Tohubawohu. Der Affe wird zum Role Model, wenn er sich den Hintern kratzt, machen es alle, wenn er eine Banane schält, stopft sich auch der Bürgermeister eine ins Jackett. Dieser "Junge Lord" ist also Influencer der schaurigen Art. Ganz kurz, vor der Pause, tauchen schwarze Gestalten auf, die das Wort "Schande" ans Haus der Fremden pinseln, mehr Gegenwart ist in diesem Regiekonzept gar nicht nötig, denn Brigitte Fassbaender geht es nicht um einen politischen Kommentar, sondern um die menschliche Komödie als solche, diese ewig gleiche Welt der Duckmäuser, Narren und Hochstapler, die sich stets zum Affen machen, und aggressiv werden, wenn sie jemand daran erinnert. Und einen Insider-Witz leistet sich Fassbaender auch. Ihr Affe stolziert als Octavian aus dem "Rosenkavalier" herum, also genau in der Rolle, mit der sie einst als Mezzosopranistin weltberühmt wurde und über zwanzig Jahre auftrat: Rokoko-Outfit am Leib und silberne Rose in der Hand.

© Christian POGO Zach/Gärtnerplatztheater München

Keilerei um "Lord Barrat"

Das große Ganze im kleinen Einzelnen

Dirigent Anthony Bramall fand den richtigen, jazzigen Zugang zu dieser anspielungs- und zitatenreichen Partitur, wo die Mandoline für mediterrane Lebensfreude steht, die Blasmusik für deutsche Gemütlichkeit, die orientalischen Rhythmen für die Sehnsucht des Kleinbürgers nach Exotik. Henze verstand sich auf ätzende Effekte und liebliche Gemeinheiten, und hier wurden sie wunderbar bösartig vorgetragen, teils nach dem jungen Schostakowitsch klingend, teils wie Kurt Weill oder Prokofjew. Unter den zahlreichen Solisten überzeugten Maximilian Mayer als äffischer Lord mit viel Körpereinsatz im schweißtreibenden Kostüm, Ann-Katrin Naidu als divenhafte, aufgetakelte Baronin Grünwiesel, Bonita Hyman als resolute Köchin Begonia und Christoph Filler als Sekretär des stummen Sir Edgar, der das Gleichnis so stoisch inszeniert wie ein weiser Eremit. Auch Lucian Krasznec als junger, idealistischer Liebhaber Wilhelm und Mária Celeng als dessen angebetete, aber verschüchterte Luise waren ein glaubwürdig verqueres Paar. Insgesamt viel Beifall für diese kunterbunte Krähwinkelei kurz vor der Europawahl, wo es doch ums große Ganze im kleinen Einzelnen geht. Oder so ähnlich.

Wieder am 26. und 30. Mai, sowie 6. und 8. Juni, weitere Termine.

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