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Nir Barams Geschichte einer außergewöhnlichen Freundschaft | BR24

© Audio: BR / Bild: picture alliance / AP Photo

Schreiben ist ein Pakt mit dem Teufel: Der israelische Autor und Journalist Nir Baram

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Nir Barams Geschichte einer außergewöhnlichen Freundschaft

"Erwachen" ist bislang der autobiografischste Roman des israelischen Schriftstellers. Nir Baram erzählt vom Tod der Mutter und dem Suizid eines Freundes. Dabei beschönigt er nichts – und deckt auf, was in Familien und Freundschaften schiefläuft.

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Nir Barams Roman "Erwachen" erzählt vom frühen Tod der Mutter und dem Suizid des besten Freundes. Aber vor allem ist es die Geschichte einer außergewöhnlichen Freundschaft. Joel und Jonathan sind in den 80er-Jahren in einem säkularen Viertel von Jerusalem aufgewachsen. Sie fühlten sich als Außenseiter und flüchteten gemeinsam in Fantasiewelten. Im Erwachsenenleben scheinen die ausgedient zu haben. Doch dann zieht Joel sich schlagartig zurück, kündigt seinen Job, bezieht wieder sein Kinderzimmer. Einzig die gemeinsamen Erinnerungen an früher können ihn noch begeistern.

Trotzdem ist Jonathan nicht im Stande, seinem Freund zu helfen. Im Buch heißt es dazu: "Er ermunterte Joel inzwischen nicht mehr, in die Welt vor seinem Wiedereinzug bei den Eltern zurückzukehren, und sprach mit ihm auch nicht mehr über eine Wohnung in Tel Aviv oder eine neue Stelle. Seit fast zwei Jahren wohnte Joel nun wieder in Beit Hakerem, und einige seiner Freunde sagten, er werde niemals wiederkommen."

Schmerzhaft ehrliche Erzählung

Schmerzhaft ehrlich erzählt Nir Baram von der Hilflosigkeit des Freundes, von der Enttäuschung der Familie, dass noch nicht mal Jonathan ihn aus diesem Zustand herausrausholen kann. Es stecken so viele Aspekte in dieser ungewöhnlichen Geschichte einer Freundschaft, dass sie offensichtlich eine breite Leserschaft anspricht – Nir Baram hat über tausend Leserbriefe bekommen, nachdem "Erwachen" in Israel erschienen war: "Als das Buch veröffentlicht wurde, hatte ich das Gefühl, dass mir alles zu viel wird. Mein Freund Uri ist vor fünf Jahren gestorben – und auch wenn Joel nicht wirklich Uri ist, so gibt es doch Leute, die immer noch um ihn trauern. Und die haben mir daraufhin nochmal viele Geschichten über Uri erzählt, die ich gar nicht kannte. Es vergeht eigentlich kein Tag, an dem ich nicht an ihn denke. Ich dachte, das würde sich durch den Roman verändern. Hat es aber nicht."

Nir Baram lässt in seinem Roman Alpträume, Märchenwelten und Geschichten aus dem Alltag ineinanderfließen – manchmal muss man deshalb beim Lesen ein paar Seiten zurückblättern um herauszufinden, wann man eigentlich in diese Traumsequenz gerutscht ist. Sein großes Thema ist der Wunsch nach Verschmelzung, Symbiose und gleichzeitig die Angst und Verletzlichkeit, die damit einhergeht. Mit "Erwachen" kann man tief eintauchen in einen Strudel von Ängsten: vor dem Alleinsein, dem Nicht-Verstanden-Werden, vor zu viel Nähe oder den eigenen Aggressionen.

"Wenn du schreibst, schließt du einen Pakt mit dem Teufel"

Als der Protagonist Vater wird, bekommen die Ängste eine neue Dimension, doch gleichzeitig wird das Schreiben für ihn eine Möglichkeit, die Welt zu ertragen. Das gilt auch für Nir Baram: "Wenn du schreibst, schließt du einen Pakt mit dem Teufel. Weil du dann alle Erfahrungen – auch die schmerzhaften – für deine Literatur benutzt. Aber du kannst nicht einfach den Laptop zuklappen und alles vergessen. In der Beziehung mit meinem Sohn spielt die Welt der Fantasie auch eine große Rolle. Und auch diese Beziehung hat etwas Symbiotisches und macht mir Angst. Das gab es nicht nur mit Joel, sondern auch mit meinem Kind."

Seit er Vater ist, erzählt Nir Baram, wünsche er sich manchmal einen ganz normalen Bürojob. Denn um nach dem Schreiben wieder völlig in der Realität anzukommen, brauche er manchmal bis zu zwei Stunden. Aber auch bei seinen Leserinnen und Lesern kämen sich manchmal Realität und Fiktion in die Quere, sagt Nir Baram: "Als mein Sohn zum allerersten Mal in den Kindergarten kam, hat die Leiterin ihn mit den Worten begrüßt: ‚Itamar, komm her!‘ Aber mein Sohn heißt nicht Itamar, sondern Daniel. Das Kind im Buch heißt Itamar. Das war eine krasse Situation, aber so etwas ist mir öfter passiert mit diesem Buch."

Nir Barams Geschichte von Joel und Jonathan ist einerseits sehr israelisch: das Viertel, die Wertvorstellungen der Eltern, die Zeit beim Militär, die obligatorische Weltreise danach. Er beschönigt nichts und erzählt auch sehr wahrhaftig davon, was in Familien und Freundschaften so schrecklich schiefläuft, ohne dass einer der oder die Schuldige sein müsste. Als wäre er nicht nur seinen literarischen Figuren, sondern auch den Toten gegenüber um Fairness bemüht.

"Erwachen" von Nir Baram ist im Hanser Verlag erschienen, übersetzt aus dem Hebräischen von Ulrike Harnisch.

© Hanser Verlag/ Montage BR

"Erwachen" von Nir Baram ist im Hanser Verlag erschienen.

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