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Der "Herr der Hühner" Peter Gaymann wird 70 | BR24

© Peter Gaymann

Trostpflaster in der Krise: Die Corona-Cartoons von Peter Gaymann

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Der "Herr der Hühner" Peter Gaymann wird 70

Peter Gaymanns augenzwinkernde Hühner-Cartoons sollen uns mit dem Leben versöhnen – oder mit dem Partner: Humor als Mittel zur Beziehungsarbeit. In der Corona-Krise können sie auch Trost spenden, wie eine Ausstellung zu seinem 70. Geburtstag zeigt.

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Eine tragische Szene ist das auf dieser Zeichnung: Man sieht ein Huhn, plattgefahren, mitten auf der Straße, Kommentar der trauernden Hühnerkolleginnen außen herum: "Sie war sich so sicher, dass die Münchner am Wochenende alle brav zu Hause bleiben." In diesem Corona-Cartoon steckt die ganze Problematik der frühen Zeit des Lockdowns – die verschiedenen Privilegien von Stadt und Land, die Nöte: Zuhausebleiben oder Ausflugsstrom an den See, die Frage: Opfer oder privilegiert? Gezeichnet hat dieses "Corona-Trostpflaster" natürlich Peter Gaymann, Cartoonist und Herr der Hühner. Heute wird der gebürtige Freiburger, der im oberbayerischen Schäftlarn lebt, 70 Jahre alt: Barbara Knopf hat mit Peter Gaymann gesprochen.

Barbara Knopf: Herr Gaymann, Sie bekämpfen Corona mit Humor und Hühnern, täglich ein Huhn?

Peter Gaymann: Ja, ich habe seit dem ersten Tag des Lockdown bis Pfingsten jeden Tag ein sogenanntes "Trostpflaster-Cartoon" gezeichnet und auch gleich gepostet. Ich dachte, alles, was jetzt passiert, muss auch gleich mal unter die Leute. Denn wer weiß, ob das im nächsten Jahr noch jemand sehen will?

Sehr schön ist ja auch folgendes Cartoon: Zwei Hühner, beide ohne Mundschutz. Das eine brüllt das andere durch ein Megafon an: Bleib gesund! Lässt sich über das Huhn besser über menschliche Schwächen nachdenken?

Ich male Hühner, aber oft auch Menschen. Ich mache ja beides. Ich habe auch den Wunsch, ganz bestimmte Charaktere zu zeichnen: Dicke, Dünne, Junge, Alte, Kinder, die gestressten Mütter, die Homeschooling machen, die Väter im Homeoffice und so weiter. Das sind individuell ausgearbeitete Figuren. Während die Hühner immer Hühner sind.

© Horst Galuschka dpa

Unter Hühnern: Auch mit 70 Jahren ist der Cartoonist Peter Gaymann seinen tierischen FreundInnen treu geblieben

Wie muss man sich den Zeichner Peter Gayman denn eigentlich vorstellen? Sie haben mal gesagt: "Man stichelt immer in den Heuhaufen rein." Das heißt, da ist viel Intuition dabei?

Meine Bilder sind sicher Resultat von vielen Beobachtungen und Gesprächen. Ich nehme vieles auf und kann dann im Atelier, wenn ich wieder über meinem Zeichenblock sitze, in meiner Schatzkiste im Kopf ein bisschen wühlen. Und dann fange ich an nachzudenken. Es ist schon viel Nachdenken dabei. Es ist Arbeit, auch Humorarbeit, wie man sagt.

Ist es eigentlich auch schwer, die Welt immer im Modus des Humors zu sehen?

Man muss schon auch seinen eigenen Humor und Selbstironie mitbringen, auch über sich selbst lachen können. Humor ist für mich menschenfreundlich. Ich will nicht die anderen fertig machen, sondern ihnen höchstens einen Spiegel vorhalten. Ich will nicht einfach nur über sie lachen, ich bin ja vielmehr selbst Teil dieser Gesellschaft! Ich habe mich zum Beispiel auch mit Demenz beschäftigt und einen Kalender gemacht über so schwierige Themen wie Demenz oder über Kinderhospize. Auch Krisen, so wie jetzt die Pandemie, zeigen immer wieder, dass es total wichtig ist, auch mit Humor reagieren zu können. Deswegen reizen mich schlechte Zeiten genauso wie gute Zeiten.

Könnten Sie mal ein Demenz-Cartoon beschreiben?

Man weiß ja, dass demente Menschen manchmal von zu Hause ausbüxen. Auf dem Cartoon steht an einem Zebrastreifen vor einer roten Ampel ein älterer Mann mit Stock, im Schlafanzug. Neben ihm wartet ein jüngerer Mann im Business Anzug mit Aktenkoffer. Und der junge Mann sagt zu dem Alten: "Alle Achtung, Sie haben aber Mut, im Schlafanzug auf der Straße!" Und der alte Mann sagt zu ihm: "Ist maßgeschneidert." Ich möchte demjenigen, der krank ist, auch die Chance und Würde geben, zu kontern. Zeigen, dass er auch etwas drauf hat. Das darf man auch machen. Da habe ich gemerkt, dafür sind viele dankbar, das nehmen die Menschen auch gerne an.

© Peter Gaymann

Peter Gaymann zeichnet in der Corona-Krise Cartoons, die trösten sollen.

Im Grunde sind sie ja nicht nur Zeichner, sondern eigentlich auch Texter! Die Zeichnungen leben sehr stark von der Kommunikation.

Ja, genau. Kommunikation, das soziale Miteinander hat mich immer interessiert. Ich habe ja Sozialpädagogik studiert, nicht Kunst. Als Zeichner bin ich Autodidakt. Dass ich was mit Kunst machen könnte, war mir erst mal gar nicht klar. Aber nach vier Jahren Studium habe ich gedacht: Naja, wenn ich jetzt in den Beruf gehe, dann muss ich jeden Tag acht Stunden und länger arbeiten - dann ist es mit dem Zeichnen vielleicht ganz vorbei… Und deswegen habe ich mir selbst verordnet, dass ich zwei Jahre ausprobiere, jeden Tag mehrere Stunden zu zeichnen oder mich mit Zeichenthemen und anderen Künstlern zu beschäftigen. Aus diesen zwei Jahren sind jetzt 40 Jahre geworden. Und über hundert Bücher.

Zum Sechzigsten haben Sie sich mit einem Buch beschenkt und einem Huhn auf dem Cover, das unter Mühe eine Flasche Wein entkorkt. Welchen Cartoon gibt's zum Siebzigsten? Hoffentlich nicht dieses "Corona- Trostpflaster", auf dem ein Mann allein am Tisch sitzt - mit einem Meter Abstand zu seinem Weinglas…

(Lacht) Oh Gott, ich habe mir selbst noch keinen Cartoon gezeichnet, aber das Buchheim Museum hat mir diese Ausstellung geschenkt, in der wir die ganze Serie der 80 Corona-Zeichnungen zeigen. Und ich hoffe, dass trotz Mundschutz einige ins Museum gehen und sich diese Sachen anschauen.

Der Cartoonist Peter Gaymann feiert heute seinen 70. Geburtstag. "Gaymanns Virus-Visionen" sind bis 11. Oktober 2020 im Buchheim Museum in Bernried zu sehen.

© Peter Gaymann

Hühner-Cartoons als Katalysator und Trostpflaster in Krisenzeiten

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